Lisa Graf: Dallmayr. Der Traum vom schönen Leben, Roman, (Dallmayr-Saga, Band 1)

Lisa Graf: Dallmayr. Der Traum vom schönen Leben, Roman, (Dallmayr-Saga, Band 1), München 2021, Penguin Verlag, ISBN 978-3-328-60204-0, Klappenbroschur, 640 Seiten, Format: 13,6 x 4,9 x 21 cm, Buch: EUR 15 (D(, EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 12,99.

Abb.: (c) Penguin Verlag

München, 1897: 20 Jahre lang haben Anton Randlkofer (57) und seine Frau Therese (49) ein Geschäft geführt. Sie sind ein gutes Team und haben drei Kinder, deren Erziehung aufgrund der vielen Arbeit vielleicht ein bisschen zu kurz gekommen ist. Die beruflichen Träume und Pläne gehen ihnen nie aus. Die Visionärin ist Therese. Anton trägt alles mit, was er verantworten kann.

Große Pläne für den ‚Dallmayr’

Vor zwei Jahren haben sie ihren Laden verkauft und das alteingesessene Feinkostgeschäft Dallmayr in der Altstadt von München übernommen: gehobenes Angebot, gehobene Klientel.

„Und wenn der Marienplatz das Herz der Stadt war, so sollte der ‚Dallmayr’ der Bauch der Stadt werden – das hatten Therese und Anton einhellig beschlossen. Der Laden sollte eine Verheißung für alle Feinschmecker sein, die Wert auf außergewöhnliche Qualität und Frische der Lebensmittel legten und darauf brannten, neue, bislang unbekannte, auch exotische Genüsse zu erleben.“ (Seite 12)

Das Konzept kommt an, der Laden brummt, doch Anton Randlkofer kann sich nicht lange an dem Erfolg erfreuen. Zwei Jahre nach der Übernahme des Dallmayr erkrankt er schwer und stirbt. Bei aller Trauer: Jetzt wittert Max, Antons jüngerer Bruder, Morgenluft. Insgeheim hat er seinem Bruder den beruflichen Aufstieg geneidet und gedenkt jetzt, den Dallmayr zu übernehmen. Doch seine Schwägerin Therese lässt ihn kühl abblitzen. Sie traut sich durchaus zu, das Geschäft auch ohne ihren Mann weiterzuführen.

Geheimnisse und miese Tricks

Max greift zu Mitteln, vor denen sogar der legendäre Fernseh-Fiesling J.R. Ewing aus DALLAS anerkennend seinen Cowboyhut gezogen hätte. Doch Max hat es nicht mit einer hilflosen Witwe zu tun, sondern mit einer ausgebufften Geschäftsfrau. Er beißt auf Granit.

Zum Glück weiß Max nichts von Antons Geheimnis, von dem selbst Therese erst nach dessen Tod erfahren hat. Das will sie auch weiterhin bewahren, denn mit dem Wissen könnte man dem Ruf der Familie massiv schaden. Unglücklicherweise betrifft die Angelegenheit eine ganze Reihe von Menschen. Da Therese aber niemanden ins Vertrauen zieht, trifft sie nun Entscheidungen, die für ihr Umfeld nicht nachvollziehbar sind.

Was ist nur mit Mutter los?

Insbesondere Thereses Nichte Balbina Schmidbauer, die den Randlkofers den Haushalt führt, versteht die Welt nicht mehr. Was hat die Tante auf einmal gegen sie? Hat sie denn nicht immer vorbildlich für alle gesorgt und den Onkel aufopferungsvoll gepflegt? Und das ist der Dank? So muss sie sich nicht behandeln lassen! Sie packt ihre Sachen und geht.

Auch Sohn Hermann kapiert nicht, warum er so Knall auf Fall erst nach Hamburg und dann nach Teneriffa geschickt wird. Ja, gut, um sich um die Einfuhr von Kaffee und Bananen zu kümmern. Aber das ging jetzt schon arg schnell! – Paul, der jüngste Sohn, muss hilflos zusehen, wie ihn nach und nach seine wichtigsten Bezugspersonen verlassen. Erst der Vater, dann die Cousine und jetzt auch noch sein großer Bruder!

Elsa hat eigene Pläne

Nur die Tochter des Hauses, Elsa, bleibt von alledem unbeeindruckt. Weder mit der Familie noch mit dem Geschäft hat sie viel am Hut. Sie ist in einem katholischen Mädchenpensionat und träumt von einem Studium. Vom Unterricht ist sie unterfordert und ihrer Findigkeit und ihren Lügen haben die Klosterschwestern nichts entgegenzusetzen. Sie hält sich an keine Regeln und macht ihr eigenes Ding.

Elsa ist 16, als sie den mittellosen Künstler Sigmund Rainer kennenlernt und ihm gestattet, sie zu zeichnen. Dass das Bild in einer Ausstellung landet, davon ist aber nie die Rede gewesen. Auch wenn es nicht sonderlich freizügig ist: Wenn ihre Mutter das sieht, gibt’s massiven Ärger! Zum Glück hat’s ihre Familie nicht so mit der Kunst, denkt Elsa. Vielleicht kriegen sie ja gar nichts von der Sache mit. Tja, der Teufel ist ein Eichhörnchen …

Es gibt immer viel zu tun

Wenn alle mit ihrer Geheimniskrämerei aufhören und stattdessen den intriganten Onkel Max mal in seine Schranken weisen würden, wäre schon viel gewonnen. Aber in einem Geschäftshaushalt bleibt das Private oft auf der Strecke. Da geht’s um Waren, Kunden, Ideen, Geld und Personal. Und in diesem Fall auch um eine lange geplante Geschäftserweiterung. Immer ist irgendwas, um das sich die Randlkofers vordringlich kümmern müssen. Und weil wir die Geschichte nicht nur aus der Perspektive der Familie sondern auch aus der Sicht von Balbina Schmidbauer und den ehrgeizigen Geschwistern Loibl – Lehrling Ludwig und dessen Schwester Lilly – erzählt bekommen, ist das für uns Leser:innen ein sehr turbulenter und abwechslungsreicher Genuss.

Lieblingsfiguren

Jede:r wird hier seine Lieblingsfiguren finden, deren Schicksal er/sie mit besonderem Interesse verfolgt. Bei mir waren es nach der taffen und geschäftstüchtigen Therese ihre fleißige und kreative Nichte Balbina, über die wir Leser:innen bald mehr wissen als sie selbst. Der Ärmsten spielt man schon übel mit! Und dann ist da noch der unbeholfene Azubi Ludwig Loibl, in dem ungeahnte Talente schlummern.

Nur mit Elsa Randlkofer wurde ich nicht recht warm. Sie mag so intelligent, zielstrebig und willensstark sein wie ihre Mutter, aber während Therese diese Eigenschaften plus eine gewisse Härte zur Existenzsicherung nutzt, halte ich ihre Tochter für eine eiskalte Egoistin und verlogene B*tch. Vielleicht entwickelt sie sich ja noch zum Positiven. Noch ist sie ein Teenager, und dem vorliegenden Band sollen ja zwei weitere folgen. 

Roman, keine Biographie!

Leser:innen, die so neugierig sind wie ich und gerne spoilern, sei gesagt: Es bringt nicht viel, nach den Personen in diesem Buch zu googeln. Das ist ein Roman und keine Biographie. Die Familie Randlkofer gab’s natürlich, und auch die Entwicklung des Unternehmens entspricht den Tatsachen. Wie es allerdings im Privatbereich der Geschäftsleute zuging, das ist Fiktion.

Jetzt bin ich mal gespannt, wie es weitergeht mit Therese und Max, Hermann und Sonia, Paul, Elsa und ihrem Maler, Balbina, Ludwig, Lilly und all den Freunden und Angestellten des Hauses. 

Ein Personenverzeichnis wäre nicht schlecht gewesen. Wenn Nebenfiguren nach hundert oder zweihundert Seiten plötzlich wieder auftauchen, bin zumindest ich leicht überfordert. Moment! Wer sind noch Mal die Vollmars? Wo sind wir denen schon begegnet? Und was war mit dem Herrn Edelmann? Das lässt mir dann keine Ruhe und ich blättere so lange zurück, bis ich die Stelle gefunden habe, an der von diesen Leuten schon mal die Rede war. Ein schneller Blick in eine Liste würde den Lesefluss weniger lange unterbrechen.

Die Autorin

Lisa Graf ist in Passau geboren. Nach Stationen in München und Südspanien schlägt sie gerade Wurzeln im Berchtesgadener Land. Als Hobbybäckerin hat sie eine Schwäche für Trüffelpralinen und liebt Zitronensorbet mit Champagner. Mit ihrem grandiosen Familiensaga-Auftakt entführt sie ihre Leserinnen ins München der Jahrhundertwende und verzaubert mit einer wunderbaren Familiengeschichte rund um den Feinkostladen Dallmayr.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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