Stella Cornelius-Koch: Wellenrauschen. Auf den Spuren der Vergangenheit, Roman

Stella Cornelius-Koch: Wellenrauschen. Auf den Spuren der Vergangenheit, Roman, Bamberg 2021, Edition Forsbach, ISBN 978-3-95904-174-4, Softcover, 277 Seiten, Format: 12,7 x 2,7 x 18,8 cm, Buch: EUR 12,90, Kindle: EUR 6,90.

Abb.: (c) Edition Forsbach

„Doch was wäre, wenn sie Hanna trotzdem nicht ausfindig machen konnten oder sie bereits gestorben wäre? Oder auch, wenn sie sie finden würden: Was wäre, wenn Hanna gar nichts mit ihnen zu tun haben wollte? Oder wenn sie ihnen ein Geheimnis über Carl offenbaren würde, das besser ungelüftet bliebe?“ (Seite 147)

Ein mysteriöser Brief im Nachlass

Heiligenhafen: Vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes Carl wagt sich Louise Martens (69) endlich daran, die Kiste mit seinen persönlichen Papieren zu sichten. Neben allerlei langweiligem Kram findet sie einen kaum mehr leserlichen Brief aus den 60er-Jahren von einer Hanna aus New York und es liegt das Foto einer attraktiven jungen Frau bei. Wer ist das? Offenbar eine von Carls Verflossenen. Warum hat er sie nie erwähnt, wenn sie ihm augenscheinlich so wichtig war, dass er fast 50 Jahre lang ihren Brief und ihr Foto aufbewahrt hat?

Louise alarmiert sofort ihre Schwiegertochter Sina (39), mit der sie schon befreundet war, lange bevor diese ihren Sohn Mark kannte. Sina gelingt es, den eingescannten Brief zur Gänze lesbar zu machen. Trotzdem bleiben Fragen: Warum ist Hanna alleine ausgewandert? Ihr Brief ist liebevoll, es sieht nicht danach aus, als habe sie sich im Streit von Carl getrennt.  

Wer ist Hanna?

Als Texterin und Buchautorin ist Sina das Recherchieren zur zweiten Natur geworden. Allen ist klar, dass sie nun nicht mehr locker lassen wird, bis das Geheimnis um Hanna gelöst ist. Dabei hat sie derzeit ganz andere Sorgen. Ihr Ex macht wieder mal Zicken und droht zum drölfzigsten Mal, das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn einzuklagen, und das nur, weil Sina einmal einen Termin verschwitzt hat. 

Natürlich wird auch Freundin Nr. 3 umgehend informiert, die etwas schusselige Ernährungsberaterin Karin (52). Die leidet derzeit nicht nur unter Wechseljahrbeschwerden, sondern auch unter den Auswirkungen ihrer ungewöhnlichen Patchworkfamilie: Ihre Tochter aus erster Ehe ist liiert mit dem Sohn ihres zweiten Ehemanns. Also ist sie Stief- und Schwiegermutter zugleich. Hat das junge Paar eine Krise, färbt das unweigerlich auf das Elternpaar ab. Und derzeit kracht’s gewaltig.

Da ihre „Problembären“ beratungsresistent sind und machen, was sie wollen, können Sina und Karin ihre Energie ebenso gut darauf verwenden, ihrer Freundin Louise bei der Suche nach der geheimnisvollen Hanna zu helfen. Dass ihr Mann so etwas Wichtiges vor ihr verheimlicht hat, macht ihr schwer zu schaffen.

Unter seltsamen Umständen tauchen weitere Briefe von Hanna auf. Sie lassen auf eine große Liebe schließen und auf strenge, verständnislose Eltern. Leider lebt von Carls Familie niemand mehr, den man nach Hanna fragen könnte. Selbst Louise hat ihre Schwiegereltern kaum gekannt. Ihre Hochzeit mit Carl haben sie schon nicht mehr erlebt.

Die Spur führt nach New Jersey

Sinas Recherchen führen nach New Jersey. Offenbar hat sie Shirley, Hannas Tochter, gefunden. Also lassen die drei Frauen alles stehen und liegen und fliegen in die USA. Als sie Shirley schließlich gegenüberstehen, fallen sie aus allen Wolken. Was sie sich über die Ereignisse in den 60er-Jahren zusammengereimt haben, kann so nicht gewesen sein!

Leider will Hanna nicht mit ihnen sprechen. Sie hat mit ihrem Leben in Deutschland endgültig abgeschlossen. Doch die drei Freundinnen haben nicht diese weite Reise auf sich genommen, um sich auf den letzten Metern abwimmeln zu lassen. So schnell geben sie nicht auf! Was sie im folgenden erfahren, ist noch tragischer als alles, was sie bislang vermutet hatten. 

Die Vergangenheit können sie natürlich nicht ändern, aber Freundschaft kann so manchen Schmerz lindern. Und auch das Meer entfaltet seine heilende Kraft …

Die Macht der Freundschaft

Es ist schön zu sehen, wie die Freundinnen in allen Lebenslagen zusammenhalten. Natürlich fragt man sich als Leser:in, genau wie die drei, was um Himmels Willen den grundehrlichen Carl zu dieser Heimlichtuerei bewogen hat. Die drei hätten meinetwegen gern noch etwas verblüffter sein dürfen, als sie endlich hinter die Wahrheit kommen. Ich wäre geplättet und peinlich berührt gewesen. Aber so sind die Menschen verschieden. 

Ich wäre ja auch nie auf die Idee gekommen, die Unbekannte selbst zu suchen, sondern hätte eine Detektei beauftragt, die auf solche Fälle spezialisiert ist. So kenne ich das aus den USA. Die haben ganz andere Möglichkeiten als eine Privatperson. Als erstes hätten die Detektive mal Frieda – Louises Bekannter – auf den Zahn fühlen müssen. Wenn sie wirklich in den 1960er-Jahren mit Hanna befreundet war, müsste sie doch etwas über deren familiären Hintergrund wissen. Zumindest ihren damaligen Familiennamen sollte sie kennen.

Die Freundinnen kriegen das aber auch ohne professionelle Unterstützung hin. Vielleicht haben sie ja Hilfe vom Universum. Wie sie an weitere Hanna-Briefe kommen, ist zumindest ziemlich schräg. Und Schwertmuscheln als Zeichen des Schicksals zu deuten, das überlasse ich gerne Louise. Die Muscheln mögen immer dann in ihr Blickfeld geraten, wenn die Geschichte eine entscheidende Wendung nimmt, aber das halte ich für puren Zufall. 

Geballte Frauenpower

Auch wenn ich für Teile des Romans zu dröge oder zu phantasielos bin: Im Problemfall wünsche ich mir, solche Freundinnen wie Louise, Sina und Karin an meiner Seite zu haben – und selbst eine solche Freundin zu sein. Die drei machen mit Verstand, Engagement und Beharrlichkeit das nahezu Unmögliche füreinander möglich. Bei dieser geballten Frauenpower braucht’s gar keine Esoterik. 

Ob sie auch die bockigen Männer in ihrem Umfeld wieder in die Spur bringen können, wird die Zeit zeigen. Wunder dauern etwas länger.

Ich kannte den Vorgängerband WELLENFLÜSTERN und konnte mich grob an die komplexen Familienkonstellationen erinnern. Um nicht durcheinanderzukommen, habe ich mir dennoch eine Übersicht gebastelt mit Name, Alter, Beruf, Kindern, aktuellen und ehemaligen Partner:innen. Man kann den Band durchaus lesen, ohne die Vorgeschichte zu kennen, aber weil hier alle – außer dem Therapiehund Sammy 😉 – in Patchworkbeziehungen leben, erfordert das ein wenig Konzentration.

Die Autorin

Stella Cornelius-Koch, Jahrgang 1967, lebt mit ihrer Familie in Bremen. Sie ist Medizin-Journalistin, Herausgeberin eines Pressedienstes, Sachbuchautorin sowie Mental- und Stresscoach. Als „Leseratte“ liebt sie Romane, die humorvoll, romantisch und ernsthaft zugleich sind. Schon als Kind fuhr sie regelmäßig mit ihren Eltern nach Heiligenhafen in den Urlaub. Seither zieht es sie immer wieder in das Ostseebad zurück, wo sie sich entspannt und neue Energie tankt. Durch ihre eigenen Erfahrungen hat sie vielfach erleben dürfen, wie wertvoll und hilfreich Freundschaften zu Frauen unterschiedlichen Alters sein können – ohne Neid und Zickereien.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert