Ben Aaronovitch: Die Füchse von Hampstead Heath. Eine Abigail-Kamara-Story

Ben Aaronovitch: Die Füchse von Hampstead Heath. Eine Abigail-Kamara-Story, OT: What Abigail Did That Summer, Deutsch von Christine Blum, München 2021, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21959-4, Softcover, 222 Seiten, Format: 12,1 x 2 x 19,3 cm, Buch: EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 7,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) dtv

„Ist […] die Schattendame womöglich der Geist einer Praktizierenden? Ich dachte, damals wären das alles Männer gewesen. Die Porträts im Folly zeigen jedenfalls nur Männer, die reinste Chauvi-Parade. Oder galt auch für Magie das, was Mrs. Redmayne über Wissenschaft und Kunst und Literatur sagt, und die Frauen wurden bloß aus allem herausgephotoshoppt? Und ist das jetzt der richtige Zeitpunkt, um mir über so was Gedanken zu machen?“ (Seite 191)

Ein Spin-off für junge Leser:innen?

Jetzt weiß ich auch nicht: Versucht der Autor, die Peter-Grant-Reihe mit diesem Spin-off jugendbuchtauglich zu machen? Mir kam’s so vor: Die Heldin ist 13 Jahre alt, das Buch von überschaubarem Umfang und nicht so überladen mit Nebenhandlungen, Nebenfiguren und lästerlichen Bemerkungen wie die eigentliche Reihe. Die Geschichte ist zwar streckenweise gruselig, aber nicht über die Maßen brutal oder erschreckend.

Die Idee eines Jugendbuch-Ablegers würde mir gefallen. Für mich ist DIE FÜCHSE VON HAMPSTEAD HEATH außerdem das erste Spin-off/Prequel der Reihe, das wirklich funktioniert. Was daran liegen mag, dass Aaronovitch für diese Geschichte nicht irgendwelche komischen Leute aus dem Hut zaubert, von denen kein Mensch je gehört hat, sondern die Vorgeschichte einer bereits etablierten Nebenfigur erzählt: die von Abigail Kamara, der magisch begabten Cousine des Magie-Polizisten Peter Grant.

Abigail will mehr vom Leben

London, 2013: Die dreizehnjährige Abigail hat’s nicht leicht. Sie ist ausgesprochen schlau, doch sie muss erkennen, dass ihre Chancen im Leben dennoch limitiert sind: Sie ist weiblich, schwarz und arm und wird daheim nur als Hilfspflegekraft für ihren todkranken Bruder wahrgenommen. Von dort ist keinerlei Unterstützung zu erwarten. Dass sie ein ganzes Wochenende verschwinden kann, ohne dass es jemand merkt, spricht Bände. Gerne würde sie, wie ihr Cousin Peter Grant, für das „Folly,“ die Magiepolizei, arbeiten. Sie büffelt eifrig Latein, weil Peter gesagt hat, dass sie das für die Zaubersprüche brauchen wird. Er scheint der einzige zu sein, der sie ein bisschen fördert und an sie glaubt.

Vermisste Teenies …

Zufällig läuft sie in der Stadt dem gleichaltrigen Simon über den Weg, einem weißen Jungen aus begütertem Elternhaus. Der ist nett und freundlich aber nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte. Sie stellen fest, dass sie beide von ihren Verabredungen versetzt worden sind und ziehen gemeinsam los. Zack, haben sie die Polizei auf den Fersen. Warum? Weil ihre jeweiligen Dates, Jessica und Natali, als vermisst gemeldet wurden. Doch weder Simon noch Abigail können dazu etwas Erhellendes sagen. Beide wurden von Mädchen, zu denen sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hatten, überraschend angesprochen, zu einem „Event“ eingeladen – und dann am Treffpunkt stehen gelassen. Mehr wissen sie nicht. Seltsam ist das ja schon.

… und sprechende Füchse

Das finden auch die paramilitärisch organisierten sprechenden Füchse von Hampstead Heath, die sich umgehend mit Abigail in Verbindung setzen. (Dem naiven Simon kommt das kein bisschen sonderbar vor!) Da draußen ist irgendwas Unheimliches, dem sie nicht beikommen. Teenager verschwinden, tauchen wieder auf, können sich an nichts erinnern, verschwinden wieder … Abigail soll sich darum kümmern.

Jetzt wäre es gut, wenn sie ihren Cousin einschalten könnte. Magische Vorkommnisse fallen ja in seinen Aufgabenbereich. Aber Peter ist derzeit nicht in der Stadt, und vor seinem Chef Thomas Nightingale hat Abigail doch ein bisschen Mores. Also ermitteln sie, Simon und die Füchse selbst. 

Von einem bronzezeitlichen Hügelgrab aus führt die Spur zu einer verfallenden Doppelhaushälfte in der East Heath Road. Hier wurden offenbar vor längerer Zeit Renovierungsarbeiten begonnen und die Baustelle dann – aus welchen Gründen auch immer – fluchtartig verlassen. Finden hier die „Events“ statt, von denen Jessica und Natali sprachen? Verschwinden hier all die Teenager?

Party im Spukhaus

Abigail, Simon und Füchsin Indigo fackeln nicht lange und brechen in das Gebäude ein. Und in der Tat: Irgendwas Paranormales geht hier vor. Mit geisterhaften Dinnerpartys aus verschiedenen Epochen sind die Vorgänge nur unzureichend beschrieben. Und ob die verschwundenen Kids hier sind oder nicht, hm, das ist Ansichtssache. Sicher ist nur eines: Die drei Amateurdetektive sind zwar ins Haus reingekommen, aber es gibt keinen Weg mehr hinaus. Man kann nicht mal ein Fenster einwerfen und ins Freie klettern. Irgendwas oder irgendwer will sie nicht mehr gehen lassen. Und wer oder was immer das ist: Es versteht keinen Spaß.

Dumm nur, dass niemand da draußen weiß, dass die drei überhaupt in dieses Haus gegangen sind. Wie werden nun eine dreizehnjährige Hobby-Geisterjägerin, ein unbedarfter Junge und ein sprechender Fuchs mit magischen Ereignissen dieses Kalibers fertig?

Klug und gerissen

Die gerissene kleine Unruhestifterin Abigail und ihre niedlichen (und verfressenen!) Füchse kann der Autor gern öfter zu Helden seiner Bücher machen. Man merkt, dass das Mädchen was auf dem Kasten hat und früh auf sich selbst gestellt war. Es war zum Beispiel extrem klug von ihr, nicht ihre Mutter, sondern eine mit allen Wassern gewaschene Geheimagentin als erwachsene Begleitperson zu ihrer polizeilichen Befragung hinzuzuziehen. Mit Mutti hätten die Feds leichtes Spiel gehabt, aber die Agentin zeigt ihnen sehr eindrucksvoll, wo der Hammer hängt. Ja, diese Göre wird mal ein echter Gewinn fürs Folly!

Ich hatte nicht mehr auf dem Schirm, dass Abigail einen pflegebedürftigen Bruder hat und brauchte ein Weilchen, bis ich kapiert habe, was bei ihr zuhause los ist. Auch bei den Vorgängen im Spukhaus benötigt man als Leser:in ein bisschen Geduld. Erst ist es verwirrend, wer da alles herumwuselt und warum – aber das klärt sich mit der Zeit.

Vielleicht bin ich ja etwas schlicht gestrickt, aber ich hab’s genossen, mal einen Roman des Autors zu lesen, der so fokussiert erzählt ist, dass ich nicht permanent den Faden verloren habe. Bei den letzten Peter-Grant-Bänden, bei denen er stets von Hölzchen auf Stöckchen kam, dachte ich oft nur: „Whatever – lass es einfach krachen, Ben!“

Der Autor

Ben Aaronovitch wuchs in einer politisch engagierten, diskussionsfreudigen Familie in Nordlondon auf. Er hat Drehbücher für viele TV-Serien, darunter ›Doctor Who‹, geschrieben und als Buchhändler gearbeitet. Inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben. Er lebt nach wie vor in London. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.

Die Übersetzerin

Christine Blum, geboren 1974 in Freiburg im Breisgau, studierte Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaften, Russische Literatur, Musikwissenschaft und kurze Zeit auch Medizin. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Englischen und Russischen. Für dtv überträgt sie u. a. Ben Aaronovitch ins Deutsche.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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