Elizabeth George: Meisterklasse. Wie aus einer guten Idee ein perfekter Roman wird

Elizabeth George: Meisterklasse. Wie aus einer guten Idee ein perfekter Roman wird, OT: Mastering the Process. From Idea to Novel“, aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann, München 2022, Wilhelm Goldmann Verlag, ISBN 978-3-442-31562-8, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 413 Seiten mit s/w-Fotos, Buch: EUR 20,00 (D), EUR 20,60 (A), Kindle: EUR 19,99.

Abb. (c): Goldmann

„[…] Nach vielen Jahren als Dozentin für Kreatives Schreiben und nach zahlreichen Vorträgen auf Autorenkonferenzen habe ich mir gesagt, dass ein Handbuch, in dem ich am Beispiel eines meiner eigenen Romane Schritt für Schritt erkläre, wie ich vorgehe, nützlich sein könnte für alle, die sich für das Schreiben von Romanen interessieren, oder dafür, wie ich als Autorin die komplizierte Aufgabe angehe, einen Kriminalroman zu schreiben.“ (Seite 11)

Wie arbeitet eine Erfolgsautorin?

Vermutlich gehöre ich gar nicht zur angepeilten Zielgruppe, weil ich überhaupt nicht vorhabe, einen Roman zu schreiben. Ich schreibe seit vierzig Jahren über anderer Leute Bücher und ich liebe „Job-Geschichten“. Als ich von diesem Ratgeber erfuhr, wollte ich dieser Autorin, von der ich rund ein Dutzend Krimis gelesen habe, einmal über die Schulter schauen. Wie macht sie es, dass die Leserinnen so verrückt nach ihren Büchern sind? 

Ich ahnte es schon: Es ist verflixt viel Arbeit und erfordert eine Menge Disziplin! Am Anfang steht eine gute Idee. Und dann muss man die notwendigen Informationen recherchieren, den Handlungskern festlegen, glaubhafte, lebendig wirkende Figuren entwickeln, die Erzählperspektive bestimmen, die einzelnen Szenen strukturieren, aufbauen und miteinander verknüpfen, die Erstfassung überarbeiten und noch vieles mehr. Spannend soll die Geschichte sein, logisch und unterhaltsam. Und verkaufen soll sie sich auch.

Schritt für Schritt an einem Beispiel

Wie die Autorin dabei genau vorgeht, zeigt sie uns am Beispiel ihres Romans DOCH DIE SÜNDE IST SCHARLACHROT (OT: CARELESS IN RED). Es ist nicht zwingend notwendig, dass man diesen Roman schon kennt, aber es ist auch kein Fehler. Hinterher braucht man ihn nicht mehr zu lesen, weil durch die vielen (und sehr langen!) Textbeispiele das Wesentliche schon verraten wird.

Wenn eine US-amerikanische Schriftstellerin, die keinerlei Bezug zu Großbritannien hat, eine Romanreihe schreibt, die ebendort spielt und die einem „very British“ vorkommt, muss dem Schreiben eine Menge Recherche vorangegangen sein. Elizabeth George verrät uns, was sie auf ihren Recherchereisen alles notiert und fotografiert, damit wir Leser:innen später den Eindruck haben, wirklich vor Ort zu sein und die Schauplätze mit allen Sinnen wahrzunehmen. Wenn dies eine Voraussetzung für gelungene Szenen ist, wundert mich nicht, warum es so viele Regionalkrimis gibt: Nicht jede:r kann sich ausgedehnte Reisen um die halbe Welt leisten.

Sehr viel Vorbereitung

Mit ihrem Romanpersonal betreibt die Autorin ebenfalls einen enormen Aufwand. Was sie vorab alles über ihre handelnden Personen „weiß“ ist unglaublich. Seitenweise trägt sie Informationen über sie zusammen: Kindheit, Familie, Einstellungen, Hobbys, Ziele, Motive, Bedürfnisse, Probleme … auf Seite 58 findet sich eine Liste mit knapp 30 Stichpunkten, die sie mehr oder weniger abarbeitet. Manches davon könnte ich nicht einmal über mich selbst sagen. 😉  Diese Fakten werden später nicht alle im Roman erwähnt werden, aber sie formen die Personen, deren Ansichten, Handlungen und auch deren Sprache. Das fand ich ungeheuer faszinierend.

Da ich den Roman, den sie hier als Beispiel heranzieht, vor Jahren gelesen hatte, habe ich die Auswirkungen ihrer detailgenauen Vorarbeit selbst erlebt. Und vielleicht auch deren Grenzen. Erst jetzt, als ich hier all diese Hintergrundinfos las, ist mir so manches über die handelnden Personen klar geworden. Ich hatte einige Ursachen und Zusammenhänge damals beim Lesen schlicht nicht begriffen. Dieser Krimi ist mir in Erinnerung geblieben als eine Ansammlung gestörter Unsympathen mit seltsamen Namen. Es war der letzte der Inspector-Lynley-Reihe, den ich gelesen habe. 

All diese sorgsam konstruierten fiktiven Personen können uns Leser:innen also auch überfordern. Ich hatte die Reihe über viele Jahre wegen ihrer lebendigen Figuren geliebt, bis mir die Geschichten zu problembehaftet, zu düster und zu verwirrend wurden.

Sagt er, sagt sie …

Die Autorin schildert, wie sie die einzelnen Szenen plant, schreibt und miteinander verbindet, wie sie Konflikte, dramatische Fragen und Wendepunkte setzt, was einen gelungenen Romananfang – die Eröffnung – ausmacht und warum das so schwierig ist. 

Interessant fand ich ihre Methode, längere Dialoge zu schreiben, ohne –zigmal „sagte sie“ und „sagte er“ zu verwenden – und ohne dass der Leser den Überblick darüber verliert, wer gerade spricht. Sonst sitzt man ja manchmal da und zählt ab: „Sagt A, sagt B, sagt A, sagt B …“

Beim Kapitel „Sprache“ – jede Person braucht eine typische Art, sich auszudrücken – wird’s schwierig, weil wir hier ja anhand einer Roman-Übersetzung arbeiten. An einer Stelle im Ratgeber heißt es, diese und jede Formulierungen im Krimi seien typisch für die britische Oberschicht. Dieser Ausdrucksweise werden dann flapsige Sprüche gegenübergestellt, wie sie angeblich in den USA üblich sind. Und der Leser denkt: „Wie jetzt? Die reden hier doch alle mehr oder weniger geschwollen Deutsch!“ Da ich die Lynley-Reihe auf Englisch gelesen habe, weiß ich, was Elizabeth George meint. Es stimmt schon. Aber die Beispiele funktionieren eben nur bedingt. 

Mit praktischen Übungen

Das Buch enthält Übungen, mit denen man das soeben Gelernte ausprobieren kann. Die habe ich nicht gemacht, weil ich ja nur an den Mechanismen und nicht an einer eigenen Umsetzung interessiert bin. Man kann hier mit den neu entdeckten „Werkzeugen“ ein bisschen spielen. Doch wenn man kein Feedback auf seine Fingerübungen bekommt, weiß man nicht, ob es funktioniert, was man treibt, oder ob man etwas völlig falsch verstanden hat.

Ich habe durch diesen Ratgeber einiges entdeckt und gelernt und werde künftig beim Lesen von Romanen – auch anderer Autor:innen – darauf achten, ob ich einzelne Kniffe wiedererkenne und wo man vielleicht das eine oder andere aus Frau Georges Trickkiste sinnvoll hätte anwenden können.

Werkzeuge mit Anleitung

Selbst wenn der eigene Grips ähnlich strukturiert ist wie der der Autorin – 1:1 kann man sich ihrer Methoden sicher nicht bedienen, wenn man einen Roman schreiben möchte. Hier bekommt man eine Art Werkzeugkasten mit Bedienungsanleitung an die Hand. Welche Werkzeuge man einsetzen will, bleibt einem selbst überlassen. Die Autorin schreibt dazu:

„Wenn Sie dann dieses Buch lesen, kommt es einzig und allein darauf an, dass Sie für alles offen sind. Den Studierenden in meinen Kursen zum Thema ‚Kreatives Schreiben’ sage ich immer: beherzigen Sie, was Ihnen gefällt, und vergessen Sie den Rest.“ (Seite 19)

Disziplin statt Glamour

Wer gerne drauflosschreibt und sich selbst von seiner Geschichte überraschen lässt, wird mit dieser Art der peniblen (Über-)Vorbereitung sicher nichts anfangen können. Etablierte Autor:innen haben längst ihre eigenen Strategien entwickelt und werden womöglich den Kopf schütteln über die Arbeitsweise ihrer prominenten US-Kollegin. Doch wer noch am Anfang steht, wird hier brauchbare Tipps finden. Auf jeden Fall räumt Elizabeth George gründlich mit der Vorstellung auf, Schriftsteller:in zu sein sei irgendwie glamourös und romantisch oder gar leicht. Es ist Arbeit. Viel Arbeit.

Da ich Elizabeth Georges ersten Schreibratgeber WORT FÜR WORT nicht kenne, kann ich jetzt leider keine Vergleiche ziehen und nur vom Hörensagen berichten, dass es da wohl einige Überschneidungen mit dem vorliegenden Werk geben soll.

Die Autorin

Akribische Recherche, präziser Spannungsaufbau und höchste psychologische Raffinesse zeichnen die Romane der Amerikanerin Elizabeth George aus. Ihre Bücher sind allesamt internationale Bestseller, die zudem mit großem Erfolg verfilmt wurden. Elizabeth George lebt in Seattle im Bundesstaat Washington, USA.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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