Milena Moser: Mehr als ein Leben. Roman

Milena Moser: Mehr als ein Leben. Roman, Zürich 2022, Kein & Aber Verlag, ISBN 978-3-0369-5872-9, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 558 Seiten, Format: 12,1 x 3,9 x 18,7 cm, Buch: EUR 27,00, Kindle: EUR 20,99.

Abb.: (c) Kein & Aber

„Später würde sie oft darüber nachdenken. Was wäre gewesen, wenn. Was, wenn sie etwas früher nach Hause gekommen wäre. Was, wenn ihre Mutter nicht schon eine Flasche Wein geöffnet hätte, Was, wenn sie etwas gesagt hätte, wenn sie ihre Mutter gewarnt hätte.“ (Seite 49)

Wir haben uns wohl alle schon gefragt, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn wir uns an einem Wendepunkt anders entschieden hätten. Milena Moser spielt genau das mit ihrer Heldin Helen Bertschi, Jahrgang 1970, einmal durch.

Helen – zwischen Vater und Mutter

Helens Eltern trennen sich, als sie vier Jahre alt ist. Lange hofft Mutter Vera, dass ihr Mann Luc nur eine kurze Beziehungspause braucht und bald wieder zu ihr zurückkehrt. Er sei nun mal ein künstlerischer Freigeist, entschuldigt sie ihn. Doch der Fernsehjournalist hat’s einfach nicht so mit den Mühen des realen Lebens. So etwas beobachtet er lieber aus der sicheren Distanz, die ihm Kamera, Mikrophon und Notizblock verschaffen. Er hat nicht die geringste Absicht, die Verantwortung als Ehemann und Familienvater wieder zu übernehmen.

Diese Verantwortung liegt nun bei der kleinen Helen, die sich um ihre Mutter kümmert und, wenn es gar nicht anders geht, bei den Nachbarn um Hilfe bittet. Rita und Franco Esposito haben selbst drei kleine Kinder – ihr Ältester, Frank, ist Helens bester Freund – und ein großes Herz. Sie sammeln Vera immer wieder auf, wenn sie irgendwo betrunken umgefallen ist und füttern Helen mit durch. Auf die Idee, den Kindsvater oder die Behörden zu informieren, kommen sie nicht. 

Man wurstelt sich so durch, bis Helen erstmals in den Kindergarten gehen soll. Ihre Mutter ist an dem Morgen sturzbesoffen und steht nicht auf. Die Fünfjährige macht sich alleine für den Tag fertig und greift sich als Pausensnack das einzig Essbare, das sie findet: eine Zwiebel! Dadurch wird der Erzieherin klar, dass bei Bertschis was nicht stimmt. Sie informiert Helens Vater. Luc braucht allerdings fünf Jahre (!), bis er in die Hufe kommt und das Sorgerecht für seine Tochter beantragt. 

Eines muss man ihm lassen: Menschen manipulieren kann er! Er zeigt der zehnjährigen Helen sein neues Haus nebst dem für sie vorgesehenen Zimmer und erklärt ihr, dass sie das haben kann. Sie muss nur der Sozialarbeiterin erzählen, dass sie für ihre Mutter sorgt und nicht umgekehrt. Nur, wenn sie nichts beschönige, bekäme ihre Mutter die dringend benötigte Hilfe und Helen das tolle Kinderzimmer.

Elaine – Kindheit beim Vater

An diesem Punkt verzweigt sich die Geschichte: In der Version „Elaine“ gehorcht die brave Helen, schildert ganz offen die häuslichen Umstände und kommt zum Vater. Doch das Leben mit der zickigen Stiefmutter und den Halbgeschwistern ist nicht das Gelbe vom Ei. Und ihre leibliche Mutter will wegen des „Verrats“ nichts mehr von ihr wissen.

Nach ein paar Jahren ist Luc Bertschi auch seiner zweiten Familie überdrüssig und nimmt freudig ein Jobangebot in San Francisco an. Um die inzwischen fast siebzehnjährige Helen – die sich jetzt Elaine nennt – mag die Stiefmutter sich nicht kümmern, also geht das Mädchen mit dem Vater in die USA.

Luc Bertschi schwebt eine „gleichberechtigte Wohngemeinschaft unter Erwachsenen“ mit seiner Teenie-Tochter vor. Soll heißen: Er treibt sich mit seinen diversen Eroberungen herum und überlässt das Mädchen sich selbst. Dass Elaine das schon kennt, heißt nicht, dass sie alle Probleme alleine meistert. Als sie in der Schule gemobbt wird und erkrankt, schickt ihr Vater sie alleine zurück in die Schweiz. Soll sich doch um sie kümmern, wer will! Doch wer sollte das sein? Ihre Mutter Vera, die ihr eigenes Leben wieder einigermaßen im Griff hat, erbarmt sich schließlich.

Was das Schicksal sonst noch für Elaine in petto gehabt hat, erfahren wir in Rückblicken. Im Alter von 49 Jahren wird sie nach einem Verkehrsunfall ins Krankenhaus eingeliefert und kann sich nur bruchstückhaft an ihre Vergangenheit erinnern. Offenbar war sie glücklich verheiratet, bis irgendwas Dramatisches passiert ist, das zur Trennung geführt hat. Nur was? Ihr Ex, ein erfolgreicher Unternehmer, glaubt ihr den Gedächtnisschwund nicht und weigert sich, mit ihr über die gemeinsame Vergangenheit zu sprechen.

Vielleicht kann ja Marianne Licht ins Dunkel bringen, eine Schulfreundin, an die sie sich erinnert und deren Namen sie in ihren Telefonkontakten findet …

Luna – Kindheit bei der Mutter

Jetzt beginnt die Geschichte erneut im Jahr 1980 mit dem Besuch der Sozialarbeiterin. Doch dieses Mal hat Helen – die sich später Luna nennen wird – ihre Mutter und die Nachbarsfamilie vorgewarnt und man spielt der Besucherin sehr überzeugend eine perfekte Familienidylle vor. Luna bleibt bei ihrer Mutter.

Als Teenager ist sie kurz mit Frank Esposito zusammen, dem Nachbarsjungen, der ihr schon als Vierjähriger im Treppenhaus einen Heiratsantrag gemacht hat, aber so richtig gut läuft das nicht. Man müsste sich komplett neu erfinden, denkt Luna, und irgendwo von vorne anfangen, wo einem keine alten Familiengeschichten anhängen. Sie geht für ein Jahr als Au Pair nach San Francisco, macht dort eine Ausbildung – und kehrt nie wieder in die Schweiz zurück. Die Kontakte ihrer Gastmutter, einer Ärztin, machen das möglich. 

In dieser Version ist der Allgemeinarzt Frank mit einer anderen verheiratet, kommt aber von Luna nicht los. Wenn es ihr schlecht geht, lässt er daheim alles fallen und fliegt zu ihr in die USA. Ob’s in diesem Leben ein Happy End für die beiden gibt?

Zwei Leben, abwechselnd erzählt

Die Lebensgeschichten von Helen/Elaine/Luna werden immer abwechselnd erzählt, jedoch nicht streng chronologisch, sondern mit Rückblenden. Es hilft, dass die Heldin in den verschiedenen Versionen einen anderen Namen trägt, sonst würde man sich überhaupt nicht mehr auskennen. Hätte ich nicht vorher schon gewusst, dass es um zwei mögliche Varianten eines einzigen Lebens geht, wäre ich restlos verwirrt gewesen.

Die Krux ist, dass beide Versionen Helen nach San Francisco führen und sie dort auf dieselben Leute trifft, nur eben in unterschiedlicher Funktion. So lernt Elaine Lunas Gasteltern als Interviewpartner ihres Vaters kennen und die flüchtige Bekanntschaft der einen wird zum Lover der anderen. Das hat mich manchmal mächtig ins Schleudern gebracht und die beiden Lebensversionen sind für mich ineinander verschwommen. Ob das von der Autorin so gewollt war? 

Schließlich habe ich eine Skizze der Abläufe angelegt und bin zu dem traurigen Schluss gekommen, dass sich Helens Loyalität nicht ausgezahlt hat – weder für sie, noch für die anderen. Luc, der flatterhafte Fernsehfritze, war immer fein heraus, und der treue Frank hatte stets die A***karte.

Soll das heißen, dass es egal ist, ob man kluge oder dumme, moralisch integre oder egoistische Entscheidungen trifft, weil’s am Ende doch immer anders kommt als man denkt? Der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, der Besuch der Sozialarbeiterin, hat zwar Einfluss auf das Leben der Beteiligten, aber Helens Worte haben die Sache weder zum Guten noch zum Schlechten gewendet. Es gab so viele andere Faktoren, die eine Rolle gespielt haben. 

Was wie ein Freibrief klingt, ist auch ein wenig tröstlich: Wenn man mal was so richtig versemmelt hat, kann sich das Leben trotzdem noch irgendwie zurechtruckeln.

Frank, Helen und ihre unfähigen Eltern werden mir bestimmt noch eine Weile im Kopf herumspuken – sowie die Frage nach der Bedeutsamkeit angeblicher Wendepunkte im Leben.

Die Autorin

Milena Moser, 1963 in Zürich geboren, ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Schweiz. 2015 emigrierte sie nach Santa Fe und lebt heute in San Francisco.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert