Viola Eigenbrodt: Steine, Gold und Murmeltiere. Ein Krimi aus Südtirol

Viola Eigenbrodt: Steine, Gold und Murmeltiere. Ein Krimi aus Südtirol, Leonberg 2023, independently published, ISBN 979-8-86503555-8, Softcover, 223 Seiten, Format: 12,7 x 1,3 x 20,32 cm, Buch: EUR 12,80, Kindle: EUR 2,99.

Abb.: ePandora / V. Eigenbrodt

Tod eines Goldschmieds

Meran im Mai: Über der Arbeit an einem exquisiten Schmuckstück für seine Nichte Virginia hat der Juwelier und Goldschmied Zeno Mittermaier (44) glatt die Zeit vergessen. Erst tief in der Nacht macht er Feierabend. Doch zum Abschließen seiner Geschäftsräume kommt er nicht mehr: Draußen vor der Tür wird er erschossen – mit einer Armbrust! 

Weder die Carabinieri unter der Leitung von Maresciallo Franco Marini noch Polizeipräsident Matthias Ohnewein und seine Kriminalkommissare haben sowas schon gesehen. Wer, bitte, schleppt eine sperrige Armbrust durch die Stadt? Und warum? Wenn das ein Raubüberfall war, ist erstaunlich wenig Schmuck weggekommen. Und wenn es Mord war: Wo liegt das Motiv? Zeno Mittermaier war – nicht nur in Sachen Bekleidung – ein bisschen exzentrisch und er war mit einem Mann verheiratet. Beides mag konservativen Mitbürgern nicht gefallen haben. Aber ist das ein Grund, ihn umzubringen?

Wer profitiert?

Finanziell hat niemand von seinem Tod wirklich profitiert. Zenos vermögender Ehemann weilte im Ausland, ist also außer Verdacht, und seine Auszubildende Melanie Falcone, mit der er laut und temperamentvoll zu streiten pflegte, ist jetzt arbeitslos. Die hat also auch nichts gewonnen.

Mittermaiers privates Umfeld ist überschaubar. Wirklich nahe stand er nur Jakobine Verdross, einer Freundin seit Kindertagen, und ihrer Tochter Virginia, für die er von jeher der „Onkel“ war. Dieses Mutter-und-Tochter-Gespann ist ähnlich exaltiert wie das Mordopfer, und niemanden wundert diese innige Verbindung. Da haben sich ein paar Außenseiter gefunden.

Die Familie Verdross, alter Adel, schwimmt im Geld. Die hat also auch nichts vom Tod des prominenten Goldschmieds. Es gibt zwischen ihnen überhaupt keine finanziellen Verbindungen. War Mittermaier etwa ein Zufallsopfer? Es wird doch kein Verrückter mit einer Armbrust durch Meran rennen und wahllos Leute erschießen?

Die Polizei ist ratlos

Die Polizei – sowohl die uniformierte als auch die Kripo – ist ratlos. Nicht einmal Carabiniera Patti Mayrhofer, die Gott und die Welt kennt und dadurch oft verblüffende Zusammenhänge bemerkt, hat dieses Mal eine Idee. Zu sehr ist sie von ihrer privaten Situation abgelenkt. Und Maresciallo Marini, sonst ein brillanter Analytiker, hat nichts anderes im Kopf als seine bevorstehende Hochzeit und geht seinen Kolleg:innen mit diesem Thema mächtig auf die Nerven.

Ein entscheidender Hinweis kommt von ganz unerwarteter Seite: von Kommissarin Isabel Grüners Vermieterin Lolita Mitteregger. Die ist Polizistin in Brixen und bei der Beschreibung der seltsamen Bekleidung des Opfers und dessen Jugendfreundin klingelt was bei ihr: Vielleicht gehör(t)en die zwei ja zu einer etwas dubiosen Sekte, die in Lana ihren Ursprung und ihr Hauptquartier hat. 

Eine merkwürdige Glaubensgemeinschaft

Die Journalistin Anna weiß mehr über die Glaubensinhalte dieser Vereinigung und teilt ihre Recherche-Ergebnisse bereitwillig mit der Polizei. Wäre diese Sekte einfach nur feministisch und kirchenkritisch ausgerichtet, wäre das ja in Ordnung. Aber diese Leute sind extrem in ihren Ansichten. Also, richtig, richtig krass drauf. Die Frage ist: Sind sie nur gaga oder regelrecht gefährlich? Und gibt es wirklich eine Verbindung zu Zeno Mittermaier und den Verdross-Frauen)? Eigentlich passen die gar nicht in das Profil dieser Gemeinschaft …

Und was, zum Kuckuck, ist eigentlich mit der sonst so effizienten Rechtsmedizinerin Lukrezia Ddi Lorenzini los? Kurz angebunden, schlecht drauf und nie zu erreichen. So kennt man sie gar nicht! Aber was das Allerschlimmste ist: Sie kriegt es nicht auf die Reihe, ihren ermittelnden Kolleg:innen eine extrem wichtige Information zukommen zu lassen. Sie hätte ja eine E-Mail schicken können, wenn sie schon keine Zeit oder keine Lust zum Reden hat! Das hätte den Kollegen eine Menge Rennerei und Arbeit erspart sowie Franco Marini und dem Witwer Jürg Baumgartner ein paar sehr unangenehme Erfahrungen. So stark sollte das Privatleben eine Mordermittlung nicht behindern.

Kollegen und Konflikte

Aus anderen persönlichen Konflikten unter den Kollegen lernen wir ein bisschen was über die Geschichte der Region. Da ist der deutschsprachige Kommissar, der seinen süditalienischen Kollegen gedankenlos mit einem Spitznamen belegt, nicht ahnend, welche schmerzlichen Erinnerungen er damit wachruft. Gut – die tragische Familiengeschichte des Kollegen hat der Kommissar nicht kennen können. Aber dass das kein harmloser Spaß war, hätte ihn nicht so überraschen dürfen. – Und da ist die neue Carabiniera aus dem Süden Italiens, die im Team böse aufläuft, weil sie nur schlecht Deutsch spricht. Okay: ein bisschen großspurig ist sie schon, und so kommt der Dämpfer nicht ganz unverdient. 

Im Grunde sind die Kollegen aber fair zueinander. Das sieht man daran, wie sie mit Kommissarin Isabel Grüner umgehen. Die hat sehr schlechte Erfahrungen gemacht und kann’s manchmal selber nicht fassen, dass sie hier mit so großer Selbstverständlichkeit aufgenommen worden ist.

So ungewöhnlich wie die Mordwaffe

Ich gebe der Neuen aus dem Süden, Elsa Ruatti, noch eine Chance 😉. Immerhin ist sie eine große Tierfreundin. Und das sind die Carabinieri in der Petrarcastraße ja auch. In jedem Band der Reihe wuselt als Running Gag irgendwelches Getier durchs Revier: Katzen, Hunde, Vögel … Wie die Carabinieri dieses Mal aufs titelgebende Murmeltier kommen, ist eine amüsante Geschichte für sich. Verantwortlich ist ausgerechnet der, der sonst immer am meisten meckert, wenn wieder mal ein Kollege ein Viech anschleppt. 😀

Als Einstiegsband in die Reihe ist STEINE, GOLD UND MURMELTIERE nur bedingt geeignet. Es ist immerhin Band 6, und wer die Polizisten, deren Anhang und Vorgeschichte nicht kennt, dürfte sich in der Story nicht so leicht zurechtfinden. Also besser am Anfang anfangen. Kenner:innen dieser Krimireihe sind da klar im Vorteil und werden sich von Anfang an wie zuhause fühlen.

Ach ja: Und wer war’s denn jetzt? Wer hat den Goldschmied erschossen und warum? – Das verrate ich hier natürlich nicht. Nur so viel: Motiv und Umstände sind so ungewöhnlich wie die Tatwaffe. Mindestens!

Die Autorin

Viola Eigenbrodt ist Journalistin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Schriftstellerin. Mit ihrer Familie hat sie einige Jahre in Meran gelebt und gearbeitet. Sie kennt Land und Leute gut, die eigenwilligen Charaktere, die manchmal altertümlich anmutende Sprache und die liebenswerten Marotten der Bewohner der sonnigen Alpensüdseite. Heute lebt sie mit ihrem Mann in der Nähe von Stuttgart im schönen Heckengäu und denkt sich dort immer weitere Fälle aus.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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