Peter Wohlleben: Unser wildes Erbe. Wie Instinkte uns steuern und was das für unsere Zukunft bedeutet […]

Peter Wohlleben: Unser wildes Erbe. Wie Instinkte uns steuern und was das für unsere Zukunft bedeutet – faszinierende Einsichten für ein Leben im Einklang mit der Natur, München 2023, Ludwig Verlag, ISBN 978-3-453-28163-9, Hardcover mit Schutzumschlag, 256 Seiten, Format: 13,5 x 2,3 x 20,6 cm, Buch: EUR 23,00 (D), EUR 23,70 (A), Kindle: EUR 19,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Cover: (c) Ludwig-Verlag

„In den 300 000 Jahren des Bestehens unserer Art lag die Hauptaufgabe darin, unser Aussterben zu verhindern, indem wir so viel Nahrung und Information wie möglich sammelten. Darin wurden wir so erfolgreich, dass wir heute genau deswegen auszusterben drohen.“ 

(Seite 130)

Ach ja, wir Menschen! Jetzt haben wir im Lauf der Evolution so viel Grips entwickelt, dass wir uns die Erde untertan machen konnten, und nun, da uns langsam dämmert, dass wir unseren Lebensraum zerstören, fragt man sich, ob wir auch genügend Verstand haben, um diesem Tun Einhalt zu gebieten. Im Moment sieht’s ja nicht danach aus.

Müsste die Evolution jetzt einen Zahn zulegen, damit wir ganz schnell gescheit genug werden, um Dinge wie die Umweltverschmutzung und die Klimaerwärmung in den Griff zu bekommen? Oder stehen wir Menschen längst außerhalb der Natur und die Evolution kann gar nichts mehr ausrichten? Vielleicht liegt das Problem ja auch ganz woanders …

Zunächst geht der Autor der Frage nach, was überhaupt Natur ist, wie Tiere und Pflanzen auf ihre Umwelt reagieren, wie sie diese im Rahmen ihrer Möglichkeiten gestalten und wie das alles beim Menschen funktioniert.

Mein Vater meinte ja immer, der Homo sapiens sei nur ein Säugetier, das sich ein bisserl viel auf seinen Verstand einbildet. 😉 Peter Wohlleben würde das niemals so plakativ formulieren, aber so weit ist er gar nicht von dieser Position weg. Mit unserem freien Willen ist es schon mal nicht weit her. Gern wollen wir glauben, dass wir uns unsere Meinungen mit dem Verstand bilden und auch unsere Entscheidungen auf diese Weise treffen. Dabei bemerken wir nicht oder wollen nicht wahrhaben, welche große Rolle unsere (tierischen) Instinkte dabei spielen. Die sind oft deutlich schneller und stärker als unser Verstand.

„Wäre uns stets bewusst, dass alles, was wir tun, instinktgesteuert ist, so würden wir sehenden Auges miterleben, welchen U n s i n n wir manchmal tun. Für unser Gehirn, für unseren Körper wäre das möglicherweise viel zu aufregend.“ 

(Seite 128)

Hm … ja, doch, da könnte was dran sein! Wenn wir uns rein vom Verstand steuern lassen könnten, müsste es uns zum Beispiel ganz leichtfallen, Diät zu halten. Wir wissen, dass süße und sehr fetthaltige Lebensmittel nicht gut für uns sind, Fleischkonsum der Umwelt schadet und dass wir uns am besten von Gemüse ernähren sollten. Wir nicken dazu brav und greifen doch wieder zu den Nahrungsmitteln, die schon der Steinzeitmensch gewählt hätte, um sich möglichst viele Kalorien zu sichern, wenn sich die Gelegenheit schon mal bot: süß und fettig. Ah ja: und Fleisch!*

Anderes Beispiel: Nachbarschaftsstreitigkeiten, bei denen es oft wirklich nur um alberne Kinkerlitzchen geht, sind nichts anderes als tierische Revierkämpfe. Auch der Tribalismus („wir gegen die anderen“) ist ein uraltes Programm, das sogar die Affen kennen. 

Auch steht unser Egoismus oft dem (Engagement fürs) Gemeinwohl im Weg. Das ist auch der Grund, aus dem manche in der Theorie gut klingenden Gesellschaftsmodelle in der Praxis nicht funktionieren. Da können noch so viele Studien belegen, dass unser gegenwärtiges Verhalten schädlich ist: Wir wollen unsere Gewohnheiten nicht ändern und betrachten jedes entsprechende Ansinnen als Einmischung und Beschränkung unserer Freiheit.

Tja, und was machen wir nun? Der Mensch will um jeden Preis mobil sein, Fleisch essen*, kommunizieren, Besitz anhäufen und sich Fremde möglichst von der Backe halten. Er will sich keine Vorschriften machen lassen, möchte auf nichts verzichten und sein Verhalten ändern mag er schon gar nicht. Gegen so tief ins System eingebrannte Programme kommt man mit Argumenten kaum an. Wie also kriegt man den Steinzeitmenschen in uns dazu, so zu handeln, wie es sinnvoll und dem Gemeinwohl dienlich wäre?

Das Problem verstehe ich wohl. Ich glaube das mit der Instinktsteuerung aufs Wort, weil es sich mit meinen Beobachtungen und Erfahrungen deckt. Aber die Lösungsvorschläge in dem Buch klappen meines Erachtens nur theoretisch. Ich denke ja ebenfalls, dass Bildung, Gleichberechtigung, weniger Bevölkerungswachstum, ein verändertes Konsumverhalten sowie ein finanzieller Ausgleich zwischen reichen und armen Ländern einige Probleme lösen würde. Und dass uns Greenwashing und moderner „Ablasshandel“ nicht weiterbringen. Aber wer, bitte, soll die wirklich zukunftsweisenden und zielführenden Maßnahmen durchsetzen und realisieren? Die Entscheidungsträger:innen, die an den Schaltstellen der Macht sitzen, sind doch ebenfalls instinktgesteuerte „Steinzeitmenschen“, denen im Zweifelsfall das Hemd näher ist als die Hose – vom Gemeinwohl und der Zukunft des Planeten ganz abgesehen.

Nachdem ich das Buch gelesen habe, kann ich sagen, welche Maßnahmen zur Rettung der Welt nicht funktionieren werden – und warum. Wenn man bei instinktiver Abwehr mit Fakten gar nicht erst zu kommen braucht, müsste man den Menschen eine Alternative bieten, bei der eine Verhaltensänderung mehr Vorteile bringt als ein Beharren auf dem Status Quo. Aber wie das konkret aussehen soll, weiß ich nicht. Ein Patentrezept hat der Autor leider auch nicht. Er meint:

„Verhalten wir uns weiterhin so, wie es uns unsere steinzeitlichen Instinkte vorgeben, zerstören wir weiterhin unsere ökologische Nische, dann wird die Natur die Regulierung übernehmen, was zu einem ziemlich abrupten Ende dieser Art von Zivilisation führen kann. […] Schaffen wir es dagegen, unsere Instinkte für unseren Verstand einzuspannen, dann mag eine sanfte Landung gelingen.“ 

(Seite 227/228)

Ehrlich gesagt: Viel Hoffnung habe ich nicht.

*Vegetarier:innen und Veganer:innen ausgenommen. Die sind hier schon einen Schritt weiter.

Peter Wohlleben, Jahrgang 1964, wollte schon als kleines Kind Naturschützer werden und betrieb bereits früh Verhaltensstudien bei Tieren. Er studierte Forstwirtschaft und war über zwanzig Jahre lang Beamter der Landesforstverwaltung. Heute arbeitet und lehrt er in der von ihm gegründeten Waldakademie in der Eifel und setzt sich weltweit für die Rückkehr der Urwälder ein. Peter Wohlleben initiierte einen neuen Studiengang (Sozioökologisches Waldmanagement) und gründete eine gemeinnützige GmbH für den Waldschutz.Er ist Gast in zahlreichen TV-Sendungen, hält Vorträge und Seminare und ist Autor von Büchern zu Themen rund um den Wald und den Naturschutz. 

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Rezensentin: Edith Nebel 
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
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