Astrid Drapela: Ich wollt, ich hätt ein Huhn. Fakten & Haltung […]

Astrid Drapela: Ich wollt, ich hätt ein Huhn. Fakten & Haltung, neuer Stand der Forschung. Beziehung Mensch & Huhn, Berlin 2023, Goldegg Verlag, ISBN 978-3-99060-323-9, Klappenbroschur, 256 Seiten mit Farbfotos und Grafiken, Format: 13,5 x 2 x 21,5 cm, Buch: EUR 24,00, Kindle: EUR 9,99.

Abb.: (c) Goldegg Verlag

„Können Hühner überhaupt denken und fühlen? Und falls ja, was und wie denken und fühlen sie? Sind sie schlau? Trauern sie, können sie sich in andere hineinversetzen, knüpfen sie Freundschaften, können sie sich freuen?“ (Seite 94)

(Seite 94)

Gleich vorneweg: Das Buch ist kein Ratgeber für Hobby-Hühnerhaltung – oder nur am Rande. Die Autorin ist Biologin, hält unter anderem Hühner und findet, dass sich die Wissenschaft erstaunlich wenig mit diesen Tieren beschäftigt. Erst im vergangenen Jahrzehnt zeigte man Interesse an der Grundlagenforschung rund ums Haushuhn, dessen Abstammung und die Auswirkungen der Domestikation auf seine Biologie und Verhaltensweisen.

Sonderbar eigentlich, wo es doch statistisch gesehen so viele Hühner gibt: auf jeden Menschen kommen vier Stück. Wirklich sichtbar sind sie nicht. Wo stecken die denn alle? Überwiegend weggesperrt in der industriellen Tierhaltung? Ist das ein Grund dafür, dass Hühner kaum erforscht werden? Vielleicht sind sie als Forschungsobjekte nicht so spannend, weil man sie mehr als Ware und Nahrungsmittel betrachtet und weniger als Individuen und Mitgeschöpfe, die unsere Neugier und unser Interesse wecken.

Astrid Drapela findet das ungerecht und hat sich der Aufgabe gestellt, die Geschichte, die Sinne, das Verhalten, die Intelligenz und das Gefühlsleben der Haushühner zu erforschen. Das hat sie mit wissenschaftlicher Gründlichkeit getan. Nicht von ungefähr bestehen mehr als 20% des Buchs aus Verzeichnissen, Quellenangaben und Glossar.

Man erfährt hier viel Verblüffendes über Hahn und Henne. Gut, es gibt schon einzelne Passagen, die ein bisschen trocken daherkommen, aber da wir das Buch ja freiwillig lesen und uns hinterher keiner abfragt, ist es okay, wenn wir manche Stellen nur überfliegen. Wir müssen nicht alle Tabellen verstehen oder uns im Detail dafür interessieren, wie ein Ei entsteht. Es könnte aber sein, dass wir dabei was Faszinierendes verpassen!

Die wissenschaftlichen Fakten werden durch grafisch hervorgehobene Erfahrungsberichte und Anekdoten aufgelockert. Die Story vom erpresserischen Hühnerclan ist für mich eine der besten! Sie zeigt auf unterhaltsame Weise, wie clever das Federvieh ist. Es kann sogar seinen Menschen was beibringen! 😉

Die Vorfahren unseres Haushuhns sind die Bankiva-Hühner aus Südostasien, die als Kulturfolger zum Menschen gekommen sind. Sie haben sich uns angeschlossen, weil es da immer Nahrung „abzustauben“ gab. Das ist „erst“ ungefähr 3.400 Jahre her. Hunde dagegen begleiten uns Menschen seit rund 15.000 Jahren, andere Nutztiere seit etwa 10.000 Jahren. Wegen der Eier wurden die Hühner damals sicher nicht geduldet, gezähmt und gezüchtet. Zu Beginn ihrer „Nutztierwerdung“ legten die Hennen nur saisonal und insgesamt vielleicht 5 bis 6 Eier im Jahr. Erst eine Mutation, erstmals nachgewiesen im 3. Jahrhundert v.Chr., hat sie befähigt, ganzjährig Eier zu legen. Das hat ihnen nicht viel Gutes eingebracht.

Wir erfahren, was Hühner sehen: bei schlechten Lichtverhältnissen fast nichts, weshalb sie so früh schlafen gehen. Sie haben ein Blickfeld von rund 300 Grad, das rechte und das linke Auge funktionieren unabhängig voneinander, und was der typische Hühnergang – Kopf verharrt, Körper bewegt sich – mit dem Sehsinn zu tun hat, entdecken wir hier auch. – Was den Geschmacksinn angeht: Sie mögen weder bitter, sauer noch salzig und scheinen Süßes und Scharfes nicht wahrzunehmen. Bei Wasser sind sie wählerisch: Kalt muss es sein, fließend und geschmacklos. – Ihr Geruchsinn ist stärker ausgeprägt als der des Menschen. Sie können Beutegreifer riechen und reagieren gewarnt auf Blutgeruch von Artgenossen.

Besonders wichtig für ihren Tastsinn ist der Schnabel. Deshalb ist es Tierquälerei, wenn man in der Massentierhaltung den Hühnern zur Vermeidung von Verletzungen die Schnäbel kupiert. – Wir lernen, warum selbst die flugunfähigen Hühner einen magnetischen Sinn haben, wie wir ihn von Zugvögeln und Brieftauben kennen. Und warum der Hahn, der in der Lautstärke eines Düsenjets krähen kann, von seinem eigenen Gebrüll nicht taub wird, erklärt uns die Autorin ebenfalls.

Wir sehen, was Hühner den lieben langen Tag tun, wenn man sie einfach machen lässt und begreifen, wie schlimm es für sie sein muss, das alles unter den Haltungsbedingungen in industriellen Lege- und Mastbetrieben nicht mehr tun zu können.

Schnell sind wir dabei, Tieren, deren Mimik wir nicht erkennen und deuten können und die auch nicht unbedingt Kuscheltiercharakter haben, Intelligenz und Emotionen abzusprechen und sie nicht besonders mitfühlend zu behandeln.

Haben Hühner Grips? Nun, sie sind imstande, Neues zu lernen und bereits Erlerntes in einem neuen Kontext anzuwenden. Man kann ihnen sogar Tricks beibringen. Und, Überraschung: Hühner können sogar logisch denken und bis zu einem gewissen Grad zählen! Tierische Intelligenz kann man messen, bei Gefühlen wird’s schon schwieriger. Aber es gibt Möglichkeiten, von denen wir hier welche kennenlernen.

Wie der Hahn sich bei der Henne einschmeichelt und wie die Damen mit Gockeln umgehen, die nur leere Versprechungen machen, zeigt uns das Kapitel VON HACKORDNUNG UND FREUNDSCHAFT. Hühner erkennen ihre Artgenossinnen, was Voraussetzung für eine soziale Bindung ist. Sie haben beste Freundinnen und kennen ihren Platz in der Rangordnung. Darin ist zum Beispiel festgelegt, wer zuerst ans Futter darf. Verändert sich etwas im Gefüge der Hühnerschar, wird diese Ordnung neu „verhandelt“.

Spannend finde ich die Hühnersprache. Die Lautäußerungen bezeichnen tatsächlich etwas und werden willentlich gemacht. Die Hühner gackern nicht einfach automatisch vor sich hin. Sie kreieren sogar spezielle Laute für ihre Bezugsmenschen, sie geben ihnen sozusagen Namen.

Nachdem wir nun gesehen haben, was Hühner alles können und dass sie richtige Persönlichkeiten sind, ist das Kapitel über die Zustände in der Massen-Geflügelhaltung nur schwer erträglich. Das haben die Tiere echt nicht verdient! Es müsste aber schon der Großteil der Menschheit vegetarisch oder vegan leben, damit sich daran was ändert. Das ist nicht sehr wahrscheinlich.

Astrid Drapela stellt Initiativen vor, die „ausgediente“ Legehennen an private Halter vermitteln. Das rettet Hühnerleben, ändert aber nichts am System. Die Autorin setzt deshalb unter anderem darauf, Schülerinnen und Schüler für das Thema Tierhaltung zu sensibilisieren.

„Kinder und Jugendliche wirken häufig auf ihre Familien und deren Konsumgewohnheiten ein und fungieren daher als Multiplikatorin und Multiplikator eines anderen Lebensstils.“

(Seite 188)

Das klingt nach einem Plan und mit ihrem Schulhühnerprojekt leistet die Autorin auch einen wertvollen Beitrag dazu. Es müsste noch viel mehr solcher Initiativen geben, damit sich da wirklich was tut. Aber eine Politik der kleinen Hühnerschrittchen ist auf jeden Fall besser als gar nichts zu unternehmen.

Astrid Drapela ist leidenschaftliche Hühnerhalterin. Die Biologin und Expertin für tiergestützte Therapie unterrichtet an einer Schule, wo sie ein einzigartiges Schulhühnerprojekt wissenschaftlich begleitet. Sie beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Mensch-Huhn-Beziehung, dem Verhalten von Hühnern und ihrem Einsatz in Pädagogik und Therapie. Die Mensch-Tier-Beziehung ist der Autorin eine Herzensangelegenheit. Sie lebt mit ihrer Familie, mit ihren 40 Hühnern und weiteren Haus- und Hoftieren bei Wien.

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Die Rezensentin als junge Hühnerfreundin ca. 1969. Foto: A. Nebel privat, koloriert mit ChatGPT

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com 
www.boxmail.de

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