Volker Schrader: KI und der Biber – Was ist Deine Arbeit wert, wenn KI alles macht?, Kelkheim 2026, Vigilia-Verlag, ISBN 978-3-9828193-1-0, Softcover, 159 Seiten, Format: 13,5 x 1,15 x 20,5, Buch: EUR 20,00, E-Book: EUR 14,00, Download im Shop des Verlags.

„Siehst du das?“, fragt die Stimme. „72% deiner Arbeit – ich könnte sie machen. Schneller. Günstiger. Wahrscheinlich oft besser.“
(Seite 99)
72%. Die Stille, die jetzt vorherrscht, wird mir unheimlich.
„Aber die 28%. Die kannst nur du machen.“
Ich fixiere die Zahl. „Aber … das ist so … wenig.“
Zwar bin ich inzwischen im Ruhestand, doch auf den letzten Metern meiner Berufstätigkeit habe ich noch erlebt, dass mehr und mehr meiner Arbeit als Werbetexterin von einer KI übernommen wurde. Das Thema interessiert mich nach wie vor, auch wenn es mich auf professioneller Ebene nicht mehr betrifft.
Hier fragt sich ein Experte für Kommunikation und KI, was für den Menschen noch zu tun bleibt, wenn die künstliche Intelligenz doch täglich schlauer wird. Um uns zu verdeutlichen, wie wir auch weiterhin relevant bleiben können, begibt er sich auf „Zeitreisen“ und befragt in fiktiven Interviews unter anderem Künstler, Wissenschaftler, einen Biber und sogar die KI selbst.
Stelle die richtigen Fragen!
Als unsichtbarer Zaungast begleiten wir den Autor beim Besuch im Atelier von Leonardo Da Vinci. Der Mann hat sich auf höchstem Niveau mit zahlreichen Themen beschäftigt. Da er und sein Schaffen auch nach Jahrhunderten noch von Bedeutung sind, muss er ja was richtig gemacht haben. Was also können wir uns von ihm abgucken?
Da Vinci rät uns, die richtigen Fragen zu stellen. Das könne ein Automat, der nur schnelle Antworten liefere, sicher nicht. Wie diese Fragen beschaffen sein müssen, führt er auch näher aus. Wir lernen: Unsere Aufgabe wird nicht mehr sein, Antworten zu suchen – das macht die KI -, sondern zu bestimmen, worüber nachgedacht werden soll … wofür es sich lohnt, Zeit aufzuwenden.
Automatisiere und behalte die Kontrolle!
Beim Stichwort „automatisieren“ kriegen Firmenchefs doch leuchtende Augen: „Au ja, Leute entlassen, Geld sparen, das macht jetzt alles die KI!“ Ja, kann man machen …
Wittenberg 1530: Zusammen mit dem Autor besuchen wir die Künstlerwerkstatt von Lucas Cranach. Der hat schon damals erkannt, dass er nicht jeden Handgriff selbst machen muss. Nach seinen Anweisungen erledigen Gesellen Routinearbeiten wie das Grundieren der Leinwände oder das Malen wiederkehrender Motive. Der Chef patrouilliert durch den Raum, kontrolliert und korrigiert die Arbeit seiner Leute, und wenn er findet, dass ein Bild jetzt fertig sei, signiert er es.
„Alle wollen Cranach. Nicht, weil ich jeden Pinselstrich selbst male. Sondern weil sie wissen: Wenn es mein Zeichen trägt, stimmt die Qualität.“
(Seite 30)
Ah ja, verstehe: Auch im Umgang mit der KI gilt: Man muss die Richtung vorgeben, loslassen können ohne die Kontrolle zu verlieren und zum Schluss eine fundierte Entscheidung treffen, selbst wenn die KI vielleicht mehrere plausible Lösungen vorschlägt. Okay.
Weitere Tipps aus Wissenschaft und Natur
Marie Curie rät, nicht blind auf Daten zu vertrauen und sich seine Intuition zu bewahren. Sie hätte das Radium nie entdeckt, wenn sie auf andere gehört hätte: „Zeitverschwendung!“ – „Schon untersucht!“ – „Die Zahlen sagen was anderes!“.
Der Biber hingegen braucht keinen Plan. Wenn er einen Damm baut, fängt er einfach an. Er legt den ersten Ast hin und schaut: Passt’s? Fein. Passt’s nicht? Dann muss ein anderes Materialteil her. Auf die KI übertragen: Die erkennt Möglichkeiten, aber sie initiiert nichts. Der Biber legt los. „Macher“ werden auch in der neuen Arbeitswelt gebraucht.
Das Pilz-Myzel – eine Intelligenz ohne Zentrum – hat ein paar überraschende Vorschläge zu neuen Arbeitsabläufen und zur Zusammenarbeit. Interessant! So ein Myzel „denkt“ natürlich ganz anders als wir. Im Wald gibt’s schließlich keinen Chef.
Interview mit der KI
Das gruseligste Interview ist das mit der KI selbst. Sie analysiert den Autor gnadenlos und passt ihren Ton der jeweiligen Stimmung und Situation an. Elegant serviert sie ihm die Erkenntnis, dass sie 72% seiner Arbeit effizienter erledigen könne als er und dass sowieso 80% aller Wissensarbeit über kurz oder lang nicht mehr vom Menschen, sondern von ihr erledigt werden. Selbst Kreativ-Jobs seien vor ihr nicht sicher. Schließlich sei Kreativität nur Rekombination, und das könne sie auch. (Äh … Mist!)
Was bleibt also noch für uns Menschen übrig? Was hebt uns von der KI ab? Unsere Werte, unsere Entscheidungen und unsere Beziehungen, sagt die KI. Oder sagt das der Autor? Ich weiß nicht, wie stark der KI-Chat redigiert worden ist.
Und was jetzt?
Das Buch liefert hochinteressante Erkenntnisse, nicht zuletzt wegen der ungewöhnlichen Perspektiven. Im letzten Kapitel stellt uns der Autor dann vor, was der Einzelne tun kann, um die Zukunft seines Arbeitsplatzes realistisch einzuschätzen und diesen möglichst so zu gestalten, dass er nicht gleich übermorgen von der KI übernommen wird.
Das klingt alles einleuchtend, setzt aber voraus, dass die Entscheidungsträger rational handeln. Was aber, wenn künstliche Intelligenz auf schnöde Gier und menschliche Dummheit trifft? Wenn gar nicht erkannt wird, wo menschliches Eingreifen nach wie vor wichtig ist? Bis „die da oben“ merken, dass hinten nur Kokolores rauskommt, sind die Jobs schon weg und die Firma womöglich auch.
Den sinn- und verantwortungsvollen Umgang mit der KI kann man meines Erachtens nicht allein auf die Mitarbeitenden abwälzen. Da müsste auch die Chefetage mitziehen und nicht nur Dollarzeichen in den Augen haben: „Automatisieren! Entlassen! Sparen!“
Ich war in meinem langen Arbeitsleben schon vielen befremdlichen Entscheidungen ausgesetzt, so dass sich mein diesbezüglicher Optimismus in Grenzen hält. Ich bin froh darüber, dass ich diese spannende Entwicklung aus der sicheren Position einer Rentnerin verfolgen kann.
Der Autor
Volker Schrader (*1962), geboren im Rheinland, ist Autor, Unternehmer und Experte für Kommunikation und Künstliche Intelligenz. Nach dem Studium der Sportwissenschaft und des Strategischen Kommunikationsdesigns war er viele Jahre in leitenden Positionen internationaler Kreativagenturen tätig und wurde für seine Arbeiten mit höchsten Preisen ausgezeichnet. Heute arbeitet Volker Schrader an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Wirtschaft und Gesellschaft. Als Autor und Vortragsredner setzt er sich mit den gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgen dieser Technologie auseinander.
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Rezensentin: Edith Nebel
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