Theodor Kallifatides: Der kalte Blick – Ein Fall für Kommissarin Kristina Vendel

Theodor Kallifatides: Der kalte Blick – Ein Fall für Kommissarin Kristina Vendel

* Originaltitel: I hennes blick
* Aus dem Schwedischen von Kristina Maidt-Zinke
* dtv premium, 297 Seiten
* Verlag: Dtv (April 2007)
* Sprache: Deutsch
* ISBN-13: 978-3423245999
* Produktmaße: 20,8 x 13,2 x 3,2 cm
* Preis: EUR 12,-

Handlung: (Klappentext)
Ein Polaroid, das Kriminalkommissarin Kristina Vendel in wollüstig-obszöner Stellung zeigt, kursiert in der Stockholmer Unterwelt. Ausgerechnet Mikael Gospodin, ein russischer Schwerkrimineller, fängt dieses Bild ab und will es ihr zurückgeben. Doch noch vor der Übergabe wird er an dem vereinbarten Treffpunkt erschossen. Von einer Frau, die Kristina Vendel zum Verwechseln ähnlich sieht.

Der Schatten eines Verdachtes fällt auf sie ’“ und Vendel steht unter dem Druck, so rasch wie möglich die Wahrheit ans Licht zu bringen. Zeitgleich kursieren Gerüchte, daß auf den Literatur-Nobelpreisträger V. S. Naipaul während der Preisverleihung ein Attentat durch eine islamistische Vereinigung verübt werden soll. Im Rahmen ihrer Ermittlungen begegnet Kristina Vendel dem attraktiven Kurden Kemal ’“ und erlebt mit ihm eine Leidenschaft, von der sie nicht mehr zu träumen gewagt hatte. Doch plötzlich entsteht ein entsetzlicher Verdacht …

Zum Autor: (Klappentext)
Theodor Kallifatides wurde 1938 in Molai in Griechenland geboren und emigierte 1964 nach Schweden, wo er seither als Schriftsteller lebt.
Er hat zahlreiche preisgekrönte Romane verfaßt.
Außerdem erschienen: Der sechste Passagier

Meine Meinung:
Da Theodor Kallifatides in Schweden lebt, aber in Griechenland geboren ist, hat er einen etwas anderen Blick als die üblichen skandinavischen Krimiautoren von der Stange, die die Welt nicht braucht.

Der kalte Blick? Ja, wenn der Autor gnadenlos, aber ohne zu urteilen, die Unterschicht der schwedischen Gesellschaft betrachtet. Das schwedische Einwanderland setzt sich z.B. auch aus Kurden und Russen zusammen, die in diesem Roman eine große Rolle spielen.

Wenn die Gefühle der Protagonisten mit großer Intensität beschrieben werden (dazu gehören auch kalte Wut und Rachegedanken oder Liebeesverlangen), ist vom kalten Blick aber nichts mehr zu spüren.

Schon das Umschlagmotiv „La mort de Sarsanapale“ von Eugene Delacroixe vermittelt den Eindruck, dass es in diesem Buch nicht immer gemütlich zugehen wird. Die Kapitel sind kurz, schnell und intensiv geschrieben. Die ungewöhnlichen Menschen, die den Roman bevölkern, sind tough, lebhaft, interressant und vor allem lebendig. Sie haben komplizierte Beziehungen zu einander.

Kristina Vendel, die Kriminalkommissarin, die im Mittelpunkt steht, ist persönlich in den Fall involviert und unterscheidet sich daher vom üblichen, langweiligen Kriminalkommissar.
Der Kriegsverbrecher Mikal steht Kristina nahe, mehr noch aber der skrupellose Killer Kemal, der auch auf Kristina fixiert ist und durch seine rührende Besorgnis um seine gelähmte Schwester fast sympathisch wirkt.

Das Gut und Böse in diesem Buch eine so enge Beziehung eingehen ist etwas Besonderes. Weitere Nebencharaktere sind ebenfalls ungewöhnlich angelegt. Zum Beispiel der ermittelnde misanthropisch veranlagte Berufspessimist Arne Sveding. Er ist nicht gerade auf Kristinas Seite, hält sie sogar für verdächtig. Trotzdem hat er eine eigene Auffassung von Gerechtigkeit und setzt sie auch konsequent um.

Mit der Klischeegestalt, Nick der Grieche beweist Kallifatides Selbstironie, da dieser vermutlich wohl der typischen Sichtweise der Schweden entspricht. Mit dem Schachspieler Alains Karpin gibt es einen weiteren zwiespältigen, unsympathischen Charakter. Die Unterschiede zwischen den positiv und negativ besetzten Rollen verschwimmen.

Oft gibt es skurrile, witzige Einfälle, wie der Gedankengang: Was wäre, wenn Schweden nach seinen Automarken Volvo und Saab auch den Nobelpreis ins Ausland verscherbeln würde? Oder die Idee, Naipauls Nobelpreisverleihung in die Handlung zu integrieren.
Solche Szenen lockern den Roman auf.

Viele Krimis sind mit ihren immergleichen Schemata und ihren moralisch überhöhten Kriminalinspektoren sehr langweilig. Doch Der kalte Blick bleibt immer spannend und lässt sich in wenigen, intensiven Stunden durchlesen. Kein Wunder, handelt es sich doch in erster Linie nicht um einen typischen Kriminalplot, sondern um ein intensives Gesellschaftsportrait.
Ein Schicksalsdrama, wie Jan Karlsson in Kristianstadsbladet so treffend anmerkt.

Rezensent: Herr Palomar
Mit freundlicher Genehmigung von http://www.buechereule.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.