Tom Liehr: Sommerhit, Roman

Tom Liehr: Sommerhit, Berlin 2011. Rütten & Loening/Aufbau Verlag, ISBN 978-3-352-00814-6, Softcover, Klappenbroschur, 330 Seiten, Format 21,4 x 12,8 x 2,8 cm, EUR 16,99.

„Wir sind stärker als du, und das werden wir immer bleiben, so oder ähnlich hatte er es damals formuliert. Vielleicht funktionierte die Lebenslüge, in der er es sich bequem gemacht hatte, immer noch, und er glaubte, wie damals, im Frühjahr 1984, der Stärkere zu sein, der Gewinner, derjenige, der zuletzt lachte. Aber ich wusste es besser. (…)“ (Seite 281)

Da staunt der erfolgreiche Musiker, als er nach 27 Jahren eine Einladung zum Klassentreffen erhält. Gerichtet ist die Einladung an Falk Lutter. Dass er den Namen schon seit vielen Jahren nicht mehr führt und unter dem Namen Martin Gold Karriere gemacht, das wissen seine ehemaligen Mitschüler nicht. Sie hätten auch keine Chance, ihn in den Medien oder auf der Bühne wiederzuerkennen, denn äußerlich und innerlich ist er heute meilenweit entfernt von dem dicklichen blonden Ostler, der 1980 als Republikflüchtling nach West-Berlin und in ihre Klasse kam.

Der Künstler selbst hält sein altes Leben vor der Öffentlichkeit unter Verschluss. So erfreulich, dass er sich gerne daran erinnern würde, war seine Jugend nämlich nicht. Das heißt, bis zu jenem denkwürdigen Plattensee-Urlaub im Sommer 1980 war für Falk Lutter die Welt eigentlich ganz in Ordnung. Doch dass die Familie in Ungarn nicht nur zelten, sondern von dort aus in den Westen fliehen will, hat dem 14-Jährigen keiner gesagt. Gerade hat er die nette Karen aus Ingolstadt kennen gelernt und sich ein bisschen in sie verliebt, da verfrachten ihn seine Eltern in das präparierte Wohnmobil eines Fluchthelfers. Das Unternehmen klappt nicht wie geplant und die Familie wird getrennt. Erst ein Jahrzehnt später findet Falk/Martin heraus, was mit seinen Angehörigen geschehen ist und wer dafür verantwortlich zeichnet.

Der Kulturschock in West-Berlin ist für den Jungen aus Dresden groß. „Cool“ muss man sein, und er weiß nicht, wie das geht. Seine Schulzeit wird fürchterlich. Wegen seiner fehlenden Kenntnisse in Englisch und Französisch wird er in eine Klasse eingestuft, in der alle jünger sind als er. Und dort herrscht eine Cliquenwirtschaft, der ihresgleichen sucht. Das Wort „Mobbing“ kennt man zwar noch nicht, das Phänomen aber schon. Falk gerät in die Gruppe der „uncoolen“ Außenseiter und wird unter der Führung des Triumvirats – Thomas, Henning und Gerry – fortwährend drangsaliert. Nicht besser ergeht es dem Hobbyfilmer Arndt, dem stoischen Heiko, einem der Martins und der kleinwüchsigen Christine.

Eine Klassenfahrt ins Elsass kurz vor dem Abitur führt zu einem Mobbingexzess mit Todesfolge. Und auch das, was Falk/Martin euphemistisch seinen „Unfall“ nennt und was seine Gesichtszüge und seine Mimik für immer verändert, ist ein Resultat dieser entsetzlichen Ereignisse.

Und jetzt schickt ihm diese mobbende Schweinebande allen Ernstes eine Einladung zum Klassentreffen! Die haben vielleicht Nerven! Natürlich wird er da nicht hingehen, sagt er … und fährt nach einigen Überlegungen doch. Inkognito, als zufällig anwesender Hotelgast, taucht er auf, spielt den unbeteiligten Beobachter und schaut sich die „Siegertypen“ seiner Jahrgangsstufe genau an. Ob sie wohl auch gute Verlierer sind? Er lässt sich sogar von einem Teilnehmer zu einem Kurzauftritt „überreden“. Die Schulkameraden können ja nicht ahnen, dass genau das seine Absicht war. Wenn sie erst wüssten, wie gut sich ihr Opfer von damals auf dieses Wiedersehen vorbereitetet hat …!

Das ist natürlich nur ein Bruchteil dessen, was in dem Buch passiert. Schließlich begleiten wir den Helden durch drei Jahrzehnte seines Lebens und werden Zeuge der schmerzhaften Metamorphose vom hilflosen Mobbingopfer zum erfolgreichen Künstler, der weiß, was er will und mit seinem Leben zufrieden ist. Wir verfolgen das zum Teil tragische Schicksal seiner Familie und den Fortgang seiner Karriere. Ausgerechnet mit einem spontan hingehudelten Stück übers Coolsein landet Martin Gold einen Sommerhit, mit dem er mehr verdient als mit all seinen übrigen Platten zusammen.

Eine Konstante in seinem Leben ist Karen, die er als Teenager am Plattensee kennengelernt hat und mit der ihn eine enge Freundschaft verbindet. Sie als einzige kennt seine ganze Geschichte.

Die ungeheuerlichen Ereignisse im Leben des Helden sind für den Leser eigentlich nur deshalb zu ertragen, weil sie in Rückblicken erzählt werden. Wenn Martin Gold uns schildern kann, was ihm als Falk Lutter widerfahren ist, dann heißt das schon mal, dass er das alles überlebt hat. Und einigermaßen weggesteckt noch dazu, denn Martin geht es offensichtlich gut.

Obwohl man nach kurzer Zeit schon das Gefühl hat, die Menschen in dem Roman persönlich zu kennen, besteht zu den Ereignissen in Falks Vergangenheit eine gewisse Distanz. Ja, das ist alles passiert, es war schlimm, aber es ist vorbei und kein Grund mehr zum Heulen und Zähneklappern. Zum einen sind Jahre vergangen, zum anderen hat Martin Gold den Falk Lutter vor Jahrzehnten schon hinter sich gelassen. Was Falk passiert ist, das sind Geschichten aus ein einem anderen Leben. Es ist, als spreche der Schmetterling über sein früheres Dasein als Raupe.

Dazu werden die Erlebnisse noch aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel erzählt. Oder sollte man in dem Fall „Schnupperwinkel“ sagen? Falk/Martin hat einen überdurchschnittlich empfindlichen Geruchssinn und nimmt auf diesem Weg viel mehr wahr als der Normalbürger. Während man als Leser noch darüber staunt, was dieser Mann alles registriert und was ihm seine Nase über das Tun und Treiben seiner Mitmenschen verrät, berichtet er von schlimmen Schicksalsschlägen, menschlichen Abgründen und abscheulichen Schandtaten.

In den dramatischen Ereignissen auf der Klassenfahrt sieht Martin Gold den Punkt, ab dem sich sein Leben zum Besseren gewendet hat. Christine aus der Verlierer-Clique, inzwischen eine erfolgreiche Geschäftsfrau, findet gar: „Heute, rückblickend, bin ich fast froh darüber, dass sie mir Gelegenheit gegeben haben, mich mit mir selbst zu beschäftigen, meine Stärken zu entdecken. Ich musste nicht mit einer blöden Clique rumhängen, idiotische Musik hören und Starschnitte aus der BRAVO schnippeln.“ (Seite 299) – „Eigentlich sollten wir ihnen dankbar sein. Oder ist es immer so, dass Leute wie wir zum Schluss als diejenigen dastehen, die die Nase vorn haben?“ (Seite 311)

Mobbing als Starthilfe ins Leben? Interessante Überlegung! Oder aber ein Versuch der Opfer, ihrem Leiden rückblickend einen Sinn zu geben. Leute mit Verstand, Kreativität und Biss brauchen keine traumatisierenden Erlebnisse in ihrer Jugend, um ihren Weg zu machen. Dass fiese Siegertypen und Rädelsführer irgendwann scheitern, wenn sie keine anderen Erfolgsstrategien gelernt haben als ihre Mitmenschen zu schikanieren, das ist nachvollziehbar. Glück und Zufriedenheit lassen sich eben nicht herbeimobben.

Die Figuren wirken lebendig und authentisch und werden einem auch nach dem Zuklappen der Buchdeckel im Gedächtnis bleiben. Wer sich noch an Vorwende-Urlaubsreisen nach Ungarn oder ans Schwarze Meer erinnern kann, mit den damals noch als exotisch geltenden Ost-West-Begegnungen, der kann beurteilen, wie gut die Stimmung dieser Zeit hier getroffen wurde. Ein bisschen Falk Lutter wird fortan auch durch diese Urlaubs-Erinnerungen geistern. Möge die Zeitgeschichte unsere Urlaubsbekanntschaften von damals nicht gar so sehr gebeutelt haben wie die Lutters!

Der Autor:
Tom Liehr, geb. 1962 in Berlin, war Redakteur, Rundfunkproduzent und DJ. Seit 1998 Besitzer eines Software-Unternehmens. Er lebt in Berlin. Mehr zum Autor unter: www.tomliehr.de.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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