Martin Davies: Wiedersehen in Hannesford Court – Roman

Martin Davies: Wiedersehen in Hannesford Court – Roman, München 2014, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, OT: The Year After, Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg, ISBN 978-3-423-24989-8, Klappenbroschur, 331 Seiten, Format: 20,8 x 13,4 x 4 cm, Buch: EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A), Kindle Edition: EUR 12,99.

Abb.: © dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abb.: © dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Diejenigen, die drüben waren, wollen den verdammten Krieg vergessen. Und die, die geblieben sind, wollen das um jeden Preis verhindern. Plötzlich sind die Männer, die gestorben sind, alle Helden, und die Heimgekehrten sind undankbare Burschen, die ein bisschen launisch wirken und ein bisschen unbeholfen und die anderen enttäuschen. (…)“ (Seite 265)

England 1919: Durch Zufall ist Captain Tom Allen, 30, der Sohn einer verwitweten Skandalschriftstellerin, vor Jahren in die vornehmen Kreise der vermögenden Familie Stansbury geraten. Besonders fasziniert ist er, wie alle andern auch, von der glamourösen Tochter des Hauses, Margot, und dem ältesten Sohn, dem „goldenen Harry“. Gegen deren Ausstrahlung verblassen alle ihre Geschwister und Freunde.

Hannesford Court, das Landhaus der Stansburys, war vor dem Krieg immer voller Gäste Besondere Glanzpunkte waren stets der Rosenball im Sommer und die Festlichkeiten an den Weihnachtsfeiertagen. Der Erste Weltkrieg hat diese Tradition unterbrochen. Jetzt, nach Kriegsende, erhält Tom Allen erstmals wieder eine Einladung zur Weihnachtsfeier. Er ist gerade erst aus Frankreich zurückgekehrt, wartet auf die Demobilisierung und weiß nicht so recht, was er mit seinem Leben anfangen soll. Ist es da klug, nach Hannesford Court zurückzukehren und so zu tun, als sei alles genau wie vor dem Krieg? Als könne man in eine Welt zurückkehren, die in dieser Form gar nicht mehr existiert? Der „goldene Harry“ ist gefallen, genau wie die Männer der Stansbury-Schwestern. Reggie, der Zweitgeborene, der jetzt zum Erben aufgerückt ist, ist als Schwerversehrter aus dem Krieg zurückgekehrt.

Von den alten Freunden von damals sind nur noch Tom Allen und der etwas alberne Freddie Masters übrig. Und genau der schickt Tom einen verstörenden Brief. In Köln sei er dem Sohn von Professor Schmidt begegnet, der bohrende Fragen nach dem Tod seines Vaters gestellt habe. Der Professor – ein in England lebender Deutscher, der regelmäßig Hausgast bei den Stansburys war – war während des letzten Rosenballs an einem Herzinfarkt verstorben. Das nun stellt der Sohn in Frage. Sein Vater habe ihm Aufzeichnungen hinterlassen, die besagen, dass er kurz vor seinem Tod Zeuge eines ungeheuerlichen Verbrechens geworden sei. Zu weiteren Ausführungen ist er dann nicht mehr gekommen. Ein Zufall? Oder ein Mordfall?

Freddie Masters hat keine Ahnung, was der Professor mit seinen Andeutungen gemeint haben könnte und bittet Tom Allen um Hilfe. Der ist ebenso ratlos. Ein Verbrechen? Das müsste dann ja von einem der Bewohner oder Gäste von Hannesford Court verübt worden sein. Undenkbar!

Tom nimmt die Einladung zur Weihnachtsfeier an und beschließt, sich bei der Gelegenheit ein wenig umzuhören. Vielleicht weiß ja Anne Gregory etwas, die ehemalige Gesellschafterin von Mrs. Stansbury. Sie hat den Professor gut gekannt und nach dessen Tod seine persönlichen Sachen zusammengepackt und an seine Angehörigen geschickt.

Bei der Weihnachtsfeier ist die Stimmung auf dem Landsitz … seltsam. Auch wenn rein äußerlich alles beim alten geblieben ist, haben sich doch die Menschen verändert. Und es fehlen so viele! Eine besonders große Lücke hinterlässt Harry Stansbury, der jetzt als Gefallener geradezu wie ein Heiliger verehrt wird. Sein Bruder Reggie, der es nie verkraftet hat, immer in Harrys Schatten zu stehen ist jetzt, da er schwer entstellt im Rollstuhl sitzt, noch grantiger und unerträglicher als früher. Was man nachvollziehen kann.

Die heimgekehrten Soldaten haben allesamt das Gefühl, dass niemand ihre wahren Erlebnisse hören will. Ihre Freunde und Angehörigen haben nur Interesse an der Verehrung der Gefallenen. Tom Allen, der beim Gedenkgottesdienst für Harry eine Rede gehalten hat, bringt es auf den Punkt:
„Ich hätte mich in die Kirche stellen und sagen können, dass alles elend und barbarisch war, aber ich habe es nicht über mich gebracht. Ich musste ihnen sagen, was sie hören wollten, dass Harry Stansbury für die edelste Sache in unserer gesamten Geschichte gestorben ist und wie stolz wir darauf sein müssen, dass England solche Männer hervorgebracht hat.“ (Seite 319)

Schritt für Schritt kommen Tom Allen und Anne Gregory auch der ungeheuerlichen Tat auf die Spur, von der der Professor geschrieben hat. Und Tom muss erkennen, dass schon vor dem Krieg vieles nur Fassade war und er sich in einigen Personen gewaltig getäuscht hat. Einige hatten deutlich mehr Tiefgang und Charakter als vermutet, manche waren Blender und Schwächlinge, ein paar gaben sich scheu harmlos und hatten es faustdick hinter den Ohren und andere waren trotz ihres vornehmen Gehabes rücksichtslos und verkommen. Jetzt kann ihn nichts mehr überraschen. Denkt er …

Im Grunde passiert nicht viel in dem Roman. Ein Kriegsheimkehrer besucht Freunde aus Friedenszeiten und sieht den alten Glanz mit neuen Augen. Nichts ist mehr das, was es noch nie war. 😉 Aber man kann einfach nicht aufhören zu lesen Was hat der Professor gesehen? Was weiß die Witwe des Verwalters? Und was weiß die Familie? Den Stansbury-Brüdern und ihren Kumpanen traut man so ziemlich jede Lumperei zu und die Fähigkeit, sich von den Folgen freizukaufen, obendrein. Was wird der jähzornige und unberechenbare Hannesford-Erbe Reggie als nächstes anstellen? Und kommen Tom Allen und Anne Gregory nun zusammen oder verkraften sie die Wahrheit nicht?

Es dauert eine Weile, bis man herausfindet, welche Abschnitte in Tom Allens Gegenwart spielen, welches die Rückblicke sind und wer gerade erzählt. Ich habe das System erst nach knapp 90 Seiten durchschaut und manches Mal verwirrt zurückgeblättert. Hier eine kurze Gebrauchsanweisung:

  • Wenn es draußen kalt ist, haben wir 1919.
  • Wenn es Sommer ist, spielt die Episode vor dem Krieg.
  • Wenn Tom Allen erzählt, ist die Schrift streng und „geradlinig“ (Sabon) und der Text hat auch eine gerade Initiale.
Abb.: © dtv Deutscher Taschenbuch Verlag - Seite 53
Abb.: © dtv Deutscher Taschenbuch Verlag – Seite 53
  •  Wenn Anne Gregory die Ich-Erzählerin ist, erkennt man das an einer etwas feminineren Schrift (Cochin), die eine kursive Initiale hat.
Abb.: © dtv Deutscher Taschenbuch Verlag - Seite 52
Abb.: © dtv Deutscher Taschenbuch Verlag – Seite 52

Da muss man aber schon genau hinsehen. Für den Laien, vor allem, wenn er das Buch nur „häppchenweise“ liest, ist der typographische Unterschied nicht besonders augenfällig. Da hätte es gern ein deutlicherer Kontrast sein dürfen.

WIEDERSEHEN IN HANNESFORD COURT ist kein kitschiger Downton-Abbey-Verschnitt, sondern eine intelligente und einfühlsame Geschichte über Krieg und Frieden, Konventionen und Fortschritt, Wahrheit und Illusion. „Hier wird der Mythos der Vorkriegsidylle gründlich auseinandergenommen“, schrieb die britische Zeitung The Independent on Sunday (Klappentext). Genau so ist es!

Der Autor
Martin Davies wuchs im Nordwesten Englands auf. Er hat viel Zeit auf Reisen im Nahen Osten und Indien verbracht und lebt heute in den englischen Midlands, wo er für den Rundfunk arbeitet. Seine Romane schreibt er in Cafés und öffentlichen Verkehrsmitteln und immer mit der Hand.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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