Alexander Neubacher: Total beschränkt

Alexander Neubacher: Total beschränkt. Wie uns der Staat mit immer neuen Vorschriften das Denken abgewöhnt, München 2014, Deutsche Verlags-Anstalt, ISBN 978-3-421-04655-0, Hardcover mit Schutzumschlag, 302 Seiten, Format: 14,4 x 3,2 x 21,9 cm, Buch: EUR 19,99 (D), EUR20,60 [A], Kindle-Edition: EUR 15,99.

Abbildung: (c) DVA
Abbildung: (c) DVA

„Wo bleibt in einer tempogemäßigten, zuckerreduzierten und sicherheitsfixierten Tugendgesellschaft eigentlich der Spaß?“ (Seite 276)

Keine Frage: Damit eine Gemeinschaft funktioniert, braucht es Regeln. Chaos und Anarchie sind keine brauchbaren Alternativen. Aber man kann es mit den Gesetzen und Vorschriften auch übertreiben. „Viel hilft viel“ ist hier nicht die richtige Vorgehensweise.

Manche überflüssigen Vorschriften sind lediglich putzig und richten keinen großen Schaden an. Andere aber …

  • sind so konzipiert, dass nicht mal die Experten durchblicken (z.B. Müllentsorgung),
  • bewirken das glatte Gegenteil dessen, was intendiert war (z.B. Dosenpfand),
  • sind so widersinnig, das deren Folgen regelmäßig aufwändig neutralisiert werden müssen (z.B. Wasserspartaste bei der Klospülung),
  • bremsen den Fortschritt,
  • dienen vorgeblich dem Wohl des Bürgers, in Wahrheit jedoch hauptsächlich bestimmten Interessensgruppen,
  • regieren dem Bürger ins Privatleben hinein, indem sie ihm vorschreiben, was er konsumieren und wie er arbeiten und wohnen sollen.

Selbst Gesetze und Vorschriften, die sich als kontraproduktiv erwiesen haben – man kann die Wirkung ja nicht vorab testen – bleiben bestehen.

Warum wollen die Politiker eigentlich immer besser wissen als wir, was gut für uns ist? Die Menschen sind keine Trottelbürger und die Politiker machen nicht gerade den Eindruck, als seien sie dem Rest der Welt intellektuell so wahnsinnig überlegen. Wer hat sie auf die Idee gebracht, die Bürger erziehen und vor sich selbst schützen zu müssen? Reicht es nicht, die Gefahren ungesunder Ernährung, des Konsums von Genussmitteln oder riskanter Geldanlagen darzulegen und den Leuten dann die Entscheidung zu überlassen, was sie mit dieser Information anfangen? Stattdessen gibt’s hier Rauchverbot, dort Kartoffelsalatverbot und Eierverbot sowie ein Verbot selbstgebackener Kuchen und was nicht noch alles – und es gibt das Beratungsprotokoll der Banken, das weniger den Verbraucher absichert als die Bank.

Man spricht von Zuckersucht und stellt die Deutschen als die dicksten Europäer an den Pranger. Dringend abspecken müssen sie, weil sie sonst die Gesundheitskosten in die Höhe treiben. Dazu soll eine Ampelkennzeichnung der Lebensmittel her, die dann kalt gepresstes Olivenöl als fett und damit ungesund markiert.

Die Dicken als Schädlinge, der Körper als Staatseigentum. Dazu meint der Autor: „Es gibt ein Recht auf Gesundheit, aber keine Pflicht zur Gesundheit. Solange wir keinem anderen Schaden zufügen, dürfen wir gute und medizinisch wertvolle Ratschläge ignorieren. Das mag nicht klug von uns sein (…). Aber die Freiheit über unser eigenes Schicksal selbst entscheiden zu dürfen, ist der wesentliche Unterschied zwischen uns und einem Schimpansen.“ (Seite 124)

Die Studie, die die Deutschen zu den dicksten Europäern macht, beruht auf keinem belastbaren Zahlenmaterial und ist nach neueren Untersuchungen genauso Bullsh*t wie die Behauptung, wer ungesund lebe, koste die Gemeinschaft unverhältnismäßig viel Geld. Ein schlanker, nichtrauchender, nichttrinkender „Kohlrabi-Apostel“ wird im Schnitt deutlich älter und verursacht im Lauf der Zeit rund 60.000,- Behandlungskosten mehr.

Im Namen der Sicherheit, Enthaltsamkeit und Sittlichkeit wird man gegängelt, erzogen, überwacht und an der Nase herumgeführt. Die Maßnahmen kosten Geld und ihr Nutzen ist vielfach zweifelhaft. Es gibt natürlich Fälle, in denen man das Verhalten der Bürger sinnvollerweise zu lenken trachtet. Ist dann „Nudging“ („anstupsen“) vielleicht die bessere Alternative? In Großbritannien und den USA hat man wiederholt gute Erfahrungen, die Menschen mit der richtigen Ansprache und den passenden Anreizen zum gewünschten Verhalten anzuregen. Das ist mehr eine Frage der Psychologie oder der Verhaltensökonomie als des Erlassens von Vorschriften.

Wie man in Texas mittels Nudging den jungen „Rednecks“ abgewöhnt hat, ihren Müll aus dem Autofenster zu schmeißen und wie man in Kalifornien die Bürger zum Energiesparen anregen konnte, das hat schon was. In Großbritannien hat man bei den Mahnschreiben an säumige Steuerzahler regelrechte „Copytests“ gefahren, wie man es sonst nur aus der Werbung kennt: Man teilte die Empfänger in Gruppen auf, schickte jeder Gruppe ein anderes Schreiben und ermittelte, auf welche Art Brief die meisten Empfänger auf gewünschte Weise reagierten. Das sind sehr interessante Lösungsansätze … auch die Geschichte mit der Dachsanierung (Seite 258). Da hat einer eine echt clevere Idee gehabt!

Ein bisschen manipulativ ist diese Anstupserei ja schon aber, im Gegensatz zu Verboten, freiwillig. Man kann darauf wie gewünscht reagieren, muss es aber nicht tun. Und wenn ein Nudge nicht funktioniert, kann man ihn ruckzuck durch eine andere Maßnahme ersetzen. Eine Vorschrift oder ein Gesetz zu ändern, ist mehr Aufwand. „Die Kritik am Nudging ist häufig eine Kritik daran, dass es überhaupt eine Regulierung gibt. Doch wenn man akzeptiert, dass ein Staat ohne Regeln nicht funktioniert, können Nudges bessere, billigere, fehlertolerantere und weniger übergriffige Instrumente sein als harte Verbote.“ (Seite 258)

Dass man künftig Psychologen oder Verhaltensökonomen anstelle von Politikern braucht, ist aber nicht wahr. Wenn die Politiker im Bedarfsfall entsprechende Experten zurate zögen, wäre das schon ein Anfang. Und natürlich hat das Nudging auch seine Grenzen. Vieles muss knallhart gesetzlich geregelt werden. Aber wo das nicht erforderlich ist, wäre diese Methode einen Versuch wert.

Die Frage ist natürlich, wo die Grenze verläuft zwischen nötiger und unnötiger Regulierung. Was für die einen eine unzumutbare Bevormundung darstellt, ist für den anderen eine Hilfe. Gerade auf dem Finanzsektor bin ich mir unsicher, ob man da wirklich jeden unreguliert und unkontrolliert herumwursteln lassen sollte. Wir sind zwar keine Trottelbürger, aber hier herrscht nicht in jedem Fall „Waffengleichheit“ zwischen Kunden und Beratern.

Davon abgesehen ist es schon erstrebenswert, seine Entscheidungen unbevormundet selbst treffen zu können und auch mal was Unvernünftiges zu tun. Für die Folgen muss man dann natürlich auch selbst geradestehen und nicht nach dem Staat greinen.

„Zeit unseres Lebens schwirren wir umher wie die Arbeitsbienen. Wir denken, wir müssten alles tun, um immer optimale Leistungen zu vollbringen. Doch das ist falsch. Ein Leben ohne Müßiggang, Zeitverschwendung, Exzesse und Fehltritte? Eine jammervolle Vorstellung!“ (Seite 276)

Unter den 77 irren Vorschriften, die auf den Seiten 277 ff. aufgelistet sind, kann sich dann jeder seine Favoriten aussuchen. Vor allem die Punkte 12, 15, 44, 52 und 73 hätten bei einer Bekloppten-Olympiade gute Chancen. Was sich hinter diesen Ziffern verbirgt? Das steht im Buch …

Der Autor
Alexander Neubacher, geboren 1968 in Krefeld, hat Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln studiert und ist Absolvent der Kölner Journalistenschule. Er war Redakteur bei der „Wochenpost“, bei „Bizz Capital“ und arbeitet seit 1999 als Wirtschaftsredakteur im Hauptstadtbüro des SPIEGEL in Berlin. Für seine Arbeit wurde er u.a. mit dem Helmut-Schmidt-Journalistenpreis und dem Medienpreis der deutschen Kinder- und Jugendärzte ausgezeichnet.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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