Helfersyndrom? Ich?

Seit Jahren unterstellt mir ein alter Bekannter ein Helfersyndrom zu haben. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das zutrifft. Noch nie habe ich mich darum gerissen, jemanden zu retten. Ich fühle mich sogar ausgesprochen unwohl, überfordert und panisch, wenn das jemand von mir verlangt.

Im Grunde will ich nur in Ruhe meinen Kram machen und mich mit mir sympathischen, intelligenten und interessanten Menschen austauschen. Im großen Stil helfen will ich eigentlich nicht. Natürlich springe ich mal für einen Kollegen ein, füttere die Nachbarskatzen oder leihe einem Kumpel die Bohrmaschine. Ich vermittle auch gerne berufliche Kontakte und unterstütze den städtischen Tierschutzverein. Aber darüber hinaus hält sich mein Ehrgeiz zu helfen in Grenzen.

Ich habe als Stütze und Lebensretterin auch gar keine guten Quoten:

  • Als Kind hätte ich meine Mutter unterstützen und entlasten sollen, als sie mit einer familiären Situation komplett überfordert war. Das habe ich nicht gebacken bekommen, weil ich die Lage überhaupt nicht verstanden habe. Erwachsene waren in meinen Augen allmächtig. Dass ihnen etwas über den Kopf wachsen könnte, habe ich nicht gewusst. Und so war ich eher eine Last als eine Hilfe.
  • Ein Kumpel aus Studententagen war durch ein Familiendrama traumatisiert und hätte professionelle Hilfe gebraucht. Die wollte er nicht. Stattdessen erhoffte er sich Hilfe von mir. Dazu fehlte mir jegliche Voraussetzung – ich war ja gerade mal aus der Schule draußen. Er hat sich schließlich das Leben genommen.
  • Meine Mutter hat sich jahrelang geweigert, zum Arzt zu gehen und ist nach langem Leiden an einer schweren Krankheit gestorben, die man hätte behandeln können, wenn man sie rechtzeitig erkannt hätte. Ich wusste, dass sie sich vor den Doktores drückt, wo es nur geht und habe mich trotzdem nicht eingemischt. Man kann auch sagen: Ich habe mich nicht darum gekümmert. Meine Mutter war erwachsen und nicht blöd. Ich dachte, sie wird schon wissen, was sie tut.
  • Bei meinem Mann war es so ähnlich. Er war nicht willens oder nicht in der Lage dazu, seine gesundheitlichen Probleme anzugehen. Jahrelang habe ich gebettelt, argumentiert, den Teufel an die Wand gemalt, gedroht – es war alles für die Katz. Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr und hab ihn halt wursteln lassen. Wie das ausging, wisst ihr: Er ist voriges Jahr mit 53 Jahren verstorben.
  • Ich werde auch meinen Vater nicht „retten“ können, und wenn ich noch so eine brave und pflichtbewusste Tochter bin und ständig wusle, wirble und mache. Er geht auf die 90 zu. Dass man da gesundheitlich abbaut, ist der Lauf der Welt. Das ist deprimierend, und ich tu, was ich kann, auch wenn ich am Endergebnis nichts ändern kann.

Keine der geschilderten Situationen hat auch nur den geringsten Spaß gemacht, das kann ich euch versichern. Es war, vorsichtig ausgedrückt, beängstigend und frustrierend und schreit garantiert nicht nach einer Wiederholung. Ich werde mich niemals freiwillig in eine Situation bringen, in der mir die Rolle einer Lebensretterin zufällt. Ich kann das nicht, ich will die Verantwortung nicht tragen und es versetzt mich in Panik.

Ein Helfersyndrom habe ich mir immer anders vorgestellt.

Foto: (c) Rosel Eckstein / pixelio.de
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Foto (c)  Rosel Eckstein / www.pixelio.de

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