Monika Offenberger: Symbiose

Monika Offenberger: Symbiose. Warum Bündnisse fürs Leben in der Natur so erfolgreich sind, München 2014, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-26055-8, Klappenbroschur, 154 Seiten, 16 Farbfotos, Format: 13,6 x 2,2 x 21,1 cm, Buch: EUR 16,90 (D), EUR 17,40 (A), Kindle Edition: EUR 14,99.

Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
Abbildung: (c) dtv Deutscher Taschenbuch Verlag

„Wieder haben wir es mit einer äußerst erfolgreichen Symbiose zu tun: Korallen und Algen erleichtern sich gegenseitig das Leben und schaffen gemeinsam, was einer allein nicht kann.“ (Seite 52)

Offen gestanden hatte ich mir die Lektüre dieses Buchs ein wenig einfacher vorgestellt. „Monika Offenberger eröffnet auf gut verständliche Art neue Einsichten in biologische Zusammenhänge“ verspricht der Text auf der vierten Umschlagseite – und ich habe es geglaubt. Ich dachte, da gibt’s jetzt Geschichten von Putzerfischen und Madenhackern, von Flechten, Bäumen und Pilzen, von Ameisen und Blattläusen. Die gibt es auch. Aber es geht doch zu einem großen Teil um Mikroben, um biochemische Prozesse, um Genetik … um all das eben, was so im Inneren einer Zelle abgeht. 😉
Wenn der Biologieunterricht, den man einmal genossen hat, so um die 40 Jahre her ist, bedeutet das eine gewisse Herausforderung. Mitochondrien? Chloroplasten? Einzeller, Organellen, Enzyme … ja, da war doch mal was! Und so liest man manche Absätze einmal, zweimal, dreimal und hofft, der Sache irgendwie folgen zu können.

Ohne Symbiose gäbe es „keine Wälder, keine Wiesen, kein einziges Tier, weder an Land noch im Wasser.“ (Seite 143) Und natürlich auch keine Menschen. All das Leben dort besteht aus komplexen Zellen, und die sind das Produkt einer symbiotischen Verschmelzung verschiedener Bakterien. Die amerikanische Professorin Lynn Margulis hat den Beweis erbracht, dass Tiere- und Pflanzenzellen ursprünglich durch Symbiose entstanden sind: Die Mitochondrien, die „Heizkraftwerke“ der Zellen, die die Nahrung verbrennen und in Energie umwandeln, „stammen von einst eigenständigen Organismen ab, die in der Frühzeit des Lebens, vor rund eineinhalb Milliarden Jahren, von einem archaischen Einzeller verschluckt und anschließend gezähmt worden sind. Seither bewohnen sie als so genannte ‚Endosymbionten‘ die Zellen sämtlicher hohen Organismen und erhalten sie durch einen erstaunlichen Vorgang namens Atmung am Leben.“ (Seite 11)
Wie sich die Verschmelzung verschiedenartiger Zellen abgespielt hat, wer sich wen einverleibt hat und wie die Endosymbionten zum Grundstock vielzelliger Lebewesen werden konnten, erfahren wir auch.

Wie oben angedeutet, geht es in diesem Buch nicht nur um Mikroorganismen.

  • Korallen und Algen kooperieren seit rund 210 Millionen Jahren: Die Polypen liefern den sicheren Wohnraum, die Algen betreiben Photosynthese und erzeugen daraus Nährstoffe. Damit bezahlen sie die „Miete“ bei ihrem „Wirt“. Auch manche Quallen, Seeanemonen, Plattwürmer, Nacktschnecken, Amöben und Schwämme profitieren von solchen grünen Untermietern.
  • Bäume und Pilze haben einen Deal: Das dünne, weit verzweigte Hyphengeflecht der Pilze saugt Nährstoffen aus dem Boden und versorgt damit sich selbst und den Baum, dessen Wurzeln es umsponnen hat. Dafür bekommt der Pilz vom Baum Traubenzucker für den Aufbau und Unterhalt seines Körpers. Weil Pilze keine Photosynthese betreiben können, können sie Zucker und andere Kohlenhydrate nicht selber herstellen.Dieser Austausch geschieht nicht aus Freundlichkeit. „Jeder nimmt, was der andere nicht verhindern kann, dass es ihm genommen wird. Dies ist (…) nichts anderes als ein wechselseitiger Parasitismus.“ (Seite 65)
  • Wie sind überhaupt Pflanzen an Land gekommen? Da gab’s ja noch keinen Humus, nur nackten Fels. Pilzen fehlten dort Nährstoffe, Algen die Feuchtigkeit. Aber zusammen, in der symbotischen Lebensgemeinschaft als Flechten, haben sie es geschafft.
  • Ameisen sind als Hirten und Gärtner tätig. Drüsenameisen in den Regenwäldern Malaysias halten sich Schmierläuse und wandern mit ihnen wie Nomaden von Weidegrund zu Weidegrund. Mit dem Honigtau der Läuse ernähren die Ameisen sich und ihre Brut – und die Läuse haben dafür eine ganze Armee von Leibwächtern.Blattschneiderameisen legen als Nahrungsquelle Pilzkulturen an, die sie mit einem Brei aus Pflanzenstücken und Kot „düngen“. „Sie haben es (…) geschafft, frisches Pflanzenmaterial, das sie selbst nicht verdauen können, über ihren symbiotischen Pilz in verwertbare Nahrung umzusetzen.“ (Seite 81)
  • Blütenpflanzen investieren in die Produktion von Lockstoffen und Nektar, um Insekten anzulocken, die die Bestäubung vornehmen. Auch viele Früchte sind so gestaltet, dass sie Tiere anziehen, die für deren Verbreitung sorgen.
  • Putzsymbiosen sind in der Tierwelt weit verbreitet: Für den einen sind die Schmarotzer Nahrung, der andere ist froh, sie loszuwerden. Wie Putzerfische es verhindern, von ihrer Kundschaft gefressen zu werden und ob der Madenhacker- ein Verwandter der Stare – den Säugetieren, die er putzt, wirklich einen Gefallen tut, erfahren wir im Buch.
  • Welche sonderbare Allianz die Goliath-Vogelspinne mit einem kleinen Vertreter der Engmaulfrösche verbindet, ist ebenso erstaunlich wie die Tatsache, dass manche Tiere mit Antibiotika aus der Produktion von Bakterien arbeiten.
  • So eklig es klingen mag: Auch wir Menschen sind von Mikroben besiedelt – größtenteils freundliche Mikroorganismen, die z.B. im Darm und auf der Haut zu Hause sind. Unser Körper enthält zehnmal so viele Mikrobenzellen wie eigene Zellen. Und unsere Untermieter profitieren von uns ebenso wie wir von ihnen. Wir erfahren, was das für unseren Stoffwechsel, unser Immunsystem und möglicherweise sogar auf unseren S*x-Appeal zu bedeuten hat. Welche unappetitliche aber wirkungsvolle Behandlungsmethode sich hinter dem Begriff FMT verbirgt und wie man die Symbioseforschung für Arzneimittel, Pflanzenzucht, Düngung und Pflanzenschutz nutzen kann, lernen wir hier ebenfalls.

Symbiose ist also ein ungeheuer weites Feld. Auch wenn man als Laie nicht alles verstehen wird, es wird doch so manche wichtige und interessante Information hängen bleiben. Und man staunt wieder einmal über die komplexen Mechanismen und die Vielfalt der Natur.

Die Autorin
Monika Offenberger, Dr. rer. nat., ist Biologin und Wissenschaftsjournalistin, sie schreibt unter anderem für die ›Süddeutsche Zeitung‹ und die ›Berliner Zeitung‹. Einige Veröffentlichungen: ›Von Nautilus und Sapiens. Einführung in die Evolutionstheorie‹ (1999), ›Die Zeit des Waldes‹ (2004; zus. mit Georg Meister), ›Das Ei: Ursprung des Lebens‹ (2012).

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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