Copperfield von Preppach-Leuchtenberg, Ina-Maria Enn: Auto-Gassi gefällt mir

Copperfield von Preppach-Leuchtenberg, Ina-Maria Enn: Auto-Gassi gefällt mir. Menschen sind vielleicht komische Tiere, Mittenwald 2014, Marianne von Hirsch Verlag, ISBN 978-3-9816858-0-0, Softcover, 256 Seiten, Format: 12,8 x 1,7 x 19 cm, Buch: EUR 9,95, Kindle Edition: EUR 9,95.

Abbildung; (c) Marianne von Hirsch Verlag
Abbildung; (c) Marianne von Hirsch Verlag

Der siebenjährige schwarze Riesenschnauzer Copperfield von Preppach-Leuchtenberg, genannt „Charly“, ist eine Facebook-Berühmtheit. Er lebt bei einem gestandenen Paar in Oberbayern, das aus vorangegangenen Beziehungen mehrere Kinder und Enkel hat. Frauchen – die Chefin – war mal Lehrerin und arbeitet jetzt im Home Office. Der Chef ist anscheinend in der Baubranche tätig, liebt Modellflugzeuge sowie -Hubschrauber und ist Hobbypilot, vermutlich Segelflieger. So genau kennt sich Hund Charly in der Materie nicht aus, und er ist es, der uns hier das Leben an der Seite seiner Menschen schildert. Wenn man das Tun und Treiben des Homo sapiens mal durch Hundeaugen betrachtet, ist das schon ein Erlebnis. 😀

Möglicherweise waren Charlys Facebook-Postings die Grundlage für dieses Buch. Es scheint nämlich ein gewisses Insiderwissen vorausgesetzt zu sein, das man als Seiteneinsteiger nicht hat. Ich lese jedes Buch mit Wohlwollen, aber ich habe stellenweise wirklich nicht verstanden, wovon Charly spricht. Was genau sind seine Feindbilder? „Menschen, die sich unter einem runden schwarzen Dach verstecken.“ Sind das nun Leute mit Hut oder mit dunklem Regenschirm? Und wer sind die, die vorgeben, ein schwarzes Fell zu haben? Menschen mit gefärbten Haaren, Pelzträger oder Personen, die einfach nur schwarz gekleidet sind? Und was hat er nur immer mit Böllern und Kirchenglocken?

Vicki Pedija habe ich – weil ich den Nachnamen im Geiste spanisch aussprach – geraume Zeit für eine reale Person gehalten, bis ich dahinter kam, dass „Wikipedia“ gemeint ist. Komplizierte Begriffe schreibt Charly nämlich nach Gehör. Dies sei ihm gestattet. In der Hundeschule macht man nun mal kein Abitur. Komplett rätselhaft war mir dann die Story vom I-Pad und den Eiern. Haben Charlys Menschen Eier zum Kochen aufgesetzt und diese dann fünf Stunden lang vergessen, weil sie am neuen I-Pad herumgespielt haben? So habe ich mir das nach mehrmaligem Lesen zusammengereimt.

Es ist wie Charly sagt: „Ich finde es viel schwerer – und viel besser – so zu reden, dass es jeder versteht, der gerade dabei ist.“ (Seite 138)

Ohne Vorkenntnisse verständlich sind so amüsante Episoden wie die, in der Charly sich über die Erziehung von Menschenkindern Gedanken macht. Wenn sie nicht bei Fuß gehen wollen oder können, warum nimmt man sie dann nicht einfach an die Leine? Die gibt’s doch überall zu kaufen! Oder die Story, in der er seiner Chefin auf originelle Weise zeigt, was er davon hält, ihr bei ihrer langweiligen Büroarbeit Gesellschaft zu leisten.

Wie er darüber denkt, dass ihn seine Menschen zum Aufräumen von Joghurtbechern verdonnert haben, das erzählt er aber nur uns. Wenn er schon Hausarbeit verrichten muss, warum darf er dann nicht alleine in der Küche bleiben? Wo er doch den Frühstückstisch so schön leergeräumt und sogar die Teller sauber geschleckt hat? Ob es daran liegt, dass er sich bei dieser Aktion 400 Gramm Butter einverleibt hat?

Singen lassen sie ihn auch nicht. Wenigstens nicht zur Hintergrundmusik in Restaurants, wenn die Familie zum Essen ausgeht. Nicht einmal Klavier spielen darf er, dabei steht doch daheim eines herum. Aber da dürfen nur Frauchen und Enkel Pit dran. Wenn die gerade nicht musizieren, ist der Deckel gnadenlos zu. Menschen können so gemein sein!

Durchaus erstaunlich ist, in welchem Tempo Charly vom Schlafhund zum Wachhund wird und nicht nur eine in den Garten pieselnde Nachbarskatze verscheucht, sondern sich auch einem frei laufenden Schäferhund in den Weg stellt, der seinen Menschennachbarn Rudi gebissen hat. Rudi bekommt einen Verband im „kranken Haus“ und Charly kriegt eine Wurstsemmel auf dem örtlichen Polizeirevier. Dass der Vorbesitzer dieser Brotzeit damit einverstanden war, darf jedoch bezweifelt werden.

Auch als Therapiehund bewährt sich unser Held. Hundeängstliche Besucher beschwichtigt er mit Geschenken. Ob sich die Dame, die zum Essen eingeladen war, wirklich über den abgelutschten Knochen gefreut hat, den er ihr auf den Schoß legte …? Vielleicht ungefähr so sehr wie die Nachbarin, deren Paket er zerfetzt … pardon: fürsorglich für sie geöffnet hat.

Wenn Charly noch einen Beweis dafür gebraucht hat, dass Menschen komische Tiere sind, bekommt er ihn spätestens an dem Abend, als Herrchen ihn zum „Public Viewing“ eines Fußball-WM-Spiels mitnimmt. Kino mit Bier und Schweinshaxen? Ein Krimi auf einer ganz großen Leinwand? Aber wo bleiben die Leichen und die Polizei? Und warum brüllen alle herum und schlafen nicht ein wie Charlys Menschen beim abendlichen Fernsehkrimi?

Das alles ist für den Riesenschnauzer sehr rätselhaft und wird es wohl auch bleiben. Zwar kann er Menschenfragen durch seine Reaktionen „beantworten“, aber leider ist er nicht imstande, selber welche zu stellen. Und so wird es in seinem Hundeleben noch viele Rätsel und – für den Leser – lustige Missverständnisse geben. Aus Hundesicht verhalten wir Menschen uns eben oft sonderbar. Charly nimmt dies mit viel Geduld und Nachsicht zur Kenntnis.

Wer damit leben kann, von manchen Insider-Gags ausgeschlossen zu sein, wird in dem Buch eine Vielzahl von unterhaltsamen Anekdoten finden, in denen er sich wiederkennen und über die er sich amüsieren kann. Mit seinen präzisen Beobachtungen schafft es der sympathische Riesenschnauzer, dass wir nicht über ihn als Hund lachen, sondern über uns Menschen.

Die Ghostwriterin
Nach dem Abitur, einem Pädagogik-Fernstudium und einer mehr als zehnjährigen Tätigkeit als Lehrerin für Deutsch und Kunsterziehung sowie als Horterzieherin, erfüllte sich Ina-Maria Enn – inzwischen Mutter von vier Kindern – mit Mitte 30 einen lang gehegten Wunsch und studierte Russisch und Englisch an der Berliner Humboldt-Universität. Ihr Ziel, Belletristik zu übersetzen, fiel – wie das Diplom – leider den Turbulenzen der Wendezeit zum Opfer. Durch die fehlende Anerkennung ihres DDR-Studienabschlusses sammelte sie in den letzten 20 Jahren Erfahrungen in sehr unterschiedlichen Tätigkeiten: von der Küchenhilfe bis zur Qualitätsmanagerin, von der Aushilfe bis zur Unternehmerin, von der Versicherung bis zum Handwerksbetrieb. Ina-Maria Enn lebt heute mit ihrem Lebensgefährten und Hund Charly in Oberbayern.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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