Was ist denn falsch am Mittelmaß?

Ich habe einen Traum: Ich möchte gern so fad und mittelmäßig sein dürfen, wie ich eben bin. Ohne mich ständig dafür rechtfertigen und schämen zu sollen. Und ohne, dass ich permanent rödeln muss um wenigstens so zu tun, als würde ich mich verbessern wollen.

Eigentlich war ich mir immer gut genug. Nur meinen Eltern hat Mittelmaß nie gereicht. Alle anderen seien sportlicher, mutiger, geselliger und geschickter als ich, hieß es. Nur bei „gescheiter“ taten sie sich schwer, zumindest, als ich noch in der Grundschule war. Da war in unserem privaten Umfeld höchstens noch Zipi, die ein bisschen älter war als ich und annähernd vergleichbare Noten nach Hause brachte.

Ich vermute, Zipi kannte den heimischen Leistungsdruck auch. Vor rund 30 Jahren hat sie sich abgesetzt und sich nie wieder bei ihrer Familie gemeldet. Letzte Spur Berlin. Keiner hat mehr was von ihr gehört, weder Freunde noch Verwandte. Ich denke manchmal an sie und hoffe, dass ihr nichts passiert ist. Dass sie einfach irgendwo ihr Leben lebt, ganz so, wie sie es für richtig hält.

Das Argument „andere sind besser in Mathe/Geschichte/Geographie/Fremdsprachen als du“ kam erst, als ich auf dem Gymnasium war. Klar: Wenn die Schlauesten aus den umliegenden Dörfern zusammentreffen, wird es schwerer, die Beste zu sein. Da waren echte „Käpsele“ dabei, die auch noch Geige spielten und/oder wegen ihrer sportlichen Glanzleistungen immer mal wieder in der Zeitung kamen. Da konnte ich nicht mithalten.

Mir war das von Herzen egal. Ich lebte in meiner eigenen Welt, interessierte mich für allerlei abseitige Dinge und wäre nicht im Traum darauf gekommen, dass ich mit meinen Altersgenossen im Wettbewerb stand. Okay, dann beherrschten die eben Dinge, die ich nicht konnte. Oder konnten etwas besser als ich. Und? Manche waren auch größer als ich oder hatten längere Haare. Das habe ich am Rande wahrgenommen und als „bedeutungslose Unterschiede“ abgehakt.

Mein Ehrgeiz richtete sich nie darauf, besser zu sein als ein anderer. Ich wollte alles über Schmetterlinge, Wiesenblumen, Affen oder Australien wissen, möglichst naturgetreue Porträts zeichnen und STAR TREK-Kurzgeschichten im englischen Original lesen können.

Klar freue ich mich, wenn ich irgendwo mal die Beste bin. Aber wenn es nicht reicht, erkenne ich diese Tatsache recht leidenschaftslos an. Ist eben so, wenn man mit seinen Fähigkeiten im Mittelfeld steht. Man trifft immer Leute, die intelligenter, gebildeter oder kreativer sind als man selbst. Dümmere trifft man ja auch.

Dass mich trotz dieser Indifferenz mein Leben lang ein Gefühl der Unzulänglichkeit und Unterlegenheit begleitet hat, ist wohl der Verdienst meiner Familie. Die hat von mir eben mehr erwartet als ich nerdiger Underperformer liefern konnte. Ich muss mir heute noch – mit Mitte 50! – immer wieder die Vergleichs-Arie anhören, vorgetragen in einem vorwurfsvollen Ton: A besitzt eine Villa, B hat eine brillante Karriere hingelegt, C hat gar eine eigene Firma und verdient ein Schweinegeld, D hat reich geheiratet, E kann sich aufwändige Hobbys leisten, F hat eine Schar wunderprächtiger Kinder und Enkel. Und ich habe nichts vorzuweisen außer einem toten Mann.

Ja, Leute, manches habe ich mir auch anders vorgestellt.

Diese Vorwürfe kränken mich. Ich rege mich jedes Mal darüber auf und ärgere mich dann, dass ich nicht einfach auf Durchzug schalten kann. Bei jedem anderen Menschen, der mir so käme, würde ich abwinken, „Ahorn“ denken und zur Tagesordnung übergehen. Aber wenn die ehemals Erziehungsberechtigten so etwas sagen, ist das etwas anderes.

Wenn eine Bekannte von mir ihre Abscheu vor einem Mitmenschen deutlich machen will, sagt sie: „Der ist so blöd, den mag nicht mal seine Mama.“ Über diesen Spruch haben wir im Freundeskreis schon oft gelacht. Aber hat er nicht auch einen ernsten Hintergrund? Von Eltern erwartet man, dass sie ihre Kinder auf jeden Fall lieben, selbst wenn diese nichts Besonderes sind – oder gar ein bisschen seltsam. Liebe und Anerkennung von Höchstleistungen abhängig zu machen und diejenigen, die nicht zur Elite gehören, wie minderwertige Ausschussware zu behandeln, ist nicht fair. Da beginnt man sich doch zu fragen: „Wie blöd muss ich sein, wenn mich nicht mal meine Eltern akzeptieren können?“

Ich weiß: Zuneigung kann man nicht erzwingen. Trotzdem wäre ich lieber ignoriert als andauernd kritisiert worden. Ich wollte und will doch nichts weiter, als in aller Ruhe so mittelmäßig sein zu dürfen, wie es die Mehrheit der Menschen ist.

Foto: (c) Juergen Jotzo, Stefan Koenig / www.pixelio.de
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Foto: © Juergen Jotzo, Stefan Koenig / www.pixelio.de

7 Kommentare

  1. boah, das ist schon krass, Edith. Ich find Dich klasse so wie Du bist. Ich kann mir schon vorstellen, daß es an einem nagt, wenn man sowas von den Ex-Erziehungsberechtigten immer wieder vorgehalten bekommt. Aber was Du leistest ist doch toll, ich bewundere Dich, wie Du das alles meisterst. Du hast ja auch mal erzählt, daß Du keine Kinder wolltest, weil Deine Mutter immer gesagt hat, daß Kinder nur stören. Ich glaube, daß die Eltern gar nicht wissen, was sie einem Kind damit antun, wenn sie immer solche Sachen von sich geben.

  2. Das erste was mir zu deinen Zeilen einfällt ist, dass ich dir gut nachfühlen kann, aber trotzdem nicht verstehe, warum dir das in unserem reifen Alter noch so nahe geht. Wenn man mit sich und seiner Welt im reinen ist, dann müsste das doch mittlerweile von einem abprallen, oder? Wenn man jung und unbedarft ist und die Eltern jung und unerfahren, kann man sich schon mal auf diesem falschen Dampfer wiederfinden. Vierzig Jahre und viele Erfahrungen später darf das für beide Parteien aber kein Thema mehr sein. Du hast für dich das Mittelmaß akzeptiert und gut ist es. Wenn es die Eltern immer noch nicht können, dann liegt es nicht an dir, sondern weil sie ihr eigenes Mittelmaß nicht verkraften. Hab also Mitleid mit deinen Erzeugern und zieh dir diesrn Schuh nie mehr an, Edit. Du bist voll in Ordnung, so wie du bist!

  3. So ganz genau kann ich auch nicht sagen, warum ich mich über solche Sprüche immer noch ärgere. Ich kriege wohl die Distanz nicht hin, zu sagen: „Unmaßgebliche Privatmeinung eines einzelnen Herrn. Geht mich nix an.“

    Ein bisschen was vom kindlichen „Papa weiß alles“ ist da wohl hängengeblieben. „Wenn er denkt, ich sei eine Pfeife, dann wird’s wohl so sein.“ So reagiert spontan mein kindliches Ich. Das Erwachsenen-Ich hat da erst mal Pause und kann hinterher die Scherben aufklauben.

  4. Liebe Frau Nebel, bin gerade mal wieder zufällig auf ihre HP gekommen (sollte ich häufiger machen) und MUSS einfach etwas zu diesem ehrlichen, „knallharten“ Bericht sagen. Erstens: Ich liebe ihren ungeschminkten und ungeschönten Schreibstil, das ist alles andere als Mittelmaß, das ist klasse! Zweitens: Ich kann sehr gut verstehen, wie sehr die Ansprüche und Bewertungen ihrer Eltern sie auch heute noch beeinflussen. Mir geht es ähnlich. Zwar wurden von mir keine Höchstleistungen erwartet, aber bestimmte Verhaltensweisen und Lebensplanungen. Vor allem mein Vater verlangte, dass ich seine Interessen teile und sein „Lebenswerk“ fortsetze. Konkret bedeutete das: Eine musikalische Ausbildung, die Fixierung auf klassische und geistliche Musik (alles andere ist böse und minderwertig) und die Laufbahn als Organistin (er war nebenberuflich leidenschaftlicher Orgelspieler und Chorleiter in der Kirchengemeinde). Ich aber war durchschnittlich musikalisch, „nur“ Chorsängerin, miserable Klavierspielerin und hasste die Orgel. Letzteres ist kein Wunder, wenn man schon als 6-jährige in jedes Orgelkonzert gesetzt wird und das aushalten muss (eine Orgel kann sehr LAUT spielen, das ist furchteinflößend und noch heute bin ich extrem empfindlich gegenüber lauten Geräuschen und Tönen jeglicher Art). Außerdem war ich sehr schüchtern und wollte mich nie vor Zuhörern präsentieren. Kommentar meines Vaters: „Stures Stück“! Meine Mutter konnte sich gegen ihren sehr dominanten Ehemann NIE wehren und so stand ich allein mit meinen Minderwertigkeitsgefühlen. Es hat fast Jahrzehnte gedauert, bis ich diese Kindheitserlebnisse verarbeitet hatte, aber man kann sie NIE GANZ abschütteln. Daher verstehe ich ihre Worte sehr gut ! Der Konflikt mit meinem Vater hörte erst auf, als er 2003 starb — das muss ich jetzt auch so knallhart sagen. Mit den Jahren habe ich in wirklicher EIGENARBEIT mein Selbstbewusstsein aufgebaut, mein eigenes Leben geführt und das getan, was MIR Spaß macht. Im Rückblick verstehe ich viele meiner Handlungen besser und ich erkenne, wie STARK man von den Eltern geprägt wird. Heute bin ich stolz, mich „freigeschwommen“ zu haben, trotz der früheren Prägungen. Aber es bleiben LEBENSLANGE Prägungen, diese Tatsache muss man letztendlich akzeptieren. Ich bin selbst auch nur „Mittelmaß“, so wie fast alle Menschen auf der Welt – oder?! Jeder Mensch kann doch bestenfalls ein „kleiner Held“ innerhalb seines Umfelds sein, mit sehr bescheidenen Möglichkeiten und Einflüssen. Auch wenn es sehr abgedroschen klingt: Man kann nur immer wieder sein eigenes „kleines Glück“ suchen. Oder wie es CARMEN SYLVA in meinem Lieblingsspruch ausdrückt: „Glück ist nicht in einem ewig lachenden Himmel zu suchen, sondern in ganz feinen Kleinigkeiten, aus denen wir unser Leben zurechtzimmern.“ – In diesem Sinne: Alles Gute und ein dreimaliges HOCH auf das „Mittelmaß“!!!
    Herzliche Grüße! Margrit Baumgärtner

    1. Dankeschön!
      Ich weiß, ich bin nicht allein. Auch wenn einem die Eltern nicht vorsätzlich etwas Böses wollen und ihren Job eben so gut machen, wie sie es hinkriegen: Man trägt schon gewisse „Folgeschäden“ seiner Erziehung davon.

  5. Ich finde auch, dass am Mittelmaß gar nichts falsch ist – Mittelmaß, that’s me! 😉 Meine Mutter sagte einmal zu mir: „Mädel, du bist nicht dumm, aber du hast so gar keinen Ehrgeiz!“ Und hin und wieder fielen im Familienkreis Bemerkungen über andere: „Der steht nun schon so und so lange im Berufsleben und ist immer noch nur …“. In Deutschland kann man ja an den Berufsbezeichnungen oft sehr genau ablesen, wie weit jemand schon gekommen ist.

    Vielleicht fühle ich mich deswegen in den Niederlanden so wohl, weil hier die Hiererarchien sowieso flacher sind und auch eine gewisse „zesjescultuur“ herrscht. Die Sechs (zes) ist im niederländischen Notensystem, was in Deutschland die Vier ist: Man besteht, mehr aber auch nicht. Man muss sich also nicht für das Mittelmaß rechtfertigen. Jeder ist gut auf irgendeinem Gebiet, aber halt nicht auf allen. Und warum sollte man, wir leben ja schließlich im Zeitalter der Arbeitsteilung.

    Edith, ich weiß selbst, dass man aus gewissen Familienmechanismen nicht raus kommt, aber versuche trotzdem, dich von einem einzelnen Herrn nicht unterkriegen zu lassen. 🙂

  6. Ich finde nicht, dass am Mittelmaß etwas falsch ist – Mittelmaß, that’s me. 😉 Mir wurde zu Schulzeiten gesagt: „Mädel, du bist nicht dumm, aber du hast so gar keinen Ehrgeiz!“ Stimmte auch irgendwie.

    In Deutschland kann man ja anhand der Berufsbezeichnungen meist recht genau sehen, wer es wie weit gebracht hat, und ich hörte auch öfter im Familienkries: „Herr XYZ ist jetzt schon so lange im Berufsleben und immer noch nur…“. Vielleicht fühle ich mich deshalb in meiner Wahlheimat (den Niederlanden) so wohl, weil hier die Hierarchien flacher sind und mehr eine „Zesjescultuur“ herschst. Die Sechs (zes) ist im niederländischen System, was in Deutschland die Vier ist: Es reicht zum Bestehen.

    Irgendetwas kann wohl jeder einigermaßen gut, aber halt nicht alles. Muss man im Zeitalter der Arbeitsteilung aber auch nicht. Und wenn man dann eine Nische findet, in der man das, was einem Spaß macht und was man kann, auch machen darf, dann passt es doch.

    Aber ich weiß natürlich auch, dass man aus den Familienstrukturen nur schwer rauskommt und auch im firtgeschrittenen Alter das Bedürfnis hat, es den Altvorderen recht zu machen. Trotzdem, lass dich von einem einzelnen Herrn nicht verunsichern. 🙂

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