Corinna Richter: Ich werde euch finden! Eine Mutter kämpft um ihre vom Vater entführten Kinder

Corinna Richter: Ich werde euch finden! Eine Mutter kämpft um ihre vom Vater entführten Kinder, Köln 2015, Bastei Lübbe, ISBN 978-3-404-60839-3, Softcover, 363 Seiten, Format: 13,5 x 2,7 x 18,8 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 8,49.

Abbildung: (c) Bastei-Lübbe
Abbildung: (c) Bastei-Lübbe

Toms eiskalte flüsternde Stimme: „Keiner hört, was ich dir jetzt sage. Du wirst nichts gegen mich in der Hand haben. Ich werde dich vernichten. Ich zerstöre dich.“ (Seite 240)

Dortmund 1983: Corinna Schneider, 19, studiert Kulturwissenschaft, Soziologie und Psychologie an der Technischen Universität, als sie auf einer Party den Ingenieurstudenten Tom Richter kennenlernt. Er ist ein paar Jahre alter als sie, und sie ist von ihm beeindruckt. Attraktiv ist er, ruhig, gelassen und ungeheuer zielstrebig. Richtig erwachsen, eben. Ihm gegenüber kommt sie sich wie ein kleines Mädchen vor. Kann es sein, dass er sich trotzdem für sie interessiert? Es kann! Bald sind die beiden ein Paar und igeln sich in trauter Zweisamkeit in einer kleinen Wohnung ein.

Corinnas Mutter ist Tom gegenüber skeptisch. Irgendetwas ist seltsam an dem Mann. Seine Reaktionen sind oft überzogen, vor allem, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht. Vielleicht hat er durch den frühen Tod seiner Eltern doch einen Knacks abbekommen. Corinna will von den Bedenken ihrer Mutter nichts wissen. Manches bringt sie allerdings schon ins Grübeln: dass er ihr vorschreibt, wie sie sich zu kleiden hat oder dass er sämtliche Unannehmlichkeiten als persönlichen Affront betrachtet. Gut, dann hält er sich eben für den Nabel der Welt! Wir haben doch alle unsere Macken! Sie liebt ihn, und als sie ungeplant schwanger wird, heiraten sie.

Tom will eine große Familie – um jeden Preis

Tom kann es gar nicht erwarten, endlich eine eigene Familie zu haben. Viele Kinder will er! Doch der kleine Alexander kommt mit einem schweren Herzfehler zur Welt. Die jungen Eltern sind von der Situation komplett überfordert. Als Corinna in einer besonders verzweifelten Situation ihren Mann um Hilfe bittet, setzt es Schläge. Das ist einer der Momente, an dem die Leserin denkt: „Nimm dein Kind und lauf!“ Aber Corinna will die Beziehung nicht verloren geben. Es gibt ja auch gute Momente, und so findet sie tausend Entschuldigungen für Tom.

Die Wiederaufnahme ihres Studiums kann sie vergessen. Sie wird Alexander nie in eine Krippe geben können, selbst eine simple Erkältung wäre für ihn lebensbedrohlich. Also betreut sie ihn bis zur völligen Erschöpfung, während ihr Mann studiert.

Der Kleine ist 14 Monate alt, als Corinna erneut schwanger wird. Ihre Idee war das nicht. Sie ist ja jetzt schon am Ende ihrer Kräfte. Nie hätte sie es ihrem Mann überlassen dürfen, für die Verhütung zu sorgen! Er hat sie gelinkt, und sie weiß es. Kaum ist Johanna auf der Welt, will Tom ein Haus bauen. Was seine Frau will, spielt keine Rolle. Schlussendlich kaufen und renovieren sie eine Gründerzeitvilla in Münster. Corinna, die Ahnung davon hat, übernimmt die Bauleitung. Tom ist beruflich viel unterwegs. Seine Karriere hat für ihn stets höchste Priorität. Er will zwar auf Teufel-komm-raus eine große Familie haben, aber keinerlei persönliche Einschränkungen dafür in Kauf nehmen. Das wird besonders deutlich, als der kleine Alexander in Krankenhaus kommt. Was der Mann da aufführt, ist, gelinde gesagt, kurios. Dann will er noch ein drittes Kind. Corinna weigert sich. Auf ebenso brutale wie perfide Weise zwingt er sie dazu.

Der Traummann hat zwei Gesichter

Jetzt hat Corinna also drei Kinder, eines davon krank. Sie hat keinen Job, keine Berufsausbildung, nahezu kein Selbstwertgefühl mehr – und einen Mann mit zwei Gesichtern. „Nach außen ist Tom ein Vorzeigevater und Ehemann. (…) Meine Freundinnen beneiden mich um ihn. Er wickelt, badet, füttert die Kinder. Vor anderen ist er immer freundlich zu mir, fürsorglich. Er fährt samstags einkaufen, schleppt Getränkekisten ins Haus, mäht den Rasen und räumt die Spülmaschine aus. Das macht er besonders gern, wenn andere Leute da sind und sein Verhalten bezeugen können.“ (Seite 125)
Was ihn antreibt, ist aber nicht Liebe, sondern Macht … über seine Frau … darüber, Kinder zeugen
zu können … Macht über die Kinder – eben über alle, die abhängig sind von ihm.

Immer häufiger ertappt Corinna ihren Mann beim Lügen. Als das dritte Kind, Lukas, kommt, ist er nirgendwo zu erreichen. Er zieht aus und kurze Zeit später wieder ein, macht großartige Versprechungen, die er natürlich nicht hält. Die Ehe ist ein Desaster und es wird immer schlimmer.

An ihrem Urlaubsziel kommen die Kinder nie an

Corinna macht eine Psychotherapie und gewinnt dadurch neues Selbstbewusst sein. Das passt ihrem Mann natürlich gar nicht. Er braucht ergebene Bewunderer, keine Menschen mit eigener Meinung. Als sie schließlich die Scheidung einreicht, rastet er vollkommen aus. Es ist unfassbar, was ihm alles einfällt, um seiner abtrünnigen Familie das Leben zur Hölle zu machen! Körperliche Gewalt und die Einstellung der Unterhaltszahlungen sind nur die Spitze des Eisbergs. Trotzdem kann er vor Gericht durchsetzen, dass er mit den Kindern zwei Wochen lang in Urlaub fahren darf. Doch an ihrem Urlaubsziel in Schweden kommen sie nie an.

Corinna schlägt Alarm, doch Jugendamt, Rechtsanwalt und Polizei können erst nach Ablauf der zwei Urlaubswochen aktiv werden. Bis dahin können die Kinder am anderen Ende der Welt sein oder unter der Erde. Da kann eine Mutter doch nicht untätig herumsitzen und warten! Corinna mobilisiert Familie und Freunde und gemeinsam machen sie sich mit geradezu filmreifen Methoden auf die Suche nach Tom und den Kindern. …

Das Buch ist in der Reihe ERFAHRUNGEN erschienen. Das heißt, hier agieren keine Romanfiguren, sondern die Geschichte ist tatsächlich passiert und wird hier nur leicht literarisch verfremdet erzählt. Mit realen Menschen fühlt man ganz anders mit als mit fiktionalen. Auch wenn ich gerade nicht in dem Buch gelesen habe, waren meine Gedanken bei Corinna und ihren Kindern: Werden sie den Absprung schaffen, heil und gesund? Oder wird Tom seine Drohungen wahrmachen und sie alle, auf welche Art auch immer, vernichten? Klar war ja nur eines: Corinna hat alles überlebt, sonst hätte sie uns ihre Geschichte nicht erzählen können.

Erschreckende Entwicklungen

Es ist wirklich beklemmend mitzuerleben, wie sie einen smarten Dr. Jekyll heiratet und erkennen muss, dass sie auf einen gemeingefährlichen Mr. Hyde hereingefallen ist. Innerhalb weniger Jahre entwickelt sie sich von einer lebensfrohen jungen Frau zu einem verhuschten Heimchen am Herd, um viele Demütigungen und Schicksalsschläge später wieder zu ihrer alten Form zurückzufinden.

Bei ihrem Mann vermute ich, dass er nicht einfach ein handelsübliches A***loch ist, sondern möglicherweise eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat. Das entschuldigt nichts, könnte aber die eine oder andere bizarre Verhaltensweise erklären. „Wenn Egozentrik, krankhafte Empfindlichkeit und mangelndes Einfühlungsvermögen die hervorstechenden und unübersehbaren Merkmale eines Menschen sind, dann handelt es sich um eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.“ Quelle: http://umgang-mit-narzissten.de/narzisstische-persoenlichkeitsstoerung/
Wenn das stimmt, war die Ehe von vornherein zum Scheitern verurteilt. Was Corinna auch immer getan oder nicht getan hätte, es hätte nie funktioniert.

ICH WERDE EUCH FINDEN! ist ein dramatischer Schicksalsbericht, der einen nicht mehr loslässt. Es war sicher hart für Corinna Richter, sich in diese schreckliche Zeit ihres Lebens zurückzuversetzen und auch eigene Fehler öffentlich einzugestehen. Vielleicht war’s aber auch befreiend. Sollte „Tom“ je von der Existenz dieses Buchs erfahren, was unwahrscheinlich ist, denn „Corinna Richter“ ist natürlich ein Pseudonym, wird er nichts dagegen unternehmen können. Er kann in seinen vier Wänden das Rumpelstilzchen spielen, mehr auch nicht. Persönlich wird er sich nicht aus der Deckung wagen. Und „Herr Anwalt, ich glaub‘, das Monster in diesem Buch bin ich“, das dürfte selbst einem rachsüchtigen Narzissten zu peinlich sein.

Die Autorin
Corinna Richter, geboren 1964 im Sauerland, wuchs am Rande des Ruhrgebiets auf. Sie studierte in Köln Geisteswissenschaften. Mit ihrem Mann, Tom Richter, zog sie 1989 nach Münster. Heute ist sie geschieden, lebt, zusammen mit ihren Katzen, immer noch in Münster und arbeitet für einen kleinen Familienbetrieb. Ihre drei Kinder sind inzwischen erwachsen.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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