Ralf Heimann, Jörg Homering-Elsner: Bauchchirurg schneidet hervorragend ab

 

Ralf Heimann, Jörg Homering-Elsner: Bauchchirurg schneidet hervorragend ab: Perlen des Lokaljournalismus, München 2017, Heyne-Verlag, ISBN 978-3-453-60409-4, Softcover, 207 Seiten, rund 200 farbige Abbildungen, Format: 14,5 x 1,7 x 18,3 cm, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 8,99.

Abbildung: (c) Heyne Verlag

Immer auf die Kleinen! In diesem Fall auf die Damen und Herren von der Lokalzeitung. Sie können einem richtig leidtun. Da arbeiten tagtäglich unter hohem Zeit- und Kostendruck, und wenn sie mal textlich danebenhauen, dann kriegt das alle Welt mit, heute besser als je zuvor.

Als ich noch jung war, hat sich ein Journalist, wenn er mal Unsinn geschrieben hat, maximal in seiner Stadt oder seinem Landkreis blamiert. Heutzutage landen diese Fundstücke ruckzuck im Internet und können von der ganzen Welt bekichert werden. Und das Internet vergisst bekanntlich nichts. Die Facebookseite „Perlen des Lokaljournalismus“ ist eine solche Anlaufstelle, bei der Scans, Fotos und Screenshots verunglückter Formulierungen, vergurkter Headlines, unpassender Bildunterschriften und ähnlicher Pannen eingereicht werden. Eine Viertelmillion Fans hat die Seite. Da kommt ganz schön was zusammen!

Highlights einer umfangreichen Sammlung


Rund 200 der Highlights dieser Sammlung haben es jetzt in ein Buch geschafft. BAUCHCHIRURG SCHNEIDET HERVORRAGEND AB ist nach LEPRA-GRUPPE HAT SICH AUFGELÖST bereits der zweite band von Ralf Heimann und Jörg Homering-Elsner. Das Konzept ist schnell erklärt: Auf jeder Seite ist ein pannenbehafteter Zeitungsausschnitt abgebildet, der mit einem launigen Spruch der Herausgeber kommentiert wird.

Bei manchen Wortspielen frage ich mich, ob sie nicht beabsichtigt waren und die LeserInnen das Wortspiel nur nicht entsprechend zu schätzen wissen. 😉 „Optiker nach Einbruch fassungslos“ (Seite 7), zum Beispiel., oder „Schnuppertag in der Biogasanlage“ (Seite 6). Oder ist es doch ein Versehen, wenn getitelt wird: „Illegale Böller: Finger weg!“ (Seite 22) Das ja durchaus offen für Interpretationen.

Volle Absicht sind sicher diese kleinen Meldungen, die eigentlich keinen Nachrichtenwert haben. Zum Beispiel, wenn die Polizei von Eichhörnchen bekrabbelt wird, ein „eiskalter Dieb“ einen Heizlüfter klaut, ein Schokoriegel geraubt wird oder irgendwelche Scherzkekse Wäscheleinen abschneiden, damit die frisch gewaschene Wäsche im Schmutz landet. Manchmal ist auf dem Dorf eben nicht mehr los. Aber was da so an Nullnachrichten verwurstet wird und wie das geschieht, das ist schon manchmal der Brüller!

Missgriffe, Blindtext und Tippfehler


Dass Bild und Bildunterschrift nicht zusammenpassen, Blind- und Platzhaltertext stehenbleibt oder ein Beitrag so lange gekürzt und umformuliert wird, bis nur noch sinnfreier Unfug übrigbleibt, das sind Klassiker. Immer wieder nett sind auch Sinn entstellende Tippfehler oder leichte Missgriffe in der Formulierung. Da ist von der „Umfallchirugie“ die Rede (Seite 119 oder davon, dass sich Einbrecher mit „Motorhauben“ maskiert hätten (Seite 27). Es drängt sich die Frage auf, ob der Verfasser ein „Rad“ ab hatte …

Ganz reizend missglückt ist auch die Formulierung „ Als Angestellter der Poststelle trägt er zum REGUNGSLOSEN Ablauf in der Kreisverwaltung bei.“ (Seite 36). War das ein freudscher Verschreiber? Putzig ist so manche nachträgliche Richtigstellung. Da müssen ja Texte in Druck gegangen sein, an denen rein gar nichts gestimmt hat. Wir leben eben in einer postfaktischen Zeit, auch in der Provinz. Für Auswärtige erweckt auch so mancher Ortsname merkwürdige Assoziationen: „Der Osterhase versteckt Ostereier in Scheiden.“ (Seite 192) Hm. Das hätten wir jetzt nicht gedacht!

Amüsanter Buchstabensalat


Das Büchlein hat man schnell durchgelesen. Es ist amüsante Unterhaltung für Leute, die an (unfreiwilligem) Sprachwitz ihre Freude haben. Wer aus der Branche ist, der wird erleichtert feststellen, dass anderen beim Schreiben auch mal was Dummes passiert. Es ist ja immer schön, wenn man selber nicht der Unglücksrabe war, der den allseits belachten Quatsch verzapft hat.

Manchmal hätte durchaus noch ein zweiter Spruch mit auf die Seite gepasst. Das war schon beim Vorgängerband so. An passenden „Perlen“ dürfte ja kein Mangel herrschen. So gibt’s doch bisschen viel weißen Raum fürs Geld.

Erstaunlich ist, was man doch an Fehlern überliest. Manchmal nimmt man das wahr, was gemeint ist und nicht das, was tatsächlich da steht. Den Buchstabensalat auf Seite 8 ist mir beim ersten Überfliegen der Meldung gar nicht aufgefallen. Das menschliche Gehirn ist offenbar sehr flexibel. Was natürlich kein Freibrief für den nachlässigen Umgang mit Sprache sein soll. Andererseits … wenn nur noch absolut Perfektes in Druck gehen würde, worüber sollten wir dann schmunzeln und lästern? So ein bisschen unfreiwillige Komik hat doch durchaus ihren Charme.

Die Autoren
Ralf Heimann (geb. 1977) ist Journalist und Autor. Zuletzt erschien von ihm „Hier ist alles Banane – Erich Honeckers geheime Tagebücher“. Das Medium Magazin wählte ihn im Jahr 2015 in der Kategorie Unterhaltung unter die zehn Journalisten des Jahres. Unter anderem arbeitet er für das SZ-Magazin, den Stern und das Kindermagazin ZEIT LEO.

Jörg Homering-Elsner (geb. 1967) ist Journalist und arbeitet als Lokalredakteur bei einer Tageszeitung im Münsterland. Seit Jahren sammelt er verunglückte und kuriose Nachrichten aus deutschsprachigen Zeitungen und veröffentlicht sie auf seinen Facebook-Seiten „Perlen des Lokaljournalismus“ und „Kurioses aus der Presseschau“. Bei der Wahl in Berlin zum „Blogger des Jahres“ wurde seine Perlen-Seite, die mittlerweile eine Viertelmillion Fans hat, zum „Besten Medien-Blog 2015“ gewählt.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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