Eva Engelken: Drei Küsse für Herkules. Roman

Eva Engelken: Drei Küsse für Herkules. Roman, Mönchengladbach 2018, Edition Eva & Adams, ISBN 978-3-9819902-1-8, Softcover, 464 Seiten, Format: 14,8 x 2,6 x 21 cm, Buch: EUR 15,99, Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Edition Eva & Adams

„(…) Ich glaube, ich hab da eine Idee.“
Dio schrak auf. „Bitte nicht! Immer, wenn du Ideen umsetzt, geht es in die Hose.“
„Cheri, das ist mein Revier“, erwiderte Aphrodite. (Seite 380/381)

Was geschieht eigentlich mit Göttern, an die niemand mehr glaubt? Lösen die sich einfach in Luft auf? Die griechischen Gottheiten in dieser Geschichte tun das nicht. Sie verbringen ihren Ruhestand mehr oder weniger unauffällig in einer Seniorenresidenz in Athen.

Göttervater Zeus ist inzwischen ein bisschen tüdelig, aber immer noch hinter den jungen Damen her. Und Gattin Hera zickt ihn deshalb an – seit nunmehr 4.000 Jahren. Dabei kennt sie ihn doch inzwischen! Er tut es immer wieder: mit sterblichen Frauen Kinder zeugen und sich dann aus der Verantwortung stehlen. So hat er es schon damals bei Herakles/Herkules gemacht. Diesen seiner außerehelichen Söhne hat Hera noch nie leiden können, aber was immer sie in den vergangenen Jahrtausenden auch angestellt hat, um ihn loszuwerden, es hat nie funktioniert. Immer wieder hat ihm die übrige Göttermischpoche aus der Patsche geholfen!

Dabei sind Halbgötter nicht grundsätzlich unsterblich. Sie können diesen Status verlieren, wenn sie sich als gewöhnliche Menschen reinkarnieren und es dann versäumen, göttliche Taten zu vollbringen, die sie wieder unsterblich machen. Dann sterben sie – und das war’s dann. Game over. Keine weitere Reinkarnation möglich.

Ein Halbgott braucht Hilfe


In dieser Gefahr schwebt zur Zeit Herkules, der sich heutzutage „Herk“ nennt und als erfolgloser Filmproducer gerade von Hamburg nach Düsseldorf zu seiner Mutter gezogen ist. Er sieht unbestreitbar klasse aus und er weiß, was Frauen wollen. Kein Wunder: Er kann ja auch auf ein paar tausend Jahre Erfahrung zurückblicken. Aber machen wir uns nichts vor: In dieser Inkarnation ist er ein jähzorniger, prolliger, versoffener Verlierer um die 40, der rein gar nichts auf die Reihe bekommt.

Ist Not am Mann – oder Not am Gott –, können die pensionierten Herrscher des Olymp auch heute noch in fremde Geschicke eingreifen. Und so macht sich eine Delegation auf den Weg nach Deutschland. Handlungsbedarf ist reichlich.

Hera und Athene müssen nach Berlin, um Griechenlands Kulturgüter vor dem Ausverkauf zu retten. Als ihr Chauffeur fungiert Hermes, der Gott der Diebe, der hier die Gestalt eines berlinernden Kleinganoven angenommen hat.

Mit dabei sind auch der Weingott Dionysos „Dio“ – Herks Halbbruder – und Cousine Aphrodite, die Liebesgöttin. Während ich bei der Beschreibung von Hermes immer den Schauspieler Thilo Prückner vor Augen hatte und die Stimme von Dieter Hallervorden im Ohr, kommen Dio und Aphrodite daher wie Dirk Bach und Amy Winehouse. Wobei Aphrodite ständig die Gestalt wechselt und obendrein noch eine recht deftige Sprache pflegt.

Herk muss die wahre Liebe finden


Während also Hera und Athene Griechenland retten sollen, der altertümlich daherschwadronierende Zeus von einer „Republik Europa“ träumt mit seinem Sohn Herk an der Spitze, haben Dirk und Amy … äh, Dio und Aphrodite eigene Pläne. Sie wissen um Herks bedenklichen Gesundheitszustand. Zu übermenschlichen Leistungen, die ihn wieder unsterblich machen könnten, ist er nicht mehr fähig. Aber wenn er jetzt ganz schnell noch die wahre Liebe fände, könnte ihm das die Unsterblichkeit sichern.

Im Düsseldorfer Karneval wollen sie ihn mit Hilfe allerhand magischer Tricks mit einem der vielen hübschen jungen Mädchen verkuppeln. Doch wen erwischt stattdessen der Liebeszauber? Die gestresste Vivian Sammer, Ende 30, Ehefrau eines Unternehmensberaters, Mutter von drei Kindern, die sich permanent zwischen Familie, Haushalt und ihrer Tätigkeit als selbstständige PR-Texterin aufreibt.

Der Liebeszauber trifft die Falsche


Hals über Kopf verlieben sich Herk und sie ineinander. Doch was soll diese Liebesgeschichte für eine Zukunft haben? Vivian wird ihre Familie nicht im Stich lassen wollen, und das wird dem sensiblen und ohnehin schon schwer angeschlagenen Herk das Herz brechen.

Gegen eine Affäre hat Vivian offenbar nichts einzuwenden. Ihr Mann nimmt sie kaum noch wahr und hat seine Geheimnisse. Aber es ist gar nicht so einfach für sie, in ihren Alltag voller familiärer und beruflicher Verpflichtungen noch Zeit für einen Liebhaber hineinzuquetschen.

Über mehrere Kapitel hinweg amüsiert man sich köstlich über die diversen vergurkten Dates. Immer, wenn die beiden sich näher kommen wollen, kommt irgendwas Blödes dazwischen. Und je mehr die Götter, die mit ihren eigentlichen Aufgaben schon voll ausgelastet wären und gut daran täten, besser auf den leicht verwirrten Zeus aufzupassen, helfend eingreifen, um so wilder tobt das Chaos.

Nicht nur eine frivole Komödie


Damit die Affäre zwischen Herk und Vivian als wahre Liebe durchgehen kann, gehört mehr dazu, als dass die beiden endlich miteinander ins Bett kommen. Vivian muss sich zu Herk bekennen. Und sie darf sich nicht an ihn klammern. Sie muss ihn loslassen können. Wird sie das schaffen? Die Chancen stünden deutlich besser, wenn das Liebespaar alle Zeit der Welt hätte. Aber die hilfswilligen Götter müssen bald wieder zurück nach Athen. Und Herk rennt die Zeit davon …

DREI KÜSSE FÜR HERKULES ist nicht nur eine frivole Komödie. Um Triebabfuhr geht es nur vordergründig. Dass weit mehr hinter der Geschichte steckt, merkt man aber erst nach einer Weile. Es geht um Liebe und Beziehungen, Treue und Freiheit(en), um Selbstwertgefühl und Wertschätzung, um Verantwortung in der Familie und für die Familie und darum, was geschieht, wenn ein Partner sich davor drückt. Und es geht um überhöhte Ansprüche, die man an sich selbst stellt.

Man kann sich hier göttlich darüber amüsieren, wie grandios bei den Romanfiguren der Alltag aus dem Ruder läuft. (Die Ankunft des Austauschschülers, zum Beispiel. Oder Vivians Präsentation – Jessas!) Man fühlt sich gleich solidarisch, weil vermutlich niemand Job, Familie und irgendwelche Ausnahmezustände locker-flockig organisiert bekommt, auch wenn uns manche Leute das weismachen wollen.

Kluge Erkenntnisse übers Leben und Lieben


Man kann aber auch kluge Erkenntnisse über das Leben und die Liebe mitnehmen. Und auch Herks größtes Problem wird kompetent und sensibel behandelt. Es hat übrigens recht lange gedauert, bis ich begriffen habe, was mit ihm los ist. Und das, obwohl ich mich mit dem Thema recht gut auskenne. Da ging es mir wohl wie Vivian: Ich wollte die Schwäche ihres göttlichen Lovers einfach nicht wahr haben. Er ist ein Halbgott, verflixt nochmal! Ein strahlender Held sollte er sein, keine gebrochene, tragische Figur!

Aber bei den griechischen Göttern hat es eben immer schon stark gemenschelt. Sonst wäre eine so herrlich verrückte Geschichte wie diese gar nicht möglich gewesen.

Die Autorin
Eva Engelken, geboren 1971 in Mönchengladbach, ist Juristin und Kommunikationsberaterin und begeisterte mit ihren humorvollen Ratgebern „Klartext für Anwälte“ und „111 Gründe, Anwälte zu hassen“ bisher vor allem die Juristenwelt. Mit „Drei Küsse für Herkules“ geht sie an die Beziehungsfront und seziert den Stoff, aus dem Affären sind. Sie lebt mit Mann und Kindern seit 20 Jahren am Niederrhein.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert