Simone Dorra, Ingrid Zellner: Kuckuckssohn. Roman

Simone Dorra, Ingrid Zellner: Kuckuckssohn. Roman, Tübingen 2019, Silberburg-Verlag, 978-3-8425-2141-4, Softcover, 350 Seiten, Format: 11,8 x 3,2 x 18,8 cm, Buch: EUR 14,99, Kindle: EUR 11,99.

Abbildung: (c) Siberburg-Verlag

„Habt ihr schon geerbt oder redet ihr noch miteinander?“ – Sprüche wie diese gibt es nicht von ungefähr. Die Hinterbliebenen des Unternehmers Traugott Gebhard aus Schwäbisch Gmünd sind bei der Testamentseröffnung erst einmal sprachlos. Seine Söhne Markus und Julius kennen das Testament und haben sich ihr Erbe schon auf den Cent genau ausgerechnet. Schließlich war alles klar geregelt: Traugotts Söhne erben sein Vermögen zu gleichen Teilen.

Dumm nur, dass beim Notar ein dritter Sohn sitzt, von dem niemand etwas gewusst hat: Göran Asasson aus Kiruna in Lappland. Offenbar hat der rechtschaffene Traugott in Schweden nicht nur geschäftliche Kontakte gepflegt.

Erbfall: Der Halbbruder muss weg!

Julius, ein glückloser Geschäftsmann, dem das Wasser wieder mal bis zum Hals steht, und seine Frau Fiona setzen alles daran, den „Kuckuckssohn“ zu diskreditieren und hinauszuekeln. Markus, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, hat Vaters Geld nicht so nötig und ist vom überraschenden Familienzuwachs zunächst nur mittelprächtig genervt. Seiner Frau Elisabeth, die Traugotts Assistentin war, und Tochter Vivien (18) tut der schwedische Schwager/Onkel leid. Sie laden ihn zum Essen ein, zeigen ihm die Stadt und freunden sich mit ihm an.

Göran ist ja auch ein netter Kerl: ein bescheidener Mann, der als Taxifahrer seine Brötchen verdient, in der Saison bei Freunden als Fremdenführer aushilft und sich in seiner Freizeit mit samischem Kunsthandwerk befasst. Es geht ihm nicht primär um Traugotts Geld. Er wollte die Familie seines Vaters kennenlernen, die ihm seine verstorbene Mutter aus nachvollziehbaren Gründen vorenthalten hat. Doch die Freundlichkeit der Schwägerin und Nichte wiegt das Misstrauen und die Gemeinheit der übrigen Familie nicht auf. Nach einem besonders fiesen Streitgespräch schmeißt Göran die Brocken hin, verzichtet auf alles und fliegt erbost zurück nach Schweden. Das war’s für ihn mit seiner habgierigen deutschen Verwandtschaft. Nur mit Elisabeth und Vivien bleibt er in Kontakt.

Nach Traugotts Tod wird alles anders

Auch wenn sie Göran losgeworden sind, ist in der Familie Gebhard nichts mehr, wie es war. Vivien verlässt das Elternhaus, um in Tübingen zu studieren, Julius‘ Frau Fiona investiert ihr persönliches Erbe zur Überraschung aller erfolgreich in ein eigenes Geschäft, und Elisabeth, die mit ihrem Schwiegervater ihren Vertrauten und Arbeitgeber verloren hat, muss sich völlig neu orientieren. Sie erfüllt sich einen Jugendtraum und beginnt eine Ausbildung zur Goldschmiedin. Über diesen Berufswunsch hat ihre Akademikerfamilie seinerzeit mächtig die Nase gerümpft.

Für ihre Eltern war Elisabeth nicht nur beruflich eine große Enttäuschung. Sie haben sich von ihr distanziert. Was ihr geblieben ist, ist die Schwiegerfamilie. Deshalb hat sie krampfhaft versucht, ihnen alles recht zu machen – seit fast 20 Jahren. Jetzt fragt sie sich zum ersten Mal, was sie eigentlich selbst vom Leben will.

Elisabeth startet durch

Als Markus aus beruflichen Gründen ohne Rücksprache mit seiner Frau den langersehnten Urlaub storniert, nimmt sie das nicht stillschweigend hin, sondern zeigt ihm, dass sie sauer ist und verreist zum ersten Mal alleine – nach Stockholm. Als ihr der Gatte nach ein paar Tagen am Telefon dumm kommt, fliegt sie nicht etwa gehorsam nach Hause, sondern weiter nach Lappland und besucht Göran.

Lappland ist faszinierend, der Schwager ist es auch. Die Funken sprühen. Am liebsten würde Elisabeth bei ihm bleiben. Doch ehe sie etwas tun könnte, das hinterher vielleicht bereut, ergreift sie die Flucht und kehrt schweren Herzens zu ihrer Familie nach Schwäbisch Gmünd zurück.

Markus ahnt nichts von Elisabeths Gefühlen. Er merkt nur, dass sie sich verändert hat. Und weil er befürchtet, nach Vater und Tochter nun auch noch die Ehefrau zu verlieren und allein in der großen Villa zu sitzen – was würden da die Leute sagen? – gibt er sich ordentlich Mühe, die Beziehung zu Elisabeth zu verbessern.

DALLAS in Schwäbisch Gmünd

Doch Elisabeth ist nicht die einzige in der Familie, die Geheimnisse hat. Auch andere haben „Skelette im Wandschrank“, den Elisabeth unbeabsichtigt geöffnet hat. Da purzeln sie heraus, die Knochen! Es ist ein beachtlicher Haufen. Und nun ist es soweit: Der Gebhard-Clan redet nur noch übereinander, nicht mehr miteinander. Es werden Intrigen gesponnen, denen J.R. Ewing aus DALLAS anerkennend applaudiert hätte. In Lappland sitzt derweil Göran und kriegt von alldem nichts mit.

Dafür, dass die Familie im Streit auseinanderbricht, haben Traugott Gebhard und Asa Lund vor 40 Jahren ihr Glück aber nicht geopfert!

Weil die beiden Autorinnen, wenn sie getrennt auftreten, gern Krimis schreiben, habe ich beim KUCKUCKSSOHN irgendwie auch damit gerechnet, dass die Gebhards sich wegen des Erbes so an die Gurgel gehen, dass es Tote gibt. Tun sie aber nicht. Es ist ein Familienroman mit Liebesgeschichten, die nicht alle ein Happy End haben. Kriminell wird’s schon, wenn auch nicht mörderisch. Und mindestens einem der hinterhältigen Akteure hätte ich einen längeren Aufenthalt im Knast von Herzen gegönnt.

Irgendwas müssen Traugott und Reinhild Gebhard bei der Erziehung ihrer Söhne verkehrt gemacht haben, dass sie sich so ungeliebt fühlen, immer den Eindruck haben, zu kurz zu kommen, und einander spinnefeind sind.

Ansteckende Lappland-Begeisterung

Ist die Familie noch zu retten oder machen die Intriganten mit ihren egoistischen Machenschaften alles kaputt? Wie wird Elisabeth ihr Leben nun gestalten? Das sind die Fragen, die die LeserInnen bei der Stange halten. Und die tollen Beschreibungen von Lappland, natürlich! Da möchte man am liebsten sofort hinfahren. Man ertappt sich dabei, die Sehenswürdigkeiten zu googeln, die Göran seiner Elisabeth bei ihrem Besuch zeigt. Ja, das ist alles wirklich so schön, wie die Autorinnen es schildern!

Das Lokalkolorit kommt hier ganz selbstvertändlich und „organisch“ daher: Man zeigt der Auslandsverwandtschaft die jeweils die schönsten Seiten seiner Heimat. Der Leser muss sich aber weder in Lappland noch in Schwäbisch Gmünd auskennen, um der Geschichte folgen zu können. Und Schwäbisch schwätzt hier nur die Haushälterin—und Traugott, wenn er von seinen Angehörigen zitiert wird. Schwedische Textstellen werden sofort oder im Anhang übersetzt, erklären sich aber sowieso meist aus dem Zusammenhang. Man kann die Geschichte ohne sprachliche Probleme genießen.

Es muss also nicht immer ein Krimi sein, wenn man packende Unterhaltung haben will. Auch ein Familienroman bietet jede Menge Spannung(en).

Die Autorinnen

Simone Dorra erblickte 1963 in Wuppertal das Licht der Welt und ist seit 1983 in Baden-Württemberg zu Hause. Die gelernte Buchhändlerin arbeitete zunächst in einem Stuttgarter Verlag und gestaltete dann als Sprecherin und Journalistin Radioprogramme für den Privatrundfunk. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in Welzheim, wo sie heute als Lokaljournalistin für die örtliche Tageszeitung arbeitet.

Ingrid Zellner wurde 1962 in Dachau geboren. Nach ihrem Theaterwissenschafts-, Literatur- und Geschichtsstudium in München war sie am Stadttheater Hildesheim und zwölf Jahre an der Bayerischen Staatsoper München Dramaturgin. Heute lebt sie als Übersetzerin (Schwedisch) und Schriftstellerin, Regisseurin und Theaterschauspielerin wieder in Dachau. Sie hat bereits Romane, ein Kinderbuch, Kurzgeschichten und Theaterstücke veröffentlicht.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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