Helge Weichmann: SOKO Ente. Ein tierischer Kriminalroman

Helge Weichmann: SOKO Ente. Ein tierischer Kriminalroman, Meßkirch 2019, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-2429-8, Softcover, 224 Seiten mit Illustrationen des Autors, Format: 12,1 x 2,7 x 20 cm, Buch: EUR 12,00, Kindle: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Gmeiner-Verlag

„Das Leben konnte einfach sein, wenn man keine Fragen stellte.“ (Seite 37)

Die Geschichte spielt in Neukirchen, einer (fiktiven) mittelgroßen Stadt in einem mittelgroßen Landkreis. Hier ist es sehr idyllisch. In anderen Worten: Es ist nichts los. Doch wenn das immer so wäre, gäbe es dieses Buch nicht. An einem Tag im April wird eine aberwitzige Ereigniskette in Gang gesetzt und eine geschlagene Woche lang steppt in diesem faden Kaff der Bär. Na ja: Vielleicht eher die Enten.

Am Neukirchener See geraten in einem Auto zwielichtige Herren in einen Streit, in dessen Verlauf einer von ihnen erschossen wird. Doch es gibt Augenzeugen: Ein Pärchen, das sich hier zu außerehelichen Aktivitäten getroffen hat, hat alles gesehen. Und zwei kleine Burschen, die in der Nähe Bogenschießen geübt haben, nehmen irrtümlich an, dass sie den Mann mit einem ihrer Pfeile getötet haben. Hals über Kopf flüchten die Jungs und werden zu einem Vermisstenfall.

Mord! Die Enten sind Zeugen

Das Liebespaar befürchtet, in der Nähe des Tatorts DNA-Spuren hinterlassen zu haben und kommt auf die Wahnsinnsidee, das Auto mitsamt dem Toten im See zu versenken. Doch auch dafür gibt es Augenzeugen. Die kriegen zwar mehr mit, als man gemeinhin meint, aber sie können sich den Menschen leider nur unzureichend verständlich machen: Es sind die ortsansässigen Stockenten.

Gut, den meisten Enten ist vollkommen wurscht, was die Menschen treiben. Mehr als Schwimmen, Fressen, Schlafen und Fortpflanzung interessiert sie nicht. Aber die Jungente Charlie – ein Weibchen – ist von Menschen-Angelegenheiten fasziniert. Sie findet sich auch jeden Morgen zur Frühstückspause bei der Kiosk-Inhaberin Karla ein. Die macht sich einen Spaß daraus, ihre Brezel mit der Ente zu teilen und ihr dabei aus der Zeitung vorzulesen, nicht ahnend, dass Charlie sie wirklich versteht. Nur bei Ironie, Redensarten und Wortspielen muss der schlaue Wasservogel passen.

Die Aufregung wegen der zwei verschwunden Jungs kriegt die gesamte Entenpopulation mit, ob sie will oder nicht. Nur, worüber sich die wichtigen Herrschaften aus der Gemeinde am See draußen streiten, kapieren sie nicht so ganz. Der polterige Hüne Ekkehard Klinkhammer will irgendwas mit dem Seeufer machen, was seinen Artgenossen nicht recht ist. Und ihr Freund, der Biologe Martin Friese, der sich immer so nett mit ihnen beschäftigt, scheint Probleme zu haben. Er braucht Kohle. Mit der Grillkohle, die ihm die Enten treuherzig anschleppen, ist er aber nicht zufrieden. Und seltsame Buckelwesen treiben sich neuerdings am See herum, die ganz wild darauf sind, im Wasser zu gründeln, auch wenn das manchen Menschen gar nicht in den Kram passt. Sehr rätselhaft, das alles!

Wer hat den See grün gefärbt?

Als sich der See über Nacht quietschgrün färbt, jemand kistenweise verdorbenen Fisch am Seeufer deponiert und auch noch der halbblinde Erpel Linus spurlos verschwindet, wird es Charlie zu bunt. Sie schnappt sich ihre engsten Entenfreunde — den etwas beschränkten Erpel Hennes und die hochsensible Lilli — und gemeinsam fliegen sie zu Klinkhammers Anwesen. Dieser Kerl ist in Lillis Augen der Dreh- und Angelpunkt für all den lästigen Aufruhr in jüngster Zeit.

Die Enten ahnen ja nicht, was so eine Menschenbehausung für Gefahren birgt! Ein Schwimmbecken, in dem man zwar wassern, sich aber nicht verstecken kann, ein wildgewordener Chihuahua, der unter Selbstüberschätzung leidet und hochriskante Begegnung mit einem Toilettenbecken. Sie sind doch keine WC-Enten!

Als eine Spur zu einer Jacht führt, ist Charlie schlauer: Sie verlässt sich nicht mehr nur auf ihre zwei besten Freunde, sondern nimmt den gesamten Entenclan als Verstärkung mit. Eine verhängnisvolle Entscheidung …

Der Mensch aus „Vogel-Perspektive“

Wie die komplizierten Menschenangelegenheiten zusammenhängen, verstehen wir erst ganz zum Schluss. Das ist aber kein Drama. Die enteligen Angelegenheiten – auch die im Rückblick erzählten, zum Beispiel die Sache mit dem verhexten Baguette – sind ungleich interessanter und wesentlich unterhaltsamer. Und die tierisch-menschlichen Missverständnisse erst, hach! Die Vögel betrachten natürlich alles, was sie sehen, aus ihrer Perspektive. Eine andere haben sie ja nicht. Und sie nehmen jede Menschen-Äußerung wörtlich. Was dabei herauskommt, ist zu köstlich!

Man identifiziert sich so stark mit dem Stockentenclan, dass einen weniger die Frage umtreibt, wer aus welchem Grund den Mann im Auto erschossen hat, und in welche unlauteren Geschäfte der  Baulöwe Klinkhammer verwickelt ist, sondern was dem unbeholfenen Erpel Linus zugestoßen ist. Den hat doch nicht wirklich der Fuchs geholt, Herr Weichmann! Oder …?

Der Kriminalfall ist hier meines Erachtens nur ein Vehikel, um das Treiben der Menschen aus unbedarfter Entensicht zu schildern. Das ist tierisch komisch und zudem aufschlussreich, aber wer wirklich Wert auf eine raffinierte und hochdramatische Krimi-Handlung legt, der ist hier verkehrt.

Der Autor

Helge Weichmann wurde 1972 in der Pfalz geboren und ist seit 25 Jahren in Rheinhessen zu Hause. Während seines Studiums jobbte er als Musiker und Kameramann und bereiste zahlreiche Länder, bevor er sich als Filmemacher selbstständig machte. Seine Kreativität lebt er in vielen Bereichen aus: Er betreibt eine Medienagentur, arbeitet als Moderator, fotografiert, filmt, zeichnet und schreibt. Er ist begeisterter Hobbykoch, Weinliebhaber und Sammler von Vintage-Gitarren. Mit der chaotischen Historikerin Tinne Nachtigall und dem dicken Reporter Elvis hat Helge Weichmann zwei liebenswerte Figuren geschaffen, die ihre ungewöhnlichen Abenteuer mit viel Pfiff, Humor und Improvisationstalent meistern.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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