Elke Schwab: Tief unter Wasser. Krimi

Elke Schwab: Tief unter Wasser. Krimi, Norderstedt 2018, BoD – Books on Demand, ISBN 978-3-75289-758-6, Softcover, 332 Seiten, Format: 12,7 x 1,9 x 20,3 cm, Buch: EUR 12,80, auch als Kindle-Edition lieferbar.

Abbildung: (c) BoD / E. Schwab

20 Jahre lang haben Britta Ballhaus, Cindy Graf und Inge Sander niemandem erzählt, dass sie als Teenager am Burbacher Weiher waren, als dort der Rechtsanwalt Ernst Gerlach ermordet wurde. Zu kompliziert wäre es gewesen zu erklären, was dort wirklich geschehen ist.

Man hat damals den geistig etwas zurückgebliebenen Markus Gronski vom Bootsverleih als Mörder verhaftet, und die Mädchen gingen davon aus, dass das schon richtig gewesen ist. Markus selbst war derart verstört und überfordert, dass er sich nie zum Tathergang geäußert hat.

20 Jahre hat Markus für die Tat in der JVA gesessen, jetzt ist wieder frei, und das erste, was nach seiner Entlassung passiert ist, dass Gerlachs Sohn Thomas erstochen in der Wohnung der Barfrau Cindy Graf aufgefunden wird. Was hat er da gewollt? Wie ist er überhaupt hineingekommen? Cindy kommt für die Tat nicht in Frage. Sie stand zur Tatzeit hinter der Bar des „Baselisk“ und hat die Gäste bedient. Das kann ihre Freundin seit Kindertagen, Kriminalkommissarin Britta Ballhaus, bezeugen.

Eine Kommissarin mit Geheimnissen

Britta hat auch ihren Kolleginnen und Kollegen von der Abteilung Tötungs- und Sexualdelikte nie erzählt, was sie über den Mord Ernst Gerlach weiß und dass sie einen Zusammenhang zwischen dieser Tat und dem damaligen Verschwinden zweier Mitschülerinnen vermutet. Jetzt kommt sie aus dieser Nummer nicht mehr raus. Vielleicht hätte sie alles erklären können, wenn sie zu ihrem Chef und ihren Teamkollegen ein halbwegs normales Verhältnis gehabt hätte. Aber sie kommt nicht mit ihnen klar. Das kann nicht nur an ihr liegen. Der Umgangston in diesem Team hat nichts mit freundschaftlich-kollegialem Spott zu tun, das ist krass unprofessionelles Verhalten, das sich bis hinauf zur Staatsanwaltschaft zieht. Und weit und breit ist niemand in Sicht, der den Leuten mal die Hammelbeine langzieht. Nötig wär’s!

Britta bereut es längst, sich auf diese Stelle beworben zu haben. Da sie ihren Kollegen nicht vertraut, ermittelt sie zusammen mit ihrer Freundin Cindy auf eigene Faust. Als Vor- und Nachteil erweist sich dabei, dass beide nie aus ihrem Stadtteil weggekommen sind. Die Strukturen sind da noch nahezu dörflich. Durch ihre inoffiziellen Kanäle erfahren Britta und Cindy zwar vieles, doch bleibt ihr Tun auch nicht lange verborgen. Vor allem, seit Inge Sander aus der Pfalz angereist ist um ihren ehemaligen Schulkameradinnen beizustehen. Vielleicht auch, um ihr Gewissen zu erleichtern, so klar sind ihre Absichten nicht. In ihrer Naivität vertraut sie sich dem rücksichtslosen Boulevard-Journalisten Pietro Pardi an. Ein Fehler! Dass die alten Geschichten jetzt ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden, das können Britta und Cindy gar nicht gebrauchen!

Der Mord an Thomas war erst der Anfang

Doch das ist derzeit ihr geringstes Problem. Der Mord an Thoma Gerlach war erst der Anfang. Was zunächst wie eine Reihe makaberer Unfälle aussieht, erweist sich schnell als eine perfide Mordserie an Leuten, die damals mit der Verhaftung und Verurteilung von Markus Gronski zu tun hatten. Er selbst ist nicht intelligent genug, um sich eine so komplexe Strategie zurechtzulegen und er wird auch rund um die Uhr überwacht. Hat er einen Komplizen? Will ihn jemand rächen? Warum jetzt?

Neben der Serie arrangierter Unfälle gibt es noch eine Reihe weiterer Morde, die nicht in dieses Muster passen. Da werden die Opfer schnöde mit einem Dolch erstochen – so wie Thomas Gerlach. Motiv? Zusammenhang? Schwer zu sagen. In Gemeinschaften von überschaubarer Größe, in denen jeder mit jedem und alles mit allem zu tun hat, kann man bei allen Toten problemlos eine Verbindung zu den Morden an Gerlach sr. oder jr. konstruieren – oder zum Fall der verschwundenen Teenager in den 90er-Jahren. Womöglich hängt das sowieso alles zusammen … auf welche Art auch immer.

Drei Fälle oder nur einer?

Haben wir es hier mit drei Fällen zu tun oder nur mit einem? Sucht die Polizei einen Einzeltäter oder zwei? Diese Fragen halten nicht nur die Polizei, sondern auch die Leser*innen in Atem.

Erst als eine Zeugin verschwindet, schaffen es die ermittelnden Beamten, ihre persönlichen Animositäten mal kurz beiseite zu lassen und an einem Strang zu ziehen. Sogar in dieselbe Richtung! In diesem Fall können sie vielleicht noch das Schlimmste verhindern und den Täter endlich dingfest machen. Wobei immer noch die Frage im Raum steht, ob er allein handelt …

Die Autorin lässt es ordentlich krachen. Der Roman hat ein Tempo und eine Leichendichte, die einem TV-Krimi alle Ehre machen würden. Ich dachte so manches Mal beim Lesen: „Liebe Polizisten, hier geht es nicht um euer Ego, sondern um eine Mordserie! Findet endlich den oder die Täter, bevor Elke Schwab noch das ganze Saarland ausrottet!“

Bis alle Fragen beantwortet und alle Zusammenhänge geklärt sind, wartet die Geschichte noch mit der einen oder anderen Überraschung auf.

Ich hoffe, dass im Nachgang jemand den polizeilichen Saustall gründlich ausmistet. Eine Menge Leute würden noch leben, wenn diese Herrschaften von Anfang an ihren Job richtig gemacht hätten. Es ist unfassbar, was denen alles entgangen ist! Ich nehme wohlwollend an, dass in den Roman viel dichterische Freiheit eingeflossen ist. Mir graut vor der Vorstellung, dass bei der Polizei wirklich so schlampig und ineffizient gearbeitet werden könnte.

Eine neue Serie …?

Ob aus dem Roman eine Serie hervorgeht? Der Schluss legt diese Vermutung nahe. Und es ist nicht die schlechteste Idee, eine vernünftige, gut organisierte und etwas grüblerisch veranlagte Ermittlerpersönlichkeit mit einer zusammenzuspannen, die impulsiv, einfallsreich und kontaktfreudig ist. Mit einem Standortwechsel würden die beiden allerdings eine wichtige Ressource verlieren: ihr Netzwerk. Das sollten sie sich gut überlegen. Ich werde die Entwicklung im Auge behalten.

Die Autorin

GESTORBEN WIRD IMMER in den Büchern von Elke Schwab, denn MORD IST IHR HOBBY. So lautet das Lebensmotto der Krimiautorin, für die kein Mord zu grausam und keine Story zu gruselig sein kann. Dreizehn Jahre hat sie in der Ferne gelebt. Jetzt hat sie den Entschluss gefasst, sich wieder in ihrer alten Heimat niederzulassen: am Litermont in Südwestdeutschland. Elke Schwab gewann drei Mal gewann den saarländischen Krimi-Preis und einmal den Kulturpreis für Literatur.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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