Sibylle Luise Binder: Die Flucht der Trakehner. Roman

Sibylle Luise Binder: Die Flucht der Trakehner – Eine dramatische Geschichte von Menschen und Pferden. Roman, Stuttgart 2019, Franckh Kosmos Verlag, ISBN 978-3-440-15943-9, Klappenbroschur, 304 Seiten, zwei Landkarten im Umschlag-Innenteil, Format: 13,7 x 2,8 x 21,5 cm, Buch: EUR 19,99, Kindle: EUR 14,99.

Abb. (c) Franckh Kosmos Verlag

„Ja, ja, ich weiß …“ [Joachim] warf seine Angel aus und es sah so aus, als wenn er mit dem scharfen Haken die Machthaber treffen wolle, „… du bist unpolitisch! Politik interessiert dich nicht, du willst nur in Ruhe dein Gütchen bewirtschaften, hübsche Pferdchen und Kinderchen züchten …“ (Seite 65)

Ostpreußen, im September 1943: Ganz unberechtigt ist der Vorwurf nicht, den Joachim Graf von Tranckow hier seinem Jugendfreund Dr. Jesco von Esten macht. Jesco nimmt alles als gegeben hin. In seiner Familie ist man eben Freiherr, Gutsherr, Landwirt, Pferdezüchter und Soldat. Warum die hohen Herren einen Krieg anzetteln, darüber macht er sich nicht so wahnsinnig viele Gedanken.

Verheiratet ist Jesco von Esten mit Sophie, Dr. der Agrarwirtschaft, genau wie er, und die Tochter des Gutsverwalters seiner Eltern. Das junge Paar eint, neben der Liebe zueinander, die Liebe zur Natur, zur Landwirtschaft und den Pferden. Jesco und Sophie sind, um im Bild zu bleiben, ein gutes Gespann.

Heimatschuss – und neue Aufgaben

Natürlich wird Sophie von Ängsten geplagt, als ihr Mann an der Front ist. Im Sommer 1943 kommt er allerdings nach Hause – kriegsversehrt. Seinen linken Arm habe er in Russland gelassen, meint er lapidar. Ein Drama für einen so aktiven Menschen wie ihn, der zudem noch ein begeisterter Musiker war. Aber er lebt, ist wieder daheim auf seinem Gut Jesensee am Persingsee, und er ist mit seiner Frau zusammen. Doch nicht für lange. Da die meisten arbeitsfähigen Männer beim Militär sind, fehlt es in der Heimat an Personal. Jesco von Esten wird trotz seiner Behinderung nicht aus dem Militärdienst entlassen. Man stellt ihn lediglich frei, damit er das Vorwerk Bajohrgallen in Trakehnen leiten kann. Seine Frau darf er nicht mitnehmen. die muss 40 Kilometer weg von zuhause das Gut derer von Tranckow leiten, mit dem der alte Gutsherr hoffnungslos überfordert ist.

Keine leichte Situation! Das junge Ehepaar ist auf unbestimmte Zeit hunderte von Kilometern voneinander getrennt und sieht sich nur alle paar Wochen mal. Sophies Sorge, dass Jesco aufgrund seiner Behinderung nicht alleine klar kommt, sind durchaus berechtigt. Er hat ja noch gar keine Zeit gehabt, sich an sein Handicap zu gewöhnen. Es fragt auch niemand, ob die Elterngeneration ohne Hilfe von (Schwieger-)Sohn und Tochter auf Jesensee zurechtkommt. Die müssen sich jetzt irgendwie durchwursteln.

Getrennt und auf sich gestellt

Und natürlich ist für beide Eheleute der Anfang an ihrem jeweils neuen Wirkungsort schwer. Beide Güter sind vorher ein paar Jahre lang praktisch führungslos gewesen, und so ist der Schlendrian eingekehrt. Auf Bajohrgallen haben inzwischen zwei ältere Gestütswärter ihre eigenen Regeln gemacht und Jesco muss erst einmal klarstellen, wer hier jetzt das Sagen hat. Das ist lästig, aber mit seinem militärischen Hintergrund keine unbewältigbare Herausforderung.

Sophie hat da auf Tranckow größere Probleme. Sie ist unter anderem für französische und russische Kriegsgefangene verantwortlich. Die könnte sie als Arbeitskräfte einsetzen, wenn sie nicht schon halb tot wären, weil Paul Schaknies sie nicht nur bewacht, sondern bis aufs Blut schikaniert. Wie soll Sophie mit dem Kerl fertigwerden, wenn selbst der Gutsherr Angst vor ihm hat? Das gibt er unumwunden zu: „Aber wenn ich eingreife, rennt Schaknies zum Kreisleiter und ich habe Ärger, weil ich mit dem Feind fraternisiere – oder wie auch immer sie das ‚Verbrechen‘ der Menschlichkeit gegenüber Gefangenen heutzutage nennen.“ (Seite 85) Die genauen Umstände, unter denen sich dieses Problem schließlich löst, bleiben rätselhaft.

Flucht in den Westen

Auch wenn Jesco und Sophie so unpolitisch sind, wie ihr Gutsnachbar ihnen vor einem Jahr vorgeworfen hat: naiv sind sie nicht. Sie wissen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist. Im Herbst 1944 bereiten sie die Flucht vor, jeder an seinem Arbeitsplatz. Sie können nicht zusammen flüchten, weil sie für ihre Leute verantwortlich sind – und Jesco darüber hinaus noch für 300 Pferde, die er tatsächlich übers Frische Haff in den Westen bringen will.

Als die Kreisleitung nicht genehmigt, dass Gut Tranckow geräumt werden darf, zieht Sophie mit ihren Leuten ohne Erlaubnis los. Sie will nicht warten, bis die Russen im Vorgarten stehen. Und sie hat noch einen weiteren Grund, vor Weihnachten unbedingt im Westen sein zu wollen, von dem ihr Mann allerdings nichts ahnt.

Mitte Dezember zieht Jesco mit Treck und Pferden los, und nun begleiten wir Leser*innen die beiden Gruppen abwechselnd auf ihrer Flucht. Wie sich Eltern/Schwiegereltern von Gut Jesensee in Richtung Westen aufmachen, erfahren wir nur indirekt.

Mit der Pferdeherde übers Frische Haff

Auch wenn uns, genau wie den Protagonisten selbst, bewusst ist, dass wir es nicht mit lauter Unschuldsengeln zu tun haben, ist es dennoch heftig, wenn man quasi mit ansieht, was den Leuten unterwegs alles widerfährt. Egal, was wie vorher gedacht und gemacht haben mögen: Jetzt werden wir Zeuge, wie Menschen, die wir „kennen“, Angst und Hunger haben, verletzt oder erschossen werden oder mitsamt Pferd und Wagen im eiskalten Wasser untergehen und ertrinken. Schlimm ist es auch, wenn es eines der Pferde erwischt. Die können ja wirklich nichts dafür. So ist auch die packendste Szene die, in der Jesco mit seinen Leuten und den Pferden an Heiligabend bei Vollmond übers Frische Haff zieht. Das dauert, auch wenn er längst nicht mehr alle 300 Pferde hat. Die Tiere haben ein beachtliches Gewicht, genau wie die Wagen. Sie müssen einen gehörigen Abstand voneinander einhalten, um das Eis gleichmäßig zu belasten. Diese ungewöhnlichen nächtlichen Aktivitäten bleiben nicht unbemerkt …

Bange fragt man sich, ob Jesco das Unterfangen wohl überleben wird und ob er seine Familie jemals wiedersieht. Inzwischen ist Sophie von ihrem Treck getrennt worden. Auch da ist der Ausgang offen. Und was aus den Leuten von Jesensee geworden ist, weiß niemand so genau …

Natürlich könnte man mit Geschichten über Krieg, Flucht und Trakehner ganze Bibliotheken füllen. Auf 300 Seiten kann man das Schicksal kompletter Landgüter und Familienclans nur schlaglichtartig beleuchten.

Es geht um die Pferde

Wir Leser*innen brauchen in der Regel menschliche Identifikationsfiguren. Die gibt uns die Autorin in Gestalt von Jesco und Sophie. Aber in erster Linie geht es darum, unter welchen dramatischen Umständen die legendären Pferde von Ostpreußen nach Süddeutschland gekommen sind. Da braucht man als Erzählerin, was die Menschen angeht, Mut zur Lücke. Als Leser*in ist man gut beraten, auf die Zeitangaben bei den Kapitelüberschriften zu achten, denn die Handlung macht nach dem vierten Kapitel plötzlich einen Sprung von einem Jahr. Das ist kein Manko, man stutzt nur im ersten Moment.

Gestutzt habe ich auch bei der Beschreibung von Sophie von Esten. Ich habe sie mir die ganze Zeit als unprätentiöses Naturkind vorgestellt, das sich aus Mode und anderen Äußerlichkeiten nichts macht. Auf Seite 11 war sie noch brünett (dunkelbraun), zehn Jahre und ein paar hundert Seiten später ist sie auf einmal blond (Seite 283). 😉 Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Frau wie Sophie sich die Haare färbt. Hat da das Lektorat gepennt? – Okay, Erbsenzählerei. Lassen wir das.

Spannend, mitreißend und informativ

Das Buch ist spannend, mitreißend und auch noch informativ. Die Autorin erklärt Begriffe, die nicht als allgemein bekannt vorausgesetzt werden können, jeweils in einer Fußnote. Und damit man über das Romanpersonal den Überblick behält, gibt’s im Anhang ein Personenverzeichnis. Das ist bei den langen, komplizierten und auch ungewohnten Personennamen ein toller Service. Genau wie die Landkarten. Die eine zeigt das gesamte Ostpreußen, auf der anderen kann man die Route der verschiedenen Trecks verfolgen.

Sibylle Luise Binder hat’s mit diesem Buch geschafft: Obwohl weder Ostpreußen noch Trakehner jemals eins meiner Kernthemen war, will ich jetzt mehr darüber wissen. Und das ist ja nicht das Verkehrteste, was ein Roman auslösen kann.

Die Autorin

Sibylle Luise Binder verfügt über langjährige Erfahrung mit Pferden. Die passionierte Reiterin und Pferdebesitzerin ist durch ihre Publikationen in der Pferdeszene bekannt und etabliert. Wenn sie gerade nicht über Pferde schreibt, dann ist sie in Sachen Oper, Krimi oder Geschichte unterwegs. Gerne auch mal alles gleichzeitig.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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