Tanja Brandt: Die Eulenflüsterin: Was ich von meinen Tieren über das Leben lernte

Tanja Brandt: Die Eulenflüsterin: Was ich von meinen Tieren über das Leben lernte, Köln 2019, Bastei Lübbe, ISBN 978-3-7857-2664-8, Hardcover mit Schutzumschlag, 219 Seiten, mit Farbfotos, Format: 14,4 x 2,7 x 22,3 cm, Buch: EUR 20,00, Kindle: EUR 14,99.

Abb. (c) BAstei Lübbe

„In meinem Elternhaus hatte ich wenig Gelegenheiten, mich als liebenswerten Menschen wahrzunehmen, an mich selbst zu glauben und Beziehungen zu vertrauen. Dennoch sind Tiere für mich kein Ersatz, sondern eigenständige Wesen (…). Auch vermenschliche ich die Tiere nicht, sondern sehe sie so, wie sie sind mit all ihren arttypischen und individuellen Eigenschaften, ihrer Wildheit und ihrer Liebenswürdigkeit.“ (Seite 111)

Wie viele andere Leser*innen, bin auch ich das erste Mal bei Facebook mit Tanja Brandts stimmungsvollen Tierfotos in Berührung gekommen. Ihre Bilder verschiedener Eulen, Greifvögel, oft zusammen mit ihrem Belgischen Schäferhund, sind unverwechselbar. Ich kenne inzwischen auch den einen oder anderen ihrer Bildbände und daher die Persönlichkeiten ihrer Eulen.

Da ist zum Beispiel der miesepetrige Gandalf, eine Weißgesichtseule, die gerne zu Fuß geht. Da ist die divenhafte Schnee-Eule Uschi, die weder Schnee noch männliche Artgenossen leiden kann. Und da ist der sibirische Uhu Bärbel, der sich irgendwann als Terzel (Männchen) entpuppt hat, aber seinen Mädchennamen behalten muss, weil er darauf hört. Das sind nur drei von vielen Tieren, die im Lauf der Zeit bei Tanja Brandt ein neues Zuhause gefunden haben, weil sie aufgrund ihrer Vorgeschichte in freier Wildbahn nicht mehr überlebensfähig wären.

Ein Leben für die Tiere

Was ich bislang nicht gewusst habe: Wie es dazu gekommen ist, dass die Autorin ihr Leben den Tieren gewidmet hat. Angefangen hat das schon in ihrer Kindheit, und der Auslöser war nicht sehr erfreulich: Wenn die Kernfamilie ein kleines Kind so schlecht behandelt, ist es kein Wunder, dass es die Gesellschaft von Tieren vorzieht. Ein Glück, dass sie wenigstens ihre Oma hatte, die ihr Halt und Geborgenheit geben konnte, wenn ihr Familienleben sonst so lieblos und chaotisch war.

Gut – bei manchen Menschen stellt sich eben erst heraus, dass die nicht das Zeug dazu haben, gute Eltern zu sein, wenn das Kind schon da ist. Was will man da machen? Für ein Kind ist es allerdings schlimm, wenn es in dem Glauben aufwächst, es sei nicht liebenswert, nicht gut genug und könne, egal wie sehr es sich auch anstrengt, niemals etwas richtig machen.

Dabei ist Tanja klug, wortgewandt, anpassungsfähig, kreativ und überaus hilfsbereit. Aber es fehlt ihr an Selbstbewusstsein. Sie geht immer wieder problematische Beziehungen ein, weil sie unbewusst alte Muster wiederholt und möglicherweise das Gefühl hat, sie verdiene es gar nicht, geliebt und anständig behandelt zu werden.

Tiere urteilen nicht

Nur in der Gesellschaft von Tieren darf Tanja so sein, wie sie will, denn Tiere urteilen nicht. Diese Erfahrung macht sie schon in der Grundschule. Herzzerreißend ist die Geschichte mit dem Pferd. Ihr Vater muss schon ein sehr grausamer Mensch gewesen sein.

Das ungeliebte Kind wird rebellisch und ist als Teenager nicht mehr zu bändigen. Nicht, dass ihre Eltern das ernsthaft versucht hätten. Was ihre Tochter macht, ist ihnen gleichgültig. Tanjas Freundinnen beneiden sie um ihre Freiheiten, doch sie selbst gäbe viel darum, wenn jemand genügend Interesse an ihr hätte, um ihr Grenzen setzen zu wollen.

Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Ihre Kindheitsträume von einer Farm mit vielen Tieren und einer Karriere als Buchautorin rücken in weite Ferne. Ihr Leben ist unstet. Sie wechselt Lebenspartner und Wohnorte, züchtet Hunde, heiratet eine Internetbekanntschaft, arbeitet als Fernfahrerin und Spediteurin, ohne die dafür die nötigen Voraussetzungen zu haben und ist ständig im Stress.

Ein neues Leben nach schwerer Krankheit

Nach einer schweren Erkrankung ändert sie ihr Leben. Sie lässt sich zur Falknerin ausbilden und bringt sich selbst das Fotografieren bei (alle Achtung!).

Als sie schließlich eine Wohnung auf dem Gelände einer Falknerei bezieht, ist sie ihrem Kindheitstraum schon ziemlich nahe. Hier kann sie die Tiere halten, die sie so liebt. Nicht nur ihren Schäferhund Ingo, sondern auch die intelligente Wüstenbussard-Dame Phönix und diverse Eulen, von denen hier schon die Rede war. Weil sie alle als Individuen wahrnimmt, stellt sie fest, dass sie vieles von ihnen lernen kann.

  • Wüstenbussard Phönix lässt sich nicht verbiegen und lässt ihre Aggressionen ungefiltert heraus. Diese direkte und ehrliche Reaktion sorgt für Klarheit. Das würde einem Menschen wie Tanja, der sich immer so zurücknimmt, auch dann und wann guttun.
  • Hund Ingo und Steinkauz Poldi sind über die Artengrenzen hinweg befreundet. Sie lehren uns „den wahren Wert der Freundschaft: den anderen in seinem Wesen anzunehmen, füreinander einzustehen und jedem seine Eigenheiten und Freiräume zu lassen.“ (Seite 139)
  • Gandalf, die grantige Weißgesichtseule, unternimmt nicht einmal den Versuch, es allen recht machen zu wollen. Davon kann sich nicht nur die Autorin eine dicke Scheibe abschneiden.
  • Schnee-Eule Uschi stellt sich absichtlich dumm an, um Hilfe zu bekommen. Das ist nicht besonders fair, aber mitunter sehr wirkungsvoll …

Das sind nur vier Beispiele. Jedes von Tanjas Tieren hat eine eigene Lektion zu bieten.

Gefährliche Tierrettung

Natürlich kümmert sich Tanja Brandt nicht nur um ihre eigenen Tiere, sondern auch unermüdlich um (Greif-)Vögel in Not. Das ist manchmal gefährlich, zum Beispiel, wenn ihre Rettungsmission sie tief ins Gelände oder besonders hoch hinaus führt und auch wenn sie einem Wildfremden in den Wald folgt, nur weil er sagt, dort liege ein verletzter Vogel. Manchmal ist es auch komisch – wenn sie z.B. eilends aus dem Haus rennt, weil ein Tier Hilfe braucht und dann unter den staunenden Augen der Nachbarschaft nur mit Unterwäsche bekleidet im Gebüsch herumkriecht. 😀

Wenn die Geschichten in Kapitel 17, ALLE MEINE PATIENTEN, halbwegs repräsentativ sind, dann kommt ihre Hilfe oft zu spät und ihre Rettungsaktionen enden weit häufiger in Trauer und Frustration als mit dem Glücksgefühl, ein Leben gerettet zu haben. Dafür, dass Tanja Brandt trotzdem immer weitermacht, verdient sie unseren Respekt und unsere Bewunderung.

Auch wenn man ihr in ihrer Kindheit und Jugend etwas anderes eingeredet haben mag: Sie macht eine ganze Menge richtig, und das macht sie sehr gut.

Berührend und humorvoll

DIE EULENFLÜSTERIN ist berührend und lehrreich und trotz vieler tragischer Ereignisse humorvoll und unterhaltsam erzählt. Natürlich gibt’s auch eine Anzahl von Tanja Brandts wunderbarer Tierfotos. Ohne Bilder wäre ein Buch über eine Tierfotografin ja nicht vollständig. Ich werde ihre Arbeit jetzt mit ganz anderen Augen betrachten.

Die Autorin

Tanja Brandt, 1968 in Stuttgart geboren, ist Falknerin und Fotografin und fotografiert seit vielen Jahren, Eulen, Greifvögel und Hunde – vor allem die Freundschaft ihres Hundes zu den Eulen. Sie ist auch eine begeistere Wildlife-Fotografin. In ihren Workshops erklärt sie nicht nur, wie man die Kamera richtig bedient, sie zeigt auch, wie man mit Tieren einfühlsam umgeht und wie und wo man Gelegenheit bekommt, sie zu fotografieren.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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