Susanne Goga: Der Ballhausmörder. Ein Fall für Leo Wechsler (Band 7)

Susanne Goga: Der Ballhausmörder. Ein Fall für Leo Wechsler (Band 7), München 2020, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21808-5, Softcover, 314 Seiten, Format: 12,4 x 2,7 x 19 cm, Buch: EUR 10,95 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 8,99.

Abb. (c) dtv

„Alle Gewissheiten schienen sich aufzulösen. Nichts war so, wie es auf den ersten Blick schien. Diese Erkenntnis tat weh – weniger aus verletzter Eitelkeit, vielmehr, weil (…) sie sich hintergangen fühlte. (…). Kurzum, sie musste das Heft endlich selbst in die Hand nehmen.“ (Seite 242)

Berlin im Sommer 1928: Kriminaloberkommissar Leo Wechsler kommt nicht zur Ruhe. Kaum läuft es in der Familie wieder einigermaßen rund, knirscht es bei seinen Mitarbeitern auf dem Revier. Kriminalbezirkssekretär Robert Walther hat private Probleme und steht völlig neben sich. Dass er bei einer Mordermittlung unentschuldigt dem Dienst fernbleibt, ist ein Unding! Das hat Konsequenzen.

Die Mordinspektion braucht gerade jeden Mann: Beim Witwenball in „Clärchens Ballhaus“ ist die junge Garderobiere Adele Schmidt ermordet worden. Der Veranstaltungsort ist voller Mitarbeiter und Gäste, die alle befragt werden müssen. Kriminalinspektor Oskar Neufeld von der Politischen Polizei springt für den Kollegen Walther ein. Von dieser Personalie ist zunächst niemand begeistert, doch sie soll sich noch als Glücksgriff erweisen.

Wer hat die Gardrobiere umgebracht?

Adele Schmidt ist in ihrer Zigarettenpause im Hof angefallen, mit Chloroform betäubt und erstickt worden. Von der Tat selbst hat offenbar niemand etwas mitbekommen. Verdächtigt wird der soeben eingestellte Pianist, von dem selbst Chefin Clara „Clärchen“ Bühler nur den Vornamen kennt: Fred. Er ist spurlos verschwunden. Auch Adeles Exfreund Hans Henkel gerät ins Visier der Ermittler. Sie hatte ihn vor Monaten abserviert, weil sie andere Pläne für ihre Zukunft hatte als einen Maurer zu heiraten. Sie nahm Schauspielunterricht.

Henkel hatte schon mit der Politischen Polizei zu tun. Kriminalinspektor Neufeld kennt ihn. Henkel ist engagiert, impulsiv und manchmal rabiat. Würde ein so grobschlächtiger Mensch wie er wirklich zu Chloroform greifen, um eine kleine, zierliche Frau wie Adele Schmidt zu überwältigen?

War’s eine Verwechslung?

Adele könnte auch das Opfer einer Verwechslung geworden sein. Sie trug an dem Abend ein auffälliges Seidenkleid, angeblich das Geschenk einer Freundin, von der nur der Vorname bekannt ist: Lotte. Was, wenn der Anschlag eigentlich dieser Freundin gegolten hat? Dann wäre sie noch immer in Gefahr. Sollte sie wissen, wer hinter ihr her ist, wäre sie für die Polizei eine wertvolle Hilfe.

Wir als Leser*innen wissen ein bisschen mehr. Lotte ist panisch auf der Flucht – aber nicht vor der Polizei. Diese sucht weiterhin den vermissten Pianisten, die Vorbesitzerin des Seidenkleids sowie Zusammenhänge mit anderen Gewalttaten, die mittels Chloroform begangen wurden. Oberkommissar Wechsler und seine Leute durchleuchten ergebnislos das Leben des Mordopfers und spüren sogar der Herkunft eines Bonbonpapierchens nach, das am Tatort gefunden wurde. Vielleicht führt die exklusive Bonbonsorte ja auf die Spur des Täters.

Noch nie in den 14 Jahren, die ich Leo Wechsler schon „kenne“, habe ich ihn so ratlos erlebt. Nichts passt bei diesem Fall zusammen.

Die Ballhaus-Chefin verliert die Geduld

Der Ballhaus-Chefin Clärchen Bühler dauern die polizeilichen Ermittlungen schon zu lange. Für sie ist es ja geschäftsschädigend, wenn ihre Gäste Angst vor einem freilaufenden Mörder haben müssen. Beherzt forscht sie selber nach – und kann tatsächlich eine der vielen offenen Fragen klären. So langsam ergibt sich ein Bild …

Der Kriminalfall an sich ist zeitlos. Er liegt nicht in der politischen oder gesellschaftlichen Lage begründet. Aber Susanne Goga lässt ihn im Berlin der Weimarer Republik spielen, im Mikrokosmos eines Kultlokals. Und so tauchen wir ein ins Ambiente des Tanzvergnügens der „goldenen Zwanzigerjahre“, die so golden gar nicht waren, und erleben mit, wie man mit den Mitteln der damaligen Zeit komplexe Kriminalfälle löste.

Auf den Tatort zugeschnitten

Mir scheint, dieses Mal war erst der Tatort da, über den die Autorin intensiv recherchiert hat, und alles andere wurde dann klug darum herum konstruiert. Die politische Lage kommt hauptsächlich durch die Nebenfiguren ins Spiel wie zum Beispiel durch den Kommunisten Hans Henkel, durch den neuen Kollegen von der Politischen Polizei und durch den Ärger, den Leo Wechslers Sohn nicht ganz unverschuldet mit ein paar Jungs von der HJ hat. Eine wichtige Rolle spielt auch Leos zweite Frau Clara, die sich für Frauenrechte engagiert und entsprechend vernetzt ist, was hoffentlich auch ihrer aufgeweckten und naturwissenschaftlich interessierten Stieftochter Marie zugute kommt.

Ein klein wenig ungünstig ist es, dass sowohl die Ballhauschefin als auch Wechslers Ehefrau Clara heißen. Aber so ist das eben, wenn eine seit Jahren eingeführte Romanfigur (Wechsler) auf eine real existierende Person (Bühler) trifft. Die Autorin sorgt aber dafür, dass man immer recht schnell weiß, von welcher Clara gerade die Rede ist.

Auch wenn DER BALLHAUSMÖRDER Band 7 einer Reihe ist, kann auch ein Quereinsteiger der Handlung folgen. Die Privatangelegenheiten der Polizisten sind nicht übermächtig und dienen hauptsächlich dazu, die Lebensumstände in der damaligen Zeit zu illustrieren und/oder die Handlung voranzutreiben. Aber natürlich kann sich ein Kenner der Leo-Wechsler-Reihe schneller orientieren, wenn ein Personenname oder ein Stichwort fällt.

Raten wir richtig?

Ich gebe zu, dass es innerhalb der Reihe spannendere Fälle gibt. Dieser hier ist eher knifflig und man liest weiter, weil man wissen will, wie die vielen Puzzleteile zusammengehören, die Susanne Goga uns liefert. Und weil uns interessiert, ob wir mit unseren Vermutungen richtig liegen …

Noch eine Beobachtung am Rande: Die Autorin findet bei ihren Personen- und Ortsbeschreibungen immer genau das richtige Maß. Sie erzählt uns gerade so viel, das wir uns von dem Menschen, der „Location“ und der Stimmung ein Bild machen können, aber nie so viel, dass wir uns langweilen oder vor lauter Äußerlichkeiten den Handlungsfaden verlieren. Diese Kunst der richtigen Dosierung beherrschen längst nicht alle Autor*innen, und deswegen sollte das auch mal erwähnt werden.

Die Autorin

Susanne Goga lebt als Autorin und Übersetzerin in Mönchengladbach. Sie ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Außer ihrer Krimireihe um Leo Wechsler hat sie mehrere historische Romane veröffentlicht und wurde mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Goldenen HOMER für ›Mord in Babelsberg‹ und dem Silbernen HOMER für ›Nachts am Askanischen Platz‹.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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