Heiko Volz: 55 Gründe, Stuttgart trotzdem zu lieben. Denkwürdige Geschichten aus dem Leben eines Eingeborenen

Heiko Volz: 55 Gründe, Stuttgart trotzdem zu lieben. Denkwürdige Geschichten aus dem Leben eines Eingeborenen, Tübingen 2020, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-2332-6, Softcover, 127 Seiten, Format: 12 x 1,7 x 19 cm, Buch: EUR 9,99.

Abb.: (c) Silberburg-Verlag

Aufgrund des Buchtitels und weil ich den Autor unter anderem als TV-Redakteur und –Moderator eines regionalen Fernsehsenders kenne, hatte ich 55 Mini-Reportagen über das kulturelle, gesellschaftliche, geschäftliche und vielleicht auch politischen Geschehen in Stuttgart erwartet. Berichte, die uns die schwäbischen Eigenheiten mit leisem Spott vor Augen führen.

Haarsträubende Anekdoten 😀

Mit derart persönlichen Anekdoten, in denen sich die Stuttgart-Themen spiegeln, hatte ich nicht gerechnet. Aber gut. Der Autor ist herumgekommen, hat vieles gesehen und erlebt. Er ist ein guter Beobachter, er erkennt den Witz in den kleinen Alltagskatastrophen – und er kann erzählen. Gut zuhören kann er auch. 😉 Die eine oder andere schräge Geschichte, die ihm Freunde und Verwandte zugetragen haben, hat ebenfalls Eingang in diese Sammlung gefunden.

Als Kind, sagt der Autor (Jahrgang 1961), sei er schmächtig, rothaarig und sommersprossig gewesen. Und zu allem Übel auch noch Brillenträger. Zudem sei seine Familie oft umgezogen, sodass er in der Schule ständig „der Neue“ war, der sich wieder einen Freundeskreis aufbauen musste. Das wären eigentlich beste Voraussetzungen gewesen, um ein Mobbing-Opfer zu werden. Aber der kleine Heiko war schnell, schlau und sportlich und hat schon in jungen Jahren mit dem Kampfsporttraining begonnen. Damit hat er sich zügig Respekt verschafft – nicht nur unter den Schulkameraden, wie wir im Verlauf des Buchs noch erfahren werden.

„Merken Sie sich diesen Namen!“

„Merken Sie sich diesen Namen“, hat einmal eine seiner Lehrerinnen gesagt. „Den werden wir in Zukunft noch hören“ (Seite 7). Wie sie das gemeint hat, ist nicht überliefert. Aber sie sollte recht behalten. Heiko Volz hat sich unter anderem als Werbetexter, Reporter, Chefredakteur und Verlagsleiter einen Namen gemacht. Und er wurde Autor der legendären Fernseh-Figuren „Äffle und Pferdle“ (beim SDR, später SWR). Ein Promi, der gefühlt ständig auf Achse ist und an dem kaum ein wichtiges Ereignis in Stuttgart vorbeigeht. Er trifft schon mal Wrestling-Größen wie Hulk Hogan, begegnet der Comiczeichner-Legende Carl Barks und schützt bei einer Veranstaltung den Komiker Otto Waalkes vor allzu enthusiastischen Fans. Er interviewt Regionalprominenz und fachsimpelt mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und dessen Frau über Linsen und Spätzle. Ist es wirklich wahr, dass Gerlinde Kretschmann keine Spätzle schaben kann? Als Schwäbin! Das ist ja geradezu skandalös! Zumindest ist es ein Missstand, dem zum Glück abgeholfen werden kann.

Dass er Bürgermeister von Stuttgart wird, das hat der Autor allerdings nur geträumt. Auf den Boden der Tatsachen holt ihn der kleine Sohn Bekannten zurück. Der schnappt nämlich auf, dass Volz beruflich selbstständig ist. Das sagt dem Kleinen nichts. Er fragt sich vielmehr – und das laut! –, wie selbstständig ein Kerl sein kann, der vorm Laden warten muss, bis seine Frau mit dem Einkaufen fertig ist. Ja, Kindermund …

Immer Ärger mit der Wohnung

Auch wenn man mit Wichtigen und Mächtigen zu tun hat – wenn man in Stuttgart wohnt, hat man’s nicht leicht. Man hat vielleicht kein Malheur mehr mit der leidigen Kehrwoche, aber dafür mit seltsamen oder besonders spießigen Nachbarn. Oder man wird Opfer des Renovierungswahns eines sich handwerklich überschätzenden Vermieters: DER GROSSE DURCHBRUCH(Seite 42). Wenn einem plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes die Decke auf den Kopf fällt, ist das erst dann lustig, wenn man davon mit gewissem zeitlichen Abstand erzählen kann. Und wer für den heimtückischen BAMBUS-MORD (Seite 57) verantwortlich war, kommt erst ans Licht, als Volz und seine Frau längst weggezogen sind.

Die Wohnungs-Geschichten sind schon eine Klasse für sich! Nachts in der Schwabstraße: Wer oder was macht im Haus immer so unheimliche Geräusche? Die zwei Bewohnerinnen sind in heller Panik. Spukt’s hier etwa? GEISTERSTUNDE (Seite 94) – „Spooky“ ist auch die Story vom Vetter aus Ravensburg, der unter allen WG-Zimmern, die es im Raum Stuttgart gibt, ausgerechnet dieses eine bezieht … DER KLEINE STEFAN UND DAS GROSSE WUNDER (Seite 22). Makaber ist die Story vom Bestattungsunternehmer, der seinen Führerschein verliert und aufgrund einer Sondergenehmigung nur noch seinen Leichenwagen fahren darf. Beruflich, wohlgemerkt! SEIN LETZTES KONZERT (Seite 77).

Drama am Schwarzen Donnerstag

Politisch wird’s, als der Autor eher zufällig in die S21-Demonstration hineingerät, die später als „Schwarzer Donnerstag“ in die Geschichte eingehen wird. Er landet im Krankenhaus – und danach im Medienzirkus, wo man ihn noch einmal durch die Mangel dreht: STAATSFEIND NUMMER EINS (Seite 112). Lass da mal einen reinrutschen, der kein Medienprofi ist! Der gehört der Katz’. Also, da kann man Stuttgart wirklich nur noch „trotzdem“ lieben. 

Das Beste kommt zum Schluss. Meine Lieblingsgeschichte ist die eines simplen aber unangenehmen Missverständnisses:  DER MIT DEN   V Ö G E L N  SPRICHT (Seite 126).

Aus Stuttgart und der ganzen Welt

Lustig aber nicht ins Konzept passend sind meines Erachtens die Erlebnisse der südamerikanischen Verwandtschaft. In manchen der Geschichten gibt’s überhaupt keinen Stuttgart-Bezug. Ja, gut, die Angehörigen aus Übersee sind in ihrer impulsiven und quirligen Art anders drauf als die mundfaulen Schwaben. Deshalb kommen wir hier vergleichsweise pflegeleicht und weniger anstrengend rüber. Aber das ist schon arg um die Ecke gedacht. Vielleicht liegt’s aber auch am Buchtitel, der die lebensprallen Anekdoten mit Gewalt unter ein Stuttgart-Dach stopfen will, obwohl da gar nicht alle drunter passen. Die 55 Geschichten fallen für mich eher unter die Rubrik „Ich glaub’, ich spinne!“ oder „Der Irrsinn des Alltags“. Leben eben – nicht nur in Stuttgart.

Ich habe schon verstanden, warum viele Geschichten mit dem Wörtchen„unlängst“ anfangen: Es ist eine Hommage an den Onkel mit seinen wilden Geschichten. Aber es irritiert trotzdem, weil „unlängst“ eben „vor kurzem“ bedeutet und nicht „vor 30 Jahren“. Das hätte ich versucht, dem Autor auszureden. Die Anekdoten selbst haben es in sich. Da sind ganz schöne Brüller dabei! 55 GRÜNDE … ist eines der Bücher, die man nur dann in der Öffentlichkeit lesen sollte, wenn es einem nichts ausmacht, wegen lauten Lachens für bekloppt gehalten zu werden. Meine Nachbarn werden sich ihren Teil gedacht haben. Ich habe das Buch auf dem Balkon sitzend gelesen.

Durch weitere Quellen verbürgt

Da der Autor und ich berufsbedingt gemeinsame Bekannte haben, kann ich Ihnen/Euch versichern: So irrwitzig manches Erlebnis auch klingen mag – Heiko Volz erzählt hier keinen vom Pferd! Manche Geschichten hatte ich schon aus anderen Quellen gehört, einiges ist auch durch die regionalen Medien gegangen. Ich gehe mal davon aus, dass alle Privatpersonen, die im Buch mit peinlichen Dates, vergurkten Reisen und sonstigen Pannen vertreten sind, vorab um ihre Erlaubnis zur Veröffentlichung gebeten wurden. Sonst muss man künftig verflixt aufpassen, was man diesem Mann erzählt. 😀

Der Autor

Heiko Volz, geboren 1961, ist freier PR- und Marketingberater, Medienmacher, Werbetexter, Hochschuldozent, Journalist, Autor, TV-Moderator und Synchronsprecher. Bekannt ist er als Autor vieler Äffle-und-Pferdle-Bücher und als Sprecher vom Äffle. Er ist bekennender Stuttgarter.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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