Dean Nicholson mit Garry Jenkins: Nalas Welt: Ein Mann, eine Straßenkatze und eine Freundschaft, die alles ändert

Dean Nicholson mit Garry Jenkins: Nalas Welt: Ein Mann, eine Straßenkatze und eine Freundschaft, die alles ändert, OT: Nala’s World: One man, his rescue cat and a bike ride around the globe, aus dem Englischen von Elisa Valérie Thieme,  Köln 2020, Bastei Lübbe, ISBN 978-3-404-61711-1, Klappenbroschur, 336 Seiten mit Landkarten und Farbfotos, Format: 12,4 x 3,2 x 18,5 cm, Buch: EUR 12,00 Kindle: EUR 9,99. Auch als Hörbuch lieferbar.
Abb.: (c) Bastei Lübbe

„Die letzten Monate hatten mich gelehrt, dass meine Weltreise nun mal anders ablief als die der meisten Leute. Es ging nicht einfach von A nach B oder über die klassischen Routen. Ich reiste immer durch Nalas Welt, und so lange wir zusammen waren, war alles in Ordnung. Wir passten aufeinander auf. (…) Ich sah in die Nacht hinaus und fühlte mich absolut gewiss: Es ging nicht zurück, sondern genau in die richtige Richtung.“ (Seite 253)

Mit thedodo.com fing alles an

Ich bin zu dieser Story gekommen wie Millionen andere Menschen auch: Ich habe auf der amerikanischen Seite www.thedodo.com, die über Tiere aus aller Welt berichtet, einen Beitrag über Dean Nicholson gesehen, der mit dem Fahrrad um die Welt reist und in Bosnien ein winziges verlassenes Kätzchen aufliest, das ihn seither auf seiner Tour begleitet. Ich wusste, dass man den beiden auf allen möglichen Kanälen online folgen kann und habe irgendwann erfreut festgestellt: Ach, das gibt’s ja auch als Buch! 

Dean Nicholson hat das Buch nicht allein geschrieben, sondern mit Hilfe von Garry Jenkins, der auch an James Bowens BOB, DER STREUNER beteiligt war. Jenkins trifft den richtigen Ton – und den Kern der Geschichte.

Weltreise mit Fahrrad und Katze

Der junge Schotte Dean jobbt nach einer abgebrochenen Berufsausbildung mal hier und mal da, feiert gern und lässt sich ziellos durchs Leben treiben. Aus einer Bierlaune heraus beschließt er eines Tages, zusammen mit seinem Kumpel Ricky mit dem Fahrrad die Welt zu bereisen. Europa, Asien, Australien, so stellen sie sich das vor. Aber schon in Mostar/Bosnien trennen sich ihre Wege. Nachdem Ricky Gepäck und Pass abhanden gekommen sind und auch sein Geld zur Neige geht, hat er keinen Bock mehr und fährt wieder heim. 

Für Dean erweist das im Nachhinein als Segen. Statt mit seinem Kumpel feiernd um den Globus zu reisen, ist er jetzt auf sich allein gestellt und kann seine Aufmerksamkeit Land und Leuten widmen. Und er bleibt nicht lange allein. Als Tierfreund kann er nicht achtlos vorbeiradeln, als ihm in einer gottverlassenen Gegend das kleine Katzenmädchen Nala über den Weg tapst. Er nimmt die temperamentvolle Kleine kurzerhand mit und stellt nach einer Weile erschrocken fest: O je, jetzt hat er ein Wesen an seiner Seite, das auf ihn angewiesen ist! Er, der es bisher mehr schlecht als recht geschafft hat, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen, hat nun Verantwortung für zwei. Zu seiner eigenen Überraschung meistert er das ganz wunderbar. Aus dem leichtfertigen Feierbiest wird ziemlich flott ein fürsorglicher „Katzenpapa“. Die kleine Katze wird auf der Reise erwachsen – und der große Schotte ebenso.

Deans Leben ändert sich radikal

Noch ahnt er nicht, wie sehr seine tierische Reisebegleiterin sein Leben noch verändern wird. Arglos stellt er Bilder und Videos von ihrer gemeinsamen Tour ins Internet und staunt nicht schlecht, als seine Followerzahlen auf einmal explodieren. So richtig Bewegung kommt in die Sache, als die amerikanische Internetseite The Dodo über ihn berichtet. Auf einmal sind die beiden weltweit berühmt und werden unterwegs erkannt. So viele Leute, die um die Welt radeln und dabei eine Katze in einer Transporttasche am Lenker mit sich führen, gibt’s ja auch nicht. 

Prominenz kann lästig sein, aber das weltumspannende Nala-Netzwerk ist auch überaus hilfreich. Gibt es ein Problem mit der Ausrüstung, der Reiseoute, einer Unterkunft oder den Papieren – irgendein Fan oder Follower hat garantiert eine Lösung.

Vom Reisenden zum Tier-Retter

Nala bleibt nicht Deans einziges „Notfellchen“. In Griechenland zum Beispiel sammelt er einen schwächlichen Hundewelpen auf, den er allerdings nicht auch noch mitnehmen und selbst aufpäppeln kann. Er gibt ihn bei einem Tierarzt in Pflege und spekuliert auf eine spätere Vermittlung innerhalb seiner Follower-Gemeinde. Erste Spenden fließen – und das wird so schnell kein Ende nehmen. Nicht, dass Dean das Geld selbst verbrauchen würde. Er arbeitet unterwegs. Aber er lernt jede Menge Leute kennen, die kleine private Tier- und Umweltschutzprojekte betreiben, und dort hin fließen die Spenden. Manch einer, der bei großen Organisationen befürchten mag, dass seine Spende irgendwo in der Bürokratie versickern, unterstützt gerne ein konkretes, regionales Projekt, bei dem er sieht, was sein Geld bewirkt. Dass ein neues Gehege entsteht, zum Beispiel.

Dass aus der geplanten Solo-Weltreise eine Tour mit Katzenbegleitung sowie eine Fundraising-Aktion für notleidende Tiere geworden ist, hat natürlich Einfluss auf Deans Reiseroute. Indien und Russland wollen mit Katze einfach nicht klappen. Asien, Australien, USA – der alles rückt in weite Ferne. Der Mann und seine Katze gurken auch nach über einem Jahr immer noch in Europa herum. Dean kommt sich langsam vor wie eine Schnecke: Er ist mit „Haus“ unterwegs und kommt nicht vom Fleck. Doch seine Follower beruhigen ihn. Es ist ihnen egal, wohin er fährt und wie lange er braucht, solange er sie per Internet an seiner Reise teilhaben lässt. Mittlerweile ist es zu seiner Lebensaufgabe geworden, Tieren zu helfen und ihnen „eine Stimme zu geben“. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er das Gefühl, etwas Bedeutendes zu tun.

Die Leut’ sind überall Leut’

Dank Nala kommt Dean mit den Menschen schnell in Kontakt. Sie gehen auf ihn zu und stellen ihm Fragen – was sicher nicht der Fall gewesen wäre, wenn er statt mit ihr weiterhin mit seinem Kumpel Ricky auf Tour gewesen zwei. Zwei bärengroße Schotten würden die Leute nicht so einfach ansprechen.

Je weiter Dean herumkommt, desto mehr gelangt er zu der Überzeugung, dass über alle Länder-, Kultur- und Glaubensgrenzen hinweg die Menschen von ähnlichen Wünschen und Ängsten angetrieben werden. Die Leut’ sind überall Leut’. Diese Einsicht hat sich nur noch nicht flächendeckend durchgesetzt, und das macht ihm Sorgen. „Wir leben alle auf demselben Planeten und gehören derselben Spezies an. Wenn wir nicht miteinander denken und arbeiten, sind wir wahrscheinlich dem Untergang geweiht.“ (Seite 316)

Abenteuerliche Begegnungen

Und natürlich verläuft diese Reise zeitweise absolut abenteuerlich. Das nächtliche Zusammentreffen mit einem Bären hat so, wie Dean uns das erzählt, schon wieder witzige Momente. Kein Wunder, dass seine Mutter darüber herzlich gelacht hat! – Sein  Zittern bei jedem Grenzübergang können wir nachvollziehen: Werden die Beamten Nalas Papiere akzeptieren und sie beide einreisen lassen, oder gibt’s Theater und er muss seine Reisepläne wieder mal umwerfen? – Wird er es schaffen, rechtzeitig  wieder aus Aserbeidschan in die Türkei zu kommen, um einen Hund, den er dort in Pflege gegeben hat, abzuholen? Wer weiß, was mit mit dem Tier geschieht, wenn er sich verspätet? – Ganz kritisch wird es, als er für ein paar Tage in seine Heimat muss, um Visumsangelegenheiten zu regeln. Da ist die Frage, ob es ihm gelingt, nach Budapest zurückzukehren, ehe Ungarn Corona-bedingt die Grenzen schließt. Nala hat er dort in Obhut von Bekannten zurückgelassen. Wird er sie jemals wiedersehen?

Zahlreiche Fotos zeigen die beiden Reisegefährten auf ihrer Tour, die man anhand von Karten und Routenbeschreibungen sehr gut nachverfolgen kann. Für mich wäre so ein Abenteuer nichts, aber ich lese für mein Leben gern davon. Und Nicholson und Jenkins schaffen es wirklich, uns Leser*innen das Gefühl zu geben, wir seien hautnah dabei.

Die Autoren

Dean Nicholson, ein 30-jährige Schotte, hatte im September 2018 die Nase voll von seinem Handwerker-Job, stieg auf sein Fahrrad und radelte los. Seitdem er mit seiner Katze Nala reist, hat sich alles verändert: Schon ihr erstes Video auf The Dodo begeisterte eine riesige Fangemeinde weltweit. Tausende Fahrradkilometer haben sie gemeinsam erlebt, Nala vorne in einem speziellen Katzenkorb. Die meisten Nächte verbringen die beiden zusammengekuschelt in einem Zelt. Mehr über sie bei @1bike1world

Garry Jenkins ist Autor und Journalist. Im Laufe seiner über 25-jährigen Karriere hat er für verschiedene Zeitschriften und Zeitung geschrieben – von „Elle“ über „Time Out“ und „The Daily Mail“. Er schreibt regelmäßig für „The Times.“ Jenkins ist außerdem Co-Autor bei verschiedenen Bestsellern, in denen es um Tiere geht. Er lebt mit seiner Familie in London.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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