Heike Abidi: Unglaubliche 12 (ab 11 J.)

Heike Abidi: Unglaubliche 12 (ab 11 J.), Hamburg 2020, Oetinger Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3- -84150628-3, Klappenbroschur, 205 Seiten (inkl. 25 Seiten Leseprobe für ein anderes Jugendbuch), Format 13,4 x 2,2 x 20,3 cm, Buch: EUR 10,00 [D], EUR 10,30 [A], Kindle: EUR 6,99.

Abb.: (c) Oetinger Taschenbuch

„Es hat halt bloß mit meinem Hobby zu tun“, gebe ich zu, in der Hoffnung, dass Romy das Interesse daran verliert. (…) – „Meinst du Fußball, Leichtathletik, Fantasyromane oder Musikhören?“, fragt Romy zurück. Sie kennt mich eben supergut. (Seite 30/31)

Ich habe in den vergangenen Jahren Heike Abidis komplette Teenager-Buchreihe gelesen und hätte am liebsten ihre Heldin Henriette Vogelsang adoptiert. Bei mir wäre sie so viel besser aufgehoben gewesen als bei ihren verpeilten Eltern! 😀 Henriettes kleine Schwester Tessa hatte ich nur als nervige kleine Kröte in Erinnerung. Aber aus Kindern werden Leute. Henriette studiert inzwischen Publizistik in Dortmund und hat sich genau so entwickelt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Trotz ihrer Eltern.

Von Drama-Queen zur DrummerQueen

Auch Tessa hat sich gemacht. Die ist inzwischen 12 und wird heftig von pubertären Stimmungsschwankungen geplagt. Ihre Mutter nennt sie deshalb eine „Drama-Queen“. Das einzige, was Tessa hilft, ist die Musik, vor allem das Schlagzeugspielen. Das hat ihr Gunnar beigebracht, der neue Ehemann ihrer Großmutter. Wenigstens die Großeltern sind zu etwas zu gebrauchen!

Henriette, die als Teenager mit einem Blog über die Pubertät bekannt geworden ist, bringt Tessa auf die Idee, ihre musikalischen Aktivitäten zu filmen und ins Internet zu stellen. Das macht sie – aber anonym. So wird aus der Drama-Queen die DrummerQueen. Aber wie das so ist mit Geheimnissen: Die halten sich nicht länger als Eiswürfel. Sobald Freundin Romy Wind von der Sache bekommt, weiß es die ganze Schule. Nur Tessas Eltern sollen nie davon erfahren.

Romy ist es auch, die darauf besteht, dass Tessa sich als Drummerin bei der Schulband bewirbt. Doch die zögert: Sie wäre das einzige Mädchen. Die anderen Bandmitglieder sind 15 Jahre und älter, sie würden sie bestimmt nicht ernst nehmen. Wahrscheinlich ist sie gar nicht gut genug. Vor Publikum auftreten mag sie auch nicht. Ach, und überhaupt …

Die Jungs und der betreuende Lehrer kennen aber Tessas Internet-Auftritte als DrummerQueen. Beim Vorspielen überzeugt sie ebenfalls, und so ist für niemanden außer für sie selbst eine Überraschung, dass sie in die Band aufgenommen wird.

Geheimnisse vor den Eltern

Jetzt hat sie eine ganze Reihe von Geheimnissen vor ihren Eltern: ihre online-Aktivitäten als DrummerQueen, die Tatsache, dass sie in einer Band spielt – und dass sie sich in den supersüßen Leadsänger Noel verliebt hat. Der sucht gleichfalls ihre Nähe und sonnt sich offensichtlich in dem Gefühl, von ihr angeschmachtet zu werden. 

Levin, Tessas erwachsener Bruder, der mittlerweile im Ausland lebt, warnt sie bei einem ihrer seltenen Skype-Gespräche: Jungs, die so supernett tun, haben oft weniger nette Absichten. Trifft das auch auf Noel zu? Levin muss es ja wissen. Er war als Teenager selbst so drauf und hatte einen enormen Freundinnen-Verschleiß.

Doch diese Frage rückt jetzt erst einmal in den Hintergrund. In wenigen Wochen wird die Band beim Schulfest auftreten. Tessa muss noch viel üben – aber wann soll sie das tun, wenn ihre Mutter sich andauernd über den „Krach“ beschwert, den sie mit ihrem Schlagzeug verursacht? Vielleicht hätte sie sogar Verständnis, wenn sie wüsste, dass Tessa für einen Auftritt probt. Aber gerade das will Tessa ihr ja nicht auf die Nase binden. Bei ihrer Mutter weiß man nämlich nie … die ist so unentspannt und spaßbefreit, dass sie ihrer Tochter die Mitgliedschaft in der Band womöglich verbieten würde.

Am Schulfest wird alles auffliegen!

Und jetzt kommt das nächste Problem: Die Eltern haben es sich in den Kopf gesetzt, zum Schulfest zu kommen. Da wird dann rauskommen, was es mit der mysteriösen AG auf sich hat, die Tessa immer als Ausrede anführt, wenn sie zu den Bandproben verschwindet. Und dann gibt’s so richtig Ärger. Diese Aussicht ist für Tessa mindestens so schrecklich, wie die Vorstellung, sich auf der Bühne bis auf die Knochen zu blamieren.

Am besten wird sein, dass sie gar nicht erst zum Schulfest geht. Kein Auftritt, keine Blamage, kein Outing, kein Ärger. Aber das kann sie Noel und den anderen Jungs nicht antun! Hilft es vielleicht, wenn sie ihre Eltern von der Veranstaltung fernhält? Aber wie soll das gehen?  

Tessa ist derart geistesabwesend und durcheinander, dass es auch ihren Lehrern auffällt. Noch etwas, das ihr Probleme bereitet. Wann eigentlich ist das Leben so schrecklich kompliziert geworden? Der einzige, der sie versteht, ist der Familienhund. Und ihre große Schwester. Das hat Tessa zumindest bisher immer gedacht …

Live aus der Pubertät

Ich glaub’ schon, dass dieses Buch – sowie die ganze Teenie-Reihe –den Kindern und Jugendlichen zu verstehen hilft, was da gerade mit ihnen passiert. Und das nicht auf abstraktem Bio-Unterrichts-Niveau. Hier recherchieren und berichten ja quasi Betroffene live aus der Pubertät. Jedenfalls schafft die Autorin es, diesen Eindruck zu erwecken.

Heldinnen wie Tessa und ihre Geschwister sind so sympathisch, weil sie ganz normal sind und auch mal Fehler machen. Und die Mädels sind zum Glück keine Glitzertussis, die nix als Makeup, Klamotten und Jungs im Kopf haben. Sie haben auch noch andere Ziele und Interessen. Und sollten sie je von einer Karriere als Influencerin träumen, dann haben sie garantiert eine andere Botschaft im Sinn als Schmink-Videos. Ach ja: Selbstverliebte „Prinzen“ können ihnen mal den Buckel runterrutschen.

Wenn die Eltern schwierig werden

„Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden“, sagt man ja. In diesem Fall empfinde ich auch als erwachsene Leserin die Eltern als etwas problematisch. Das ging mir schon so, als Henriette 13 war. Der Vater ist ein liebenswerter Spinner, der in seiner eigenen Welt lebt und nicht so recht mitkriegt, was um ihn herum vorgeht. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass er für seine Frau Eva sowas wie ein fünftes Kind ist. Die Mental Load liegt auf jeden Fall bei ihr. 

Die Großeltern mit ihrer lockeren Hippie-Attitüde machen ihr eigenes Ding und stehen im Konfliktfall meistens auf Seiten ihrer Enkel. Wahrscheinlich hat Eva Vogelsang – eine ausgebildete Pädagogin – das Gefühl, die einzige Erwachsene in diesem verrückten Haufen zu sein und ist deswegen so streng, humorlos und verkrampft. Sobald sie erscheint, krieg’ ich als Leserin Beklemmungen. In dieser Familie wollte ich auch kein Kind sein!

Hilfe außerhalb des Elternhauses

Zum Glück haben die vier Vogelsang-Kids weitere Ansprechpartner, an die sie sich vertrauensvoll wenden können: Großmutter, Geschwister, Freund*innen und deren Eltern. Und so wird auch Tessa ihre Pubertät unbeschadet überstehen. 

Ich weiß nicht, ob’s beabsichtigt war, aber auch das ist für mich eine Botschaft dieser Reihe: Wenn’s mit den Eltern nicht so richtig funktioniert, such’ dir andere Vorbilder und Vertrauenspersonen, die dir weiterhelfen. Was immer auch passiert: Du musst da nicht alleine durch!

Die Autorin

Heike Abidi, Jahrgang 1965, studierte Sprachwissenschaften und arbeitet heute als freiberufliche Werbetexterin und Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann und Sohn in der Nähe von Kaiserslautern.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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