Thérèse Lambert: Die Rebellin. Roman [Lou Andreas-Salomé]

Thérèse Lambert: Die Rebellin. Die Freiheit bedeutet ihr alles, dann begegnet Lou Andreas-Salomé ihrer ersten großen Liebe – Rilke (Außergewöhnliche Frauen zwischen Aufbruch und Liebe, Band 4), Berlin 2021, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-3716-7, Klappenbroschur, 407 Seiten, Format: 13,3 x 3,2 x 20,5 cm, Buch: EUR 12,99, Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) Aufbau Verlag

„Ihr Professor für Religionsgeschichte in Zürich hatte versucht, es ihrer Mutter zu erklären, Lou würde seine Worte nicht vergessen: Ihr Fräulein Tochter sei ein ganz ungewöhnliches Wesen von kindlicher Reinheit, aber doch kombiniert mit einem fast männlichen Geist und einer außerordentlichen Selbstständigkeit des Willens. Es gab sie doch, die Menschen, die einen Kern in ihr erkannten, den sie guthießen.“ (Seite 268)

Den Namen der Protagonistin, Lou Andreas-Salomé (1861 – 1937), hatte ich schon gehört. Details hätte ich jetzt zwar nicht nennen können, aber ich wusste, dass sie für eine Frau des 19. Jahrhunderts ungewöhnlich frei und selbstbestimmt gelebt hat. Sie hat schon in Wohngemeinschaften gewohnt, als noch kein Mensch wusste, was das war. Sogar mit Männern! 😉 Sie hatte einen messerscharfen Verstand, viele prominente Freund*innen und Liebhaber. Nur die Beziehung zu ihrem Ehemann war rein platonisch. 

Lou ist ihrer Zeit voraus

Sie war Schriftstellerin, Lehrmeisterin, Philosophin, Muse, Geliebte, Psychoanalytikerin, Freigeist … und es war ihr vollkommen egal, was andere von ihr dachten. Sie war ihrer Zeit weit voraus, und ich habe mich gefragt, wie dieses außergewöhnliche Leben möglich war. Was hat sie angetrieben und auf all diese Ideen gebracht? Wie kam sie damit durch? Sie muss eine starke und charismatische Persönlichkeit gewesen sein, sonst hätte ihr Umfeld das gar nicht akzeptiert und mitgemacht.

Die Autorin Thérèse Lambert hat recherchiert und ist diesen Fragen nachgegangen. Jetzt ist es natürlich schwierig, dem ereignisreiche Leben einer so vielschichtigen Frau auf 400 Seiten gerecht zu werden. Mit dem Stoff hätte man wahrscheinlich eine Trilogie füllen können. Die Autorin hat sich auf die Zeit konzentriert, in denen die verheiratete Lou mit dem 15 Jahre jüngeren Lyriker Rainer Maria Rilke liiert war. Man kann anhand dieser Episode recht gut nachvollziehen, wie sie tickt, doch weil ohne ihre Vorgeschichte vieles unverständlich geblieben wäre, arbeitet die Autorin viel mit Rückblicken.

Mit Verstand und eigener Meinung

Lou wird als Louise von Salomé am 12. Februar 1861 in St. Petersburg geboren. Ihre Familie ist wohlhabend und kulturell vielseitig interessiert. Lou erhält die gleiche Bildung wie ihre älteren Brüder. Da ist natürlich nicht damit zu rechnen, dass aus diesem wachen und kritischen Geist ein fügsames Frauchen wird. Erster Skandal: Lou entwickelt eigene Ansichten zum Thema Religion und weigert sich, sich konfirmieren zu lassen. Nächster Skandal: Ihr Religionslehrer, 25 Jahre älter als sie, will sich ihretwegen von seiner Frau trennen und sie heiraten. Davon hält Lou nichts. Sie will ihre Freiheit und hat keine Lust darauf, sich von einem Ehemann herumkommandieren zu lassen. Sie will reisen, schreiben, geistesverwandte Menschen kennenlernen, mit ihnen diskutieren und arbeiten und am liebsten in einer anregenden Wohn- und Arbeitsgemeinschaft leben. 

Eine seltsame Ehe

Sie verlässt St. Petersburg und geht nach Berlin. Zwei Jahre lang lebt sie mit dem Philosophen Paul Rée zusammen, ohne dass sie ein Paar sind. Aus der geplanten Dreier-WG mit Friedrich Nietzsche wird nichts. Nietzsche will Lou heiraten, aber sie lehnt ab. Dem Orientalisten [Friedrich] Carl Andreas entkommt sie dagegen nicht so leicht. Obwohl sie sich nur flüchtig kennen, droht er mit Suizid, wenn sie nicht seine Frau wird. Lou lässt sich nötigen, stellt aber Bedingungen: Heirat ja, S*x nein. Keine Ahnung, warum Carl sich darauf einlässt. Dass er sie nicht umstimmen kann, macht sie ihm schmerzhaft deutlich. Dabei ist Lou keineswegs verklemmt oder asexuell. In Wien hat sie einen Liebhaber, den Arzt Friedrich Pineles, Spitzname „Zemek“ – den Bruder der Malerin Broncia Koller-Pinell. Lous Mann ist das entweder egal oder sieht darüber hinweg, wenn sie wieder wochen- und monatelang ohne ihn verreist.

Es knistert zwischen Lou und Rilke

Bei einem Besuch in München lernt Lou den aufstrebenden Lyriker Rainer Maria Rilke kennen. Erst nimmt sie ihn nicht für voll. Seine Gedichte sind schwülstig, er selbst wirkt kindlich und unselbstständig. Doch er scheint ähnliche Fragen ans Leben zu haben wie sie und es schmeichelt ihr, dass er ihre Meinung hören will. Sie arbeitet mit ihm an seinen Texten und will erreichen, dass er sich präziser ausdrückt. Bald knistert es zwischen ihnen und sie beginnen ein Verhältnis. Als sie wieder zurück nach Berlin fährt, kommt Rilke mit und geht bald bei den Eheleuten Andreas ein und aus. Carl kann dabei unmöglich entgangen sein, dass die zwei nicht nur miteinander arbeiten. Was Lous Ehemann denkt, ist mir das ganze Buch über ein Rätsel geblieben.

Lou und Rilke reisen viel, begegnen einer Vielzahl prominenter Künstler*innen und politisch engagierter Personen. Die Liste ihrer Begegnungen liest sich wie das europäische Who-is-Who des 19. Jahrhundert. Diese Schilderungen nehmen in dem Buch einen breiten Raum ein. 

Abhängigkeit ist ihr zuwider

Als die Eheleute Andreas nach Russland reisen um die Familie zu besuchen, kommt Rilke mit. Lou will ihm ihre Heimat zeigen, er will in ihrer Nähe sein und ist zudem auf der Suche nach Einfachheit und Klarheit um seine Gedichte zu verbessern. Das Wesen der Religion und der Kunst hofft er in Russland zu ergründen. Doch vom Land selbst ist er nicht so begeistert, wie seine Geliebte es sich gewünscht hat. Sie ist enttäuscht und fragt sich, ob er wirklich der Geistesverwandte ist, für den sie ihn gehalten hat. Sie fühlt sich von seiner Anhänglichkeit zunehmend genervt und eingeengt. Hat er überhaupt ein Leben ohne sie? Und jetzt kränkelt er auch noch! Dichter hin, Liebhaber her, Abhängigkeit ist ihr zutiefst zuwider. Das letzte, was sie will, ist, dass ihr ein unreifer, labiler Kerl dauerhaft am Rockzipfel hängt …

So sehr Lou Andreas-Salomés Geschichte ein Musterbeispiel für ein selbstbestimmtes Leben ist, so wenig ist sie eine Heilige. Eine Beziehung, welcher Art auch immer, muss nach ihren Bedingungen funktionieren oder sie ist beendet. Da ist sie rücksichtslos. Wenn der/die andere damit ein Problem hat, berührt sie das nicht. Vorbei. Das Leben geht weiter. 

Es gäb’ noch vieles zu erzählen …

Ich hätte gerne noch etwas über Lous Begegnung mit Sigmund Freud erfahren, über ihre Arbeit als Psychoanalytikerin und über ihr weiteres Leben mit Carl. Aber das hätte den Rahmen dieses Buchs gesprengt. Aufgrund der Seitenzahl und des Konzepts, bei dem eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt stehen muss, kann DIE REBELLIN oft nur an der Oberfläche kratzen und interessierten Leser*innen Appetit darauf machen, sich intensiver mit der Protagonistin zu beschäftigen. Zum Lesen von Lou Andreas Salomés Essays fehlt mir die Geduld, aber ich werde mir bei Gelegenheit zumindest einen Spielfilm ansehen, der über ihr Leben gedreht wurde. Bin gespannt, wie Rilke in dem Film wegkommt. Im Buch ist ja ein fürchterlicher Jammerlappen. 😀

Okay – jemandem, der sich schon gründlich mit der Lebensgeschichte von Lou Andreas-Salomé und/oder Rainer Maria Rilke befasst hat, bietet dieser Roman sicher nichts Neues. Aber als „Erstkontakt“ und Ausgangspunkt für weitere Recherchen halte ich ihn für durchaus geeignet.

Die Autorin 

Hinter Thérèse Lambert verbirgt sich die Autorin Ursula Hahnenberg, die in München aufgewachsen ist und mit ihrer Familie in Berlin lebt. Als Schwester von vier Brüdern und spätere Studentin der Forstwissenschaft hat sie früh gelernt, unter Männern ihre Frau zu stehen. Nicht zuletzt deshalb gilt auch beim Schreiben ihre besondere Leidenschaft starken Frauen wie Lou Andreas-Salomé.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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