Tina Zang: Das zaubernde Klassenzimmer, Band 1 (ab 8 J.)

Tina Zang: Das zaubernde Klassenzimmer, Band 1 (ab 8 J.), München 2022, arsEdition, 978-3-8458-4511-1, Hardcover, 136 Seiten mit zahlreichen s/w-Illustrationen von Sandra Reckers, Format: 15,2 x 2,2 x 22 cm, Buch: EUR 13,00 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 10,99. Auch als Hörbuch/Audio-CD lieferbar.

Abb.: (c) arsEdition

Elena beobachtete, wie die Mäuse am Pult hochkraxelten. Als alle drei oben waren, stellten sie sich nebeneinander auf.
„Juppheidi“, sang die erste Maus.
„Juppheido“, stimmte die zweite in einem etwas höheren Ton ein.
„Juppheida“, sang nun auch die dritte Maus mit, wieder etwas höher.
Die Mäuse verbeugten sich, flitzten ein Pultbein hinunter und sausten in ihr Mauseloch. Blitzke nahm seine Brille ab und rieb sich die Nase. „Was war denn das?“
Meryem sagte: „Das war ein C-Dur-Akkord.“
 (Seite 105/106)

Verschlossen und vergessen

Nein, nein, das ist kein be-zauberndes Klassenzimmer im Sinne von „gemütlich“! Gar nicht! Es verströmt vielmehr einen reichlich angestaubten Retro-Charme. Es war ja auch mehr als 70 Jahre lang vor aller Welt verschlossen – und das nur, weil 1951 der Schüler Alois verbotenerweise ein Zauberbuch in die Schule mitgebracht hatte. Irgendwas muss damals mit einem der Zaubersprüche schiefgegangen sein, denn danach war das Buch verschwunden und das Klassenzimmer trieb allerlei magischen Schabernack. Dies sei „für die Lehrkräfte eine Zumutung und einer ordentlichen Pädagogik nicht zuträglich“ (Seite 75), fand der damalige Schulleiter Gottlieb Loberecht und verbarrikadierte den Raum.

So hätte es bis ans Ende aller Tage bleiben können – wenn nicht Alois’ Enkel Felix zufällig die Tür zu dem verbotenen Zimmer entdeckt hätte. Und wenn nicht Finchen, die junge Katze des Hausmeisters, in eben diesem Zimmer verschwunden wäre. Weil das Tier nicht freiwillig wieder herauskommt, schaut man dort nach dem Rechten. Von Finchen keine Spur! Stattdessen findet die Lehrerschaft hier ein zwar altmodisches aber geräumiges und vollständig eingerichtetes Klassenzimmer vor. Und das in einem Schulgebäude, das an chronischer Raumnot leidet! Eine Jahrzehnte alte schriftliche Warnung davor, dass es in diesem Raum spuke, wird ignoriert. Magie? Pffft! An so einen Firlefanz glaubt doch heutzutage kein Mensch mehr! Lehrer Blitzke reißt sich das wiederentdeckte Klassenzimmer unter den Nagel. Hier wird er seine vierte Klasse unterrichten, basta.

Von der Stadt in die „Kreidezeit“

Das fängt ja gut an, denkt sich Schülerin Elena (10), die mit ihrer Familie gerade erst von der Stadt in dieses gottverlassene Kuhkaff, äh, in dieses idyllische Dörfchen gezogen ist. Sie vermisst ihre Freunde und ihre vertraute Umgebung und fand es bis eben ganz schrecklich, von einer modernen Schule mit Smartboards, Tablets und Kopierer zurück in die dörfliche „Kreidezeit“ zurückgebeamt worden zu sein, wo man den Stundenplan noch von der Tafel abschreiben muss.

Die Schulkamerad:innen sind auch so … na ja. Oskar, ihr Nebensitzer, ist ein miesepetriger Grufti, die blöde Friedlinde scheint zu glauben, dass ihr die ganze Schule gehört, nur weil sie von dessen Gründer abstammt, und deren Freundin Antonia ist eine humorlose Streberin. Schon nach wenigen Minuten hat es sich Elena „die Neue“ mit denen verscherzt. Na ja, okay: Lilly, Felix und Meryem scheinen immerhin ganz in Ordnung zu sein.

Ein Raum mit Magie und Haltung

Eines steht fest: Ein Klassenzimmer, dass sich auf wundersame Weise selbst sauber hält, das eigenmächtig Texte auf die Tafel schreibt und wieder verschwinden lässt, in dem es singende Mäuse, ein winkendes Plastikskelett und fliegende Papiervögel gibt, das hat sie in der Stadt nicht gehabt! Das gefällt Elena gut. Und sie ertappt sich dabei, sich auf den kommenden Schultag zu freuen.

Lehrer Blitzke ist nicht so begeistert vom Klassenzimmer mit Eigenleben. So verzweifelt wie vergeblich versucht er, für sämtliche schräge Vorkommnisse eine rationale Erklärung zu finden. Die Kinder finden die magischen Überraschungen aber klasse. Und es gefällt ihnen, dass der Raum offenbar eine eigene Meinung hat. Mobber, Zicken und Tyrannen scheint er nicht leiden zu können. Wer sich unkollegial verhält, wird mit plötzlich auftretenden unerklärlichen Sprachstörungen, einem Furzkissen oder einem wildgewordenen Wasserhahn getriezt. Und siehe da, diese magische „Pädagogik“ aus einem vorigen Jahrhundert zeigt Wirkung! Der eine oder andere kapiert, dass es hier Ursache und Wirkung gibt und geht in sich.

Nur Opa Alois weiß Bescheid

Dumm nur, dass Elena ihrer Familie nichts von ihrem aufregenden Schulleben erzählen kann. Immer, wenn sie es versucht, lacht man sie aus und glaubt ihr kein Wort. Klassenkamerad Felix macht da ganz andere Erfahrungen: Als er seinem Opa Alois von dem magischen Klassenzimmer berichtet, scheint dieser ganz genau zu wissen, wovon er spricht …

Abb.: (c) arsEdition, Illustration: Sandra Reckers

Ich weiß nicht, wie viele Bände die Reihe umfassen wird. Auf jeden Fall gibt’s im Sommer eine Fortsetzung. Vielleicht erfahren wir dann, was genau in den 50er-Jahren zur Schließung des Klassenzimmers geführt hat. Und sicher auch, wie’s mit Elena, Felix und den anderen weitergeht.

Zum Piepen!

Auch wenn ich längst nicht mehr zur Zielgruppe gehöre: Ich habe das Buch mit allergrößtem Vergnügen gelesen. Irgendwie ist das genau mein Humor. Der Lehrer, dem ständig irgendwelche denkbar undiplomatischen Bemerkungen rausrutschen! Die Szene, in der Friedlinde angestrengt versucht, Elena zu beleidigen aber nur vollkommen blödsinnige Reime äußern kann! Ich fand das zum Piepen und könnte dieses Kapitel keinem Kind vorlesen, ohne einen Lachanfall zu bekommen. Ab und zu kommen dann noch so knochentrockene Kommentare wie der von Meryem (siehe oben). Und ob der Spottname „Trieflinde“ wohl an Friedi hängen bleibt …? 😀 

Ach ja! Falls sich jemand Sorgen macht: Der Katze des Hausmeisters ist nichts passiert. Anscheinend hat das magische Klassenzimmer ein Herz für Tiere. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was es – oder besser gesagt: die Autorin – sich noch alles einfallen lassen wird.

Die Autorin

Tina Zang schreibt und übersetzt seit über 20 Jahren Kinder- und Jugendbücher. Sie ist Jahrgang 1960, lebt in Auenwald (was genau so idyllisch ist, wie es sich anhört) und genießt die Abwechslung zwischen der eher einsamen Schreibarbeit und den spannenden Reisen zu Lesungen, Recherchezielen, Autorentreffen und Workshops.

Die Illustratorin

Sandra Reckers lebt in Münster und hat dort Grafikdesign mit dem Schwerpunkt Illustration studiert. Seit ihrem Abschluss 2001 arbeitet sie als freiberufliche Illustratorin für verschiedene Verlage und hat bereits zahlreiche Kinderbücher illustriert.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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