Ute Wehrle: Bächle, Gässle, Katzenjammer. Kriminalroman (Katharina-Müller-Reihe, Bd. 6)

Ute Wehrle: Bächle, Gässle, Katzenjammer. Kriminalroman (Katharina-Müller-Reihe, Bd. 6), Meßkirch 2022, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-0102-2, Softcover, 320 Seiten, Format: 11,9 x 2,6 x 19,8 cm, Buch: EUR 13,00 (D), EUR 13,40 (A), Kindle: EUR 9,99.

Abb. (c) Gmeiner Verlag

Überraschung: eine Serie!

Nichts im Verlagskatalog oder im Buch selbst hat darauf hingedeutet, dass ich hier einen Band aus einer schon länger laufenden Serie erwischt habe. Beim Lesen habe ich mich gewundert, dass auf vergangene Ereignisse Bezug genommen und davon ausgegangen wird, dass man das Romanpersonal schon kennt. 

Eine eilige Recherche hat ergeben, dass es von der Autorin bereits fünf Vorgängerbände rund um die Freiburger Journalistin Katharina Müller (49) gibt. Nur sind die in einem anderen Verlag erschienen. Das ist in Ordnung, doch wenn ich es vorher gewusst hätte, hätte ich den Band nicht gelesen. Ich steige nicht gerne so spät in eine etablierte Reihe ein, weil einem da viel von der Vorgeschichte fehlt und man sich bei Insider-Anspielungen immer etwas ausgeschlossen fühlt. Aber jetzt ist es nun mal passiert.

Ein Jubilar dreht durch

Darum geht’s: Journalistin Katharina Müller vom Freiburger „Regio-Kurier“ und ihr Kollege Dominik sollen über die Jubiläumsfeier einer alteingesessenen Konditorei berichten. Ein Routinejob. Doch die Veranstaltung läuft total aus dem Ruder. Als der Seniorchef, Eberhard Waldvogel, seine Rede hält, verliert er den Faden, beginnt zu halluzinieren und dreht völlig durch.

Von ein, zwei Gläschen Sekt dürfte das nicht kommen, denn der alte Herr kann ordentlich was vertragen. Seine Tochter überspielt den peinlichen Zwischenfall gekonnt, seine Nichte kümmert sich um ihn. Hat dem Konditormeister etwa jemand Drogen untergejubelt? Und warum? Absichtlich hätte er so ein Zeug nie genommen. Die Nichte will das jetzt wissen.

Der Kater findet eine Leiche

Man könnte diese Episode als groben Unfug abtun, wenn nicht am nächsten Tag Kater Romeo, Mitbewohner der Lehrerin Sonja Holzer, über ein ermordetes Mitglied des Waldvogel-Clans stolpern würde. Jetzt ermitteln Hauptkommissar Jürgen Weber und seine Kolleg:innen. Und wenn Weber einen interessanten Fall hat, ist auch Katharina Müller nicht weit. Die beiden sind alte Freunde und scheinen sich schon aus der Schulzeit zu kennen. Sie tauschen ihre Informationen aus, was vielleicht nicht korrekt aber hilfreich ist.

Wurde Carina Hagemann ermordet, weil sie in kriminelle Machenschaften verwickelt war? Oder gab es Erbhändel mit den Waldvögeln? Hat ihr Tod etwas mit den seltsamen Ereignissen bei der Jubiläumsfeier zu tun? Will etwa ein bislang Unbekannter dem gesamten Familienclan ans Leder? Man weiß es nicht.

Eine wilde Geschichte

Die Kripo geht ihrer Arbeit nach, der „Regio-Kurier“ recherchiert, Kater Romeo und Dackel August schnüffeln auch noch in dem Fall herum. So kommt eine wilde Geschichte in Gang voller undurchsichtiger Finanzen, skrupelloser Ganoven, exzentrischer Patienten, distanzloser Nachbarinnen, durchgeknallter Esoteriker und verhaltensorigineller Kolleg:innen – wobei ich bei den Büroszenen immer erst überlegen musste: Sind das jetzt die Polizisten oder die Zeitungsleute? 

Und weil gerade Halloween ist, geistern auch noch ein paar junge Männer durch die Geschichte, die als wüst geschminkte „Erschrecker“ im Europapark Rust jobben. Diese Beschäftigung ist ebenso prekär wie exotisch – und mordsgefährlich obendrein.

Tumult und schräge Figuren

Der Humor kommt hier nicht zu kurz. Über einige Figuren und Begegnungen habe ich mich köstlich amüsiert und über Kater Romeos Betrachtungen der menschlichen Aktivitäten sowieso. Wer sich in Freiburg auskennt, hat noch viel mehr Spaß, weil ihm die Schauplätze vertraut sind. Da reichen ein paar Stichwörter, um bestimmte Bilder und Stimmungen zu erzeugen. Man kommt aber auch ohne detaillierte Ortskenntnisse mit.

Ich liebe ja schräge Nebenfiguren und tumultartige Szenen, in denen das Chaos heftig tobt. In diesem Punkt kommt man hier auf seine Kosten. Die Krimihandlung selbst hat mich aber nicht restlos überzeugt. Nachdem klar geworden ist, dass die zunächst Verdächtigen nur mit der IQ-Basisversion unterwegs sind und jemand deutlich Klügeres hinter den Machenschaften stecken muss, hatte ich einen spektakulär-genialen Masterplan erwartet. Und dann war doch alles anders.

Doch kein Masterplan?

Wer bitte ist für die Vermögensdelikte verantwortlich? Nee, sag bloß! – Wer ist das überhaupt? Blätter-blätter-blätter … ach so! Und das Motiv? Na ja … Und was ist nun mit dem toten Vampir-Darsteller, um den herum so viel gruselige Spannung aufgebaut wird, dass er es sogar in den Klappentext geschafft hat? Hm.

Als die große unbekannte Person, die im Hintergrund die Fäden gezogen hat, hätte man mir auch ein halbes Dutzend andere Romanfiguren verkaufen können. Klar, das könnte schon so gewesen sein. Logisch ist es. Aber entweder habe ich beim Lesen sämtliche Hinweise auf den Täter übersehen, weil ich in eine ganz andere Richtung dachte, oder es gab keine.

Ein überraschender Schluss ist immer dann klasse, wenn der Leser sich sagt: ‚Ah, ja klar! Richtig! Das kann nur so gelaufen sein. Jetzt sind endlich alle Puzzleteile an die richtigen Stellen gefallen!’ Hier dachte ich eher: ‚Na gut, okay.’

Ich würde von der Autorin jederzeit einen turbulenten Familienroman lesen, wenn sie so etwas schreiben würde, aber vermutlich keinen Krimi mehr.

Die Autorin

Ute Wehrle ist gebürtige Freiburgerin und studierte Touristik-Betriebswirtschaft in Heilbronn. Die langjährige Redakteurin einer Tageszeitung arbeitet zwischenzeitlich als freie Autorin und Journalistin. Von ihr sind bereits zahlreiche Krimis erschienen, die in Freiburg, im Schwarzwald und am Bodensee spielen. Daneben hat sie Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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