Susanne Goga: Schatten in der Friedrichstadt. Kriminalroman (Leo Wechsler, Band 8)

Susanne Goga: Schatten in der Friedrichstadt. Kriminalroman (Leo Wechsler, Band 8), München 2022, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21962-4, Softcover, 331 Seiten, Format: 18,8 x 2,4 x 12,1 cm, Buch: EUR 12,– (D), EUR 12,40 (A), Kindle: EUR 9,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) dtv

„Wer damals in einer Stadt lebte, in der die Zeitungsinhalte [vom Hugenberg-Konzern] bestimmt wurden, und Kinos besuchte in denen die Wochenschau der Ufa lief, bezog alle Nachrichten aus einer Hand, und damit auch Hugenbergs dezidiert deutschnationale Ansichten.“ (Seite 328) – Den Gegenpol bildete der Ullstein-Konzern mit seinen Zeitungen, Zeitschriften und Büchern und seinen liberal-demokratischen Ansichten.

Berlin 1928: Als der eigenbrötlerische aber sehr zuverlässige Journalist Moritz Graf seinen groß angekündigten Artikel nicht zur vereinbarten Zeit abgibt, sind sein Chef und seine Kollegen von der „B. Z. am Mittag“ beunruhigt. Hier stimmt was nicht! Hugo Behrendt geht den Kollegen suchen. Moritz Graf hat sich, um in Ruhe schreiben zu können, auf dem Flachdach des Ullstein-Gebäudes einen provisorischen Arbeitsplatz eingerichtet: Tisch, Stuhl, Aschenbecher, fertig. Doch da ist er nicht. Er liegt tot im Hof!

Tod eines Journalisten

Oberkommissar Leo Wechsler und seine Kollegen von der Inspektion A, zuständig für ungeklärte Todesfälle, sehen schnell, dass das kein Unfall war. Hier hat jemand nachgeholfen und den Journalisten über die Dachkante gestoßen. Warum? Gute Frage! Im Laufe seiner Karriere hat Graf sich natürlich einige Feinde gemacht. Ob er privat auch welche hatte, ist schwer zu sagen. Absolut niemand scheint ihn näher gekannt zu haben. Ein schwarzer Jazzmusiker soll ihn daheim besucht haben, heißt es. Und der obdachlose August Friese hatte offenbar Grund, sich an ihm für erlittenes Unrecht zu rächen. Also sucht die Polizei jetzt nach diesen beiden Männern.

Wir Leser:innen ahnen aber schon, dass man diesen Fall in einem größeren Zusammenhang betrachten muss. Die Autorin dürfte im Prolog aus gutem Grund den mutmaßlichen Unfalltod eines politisch einflussreichen Juristen erwähnt haben. Der Verstorbene war ein wichtiger Mann an einem entscheidenden Knotenpunkt im Presseimperium Hugenberg. 

Mediale Schmutzkampagne

Der Oberkommissar und seine Leute wursteln sich hartnäckig durch das komplexe Beziehungsgeflecht in der Medienwelt. Das stößt manchem dort sauer auf, und bald sieht sich Leo Wechsler im Zentrum einer medialen Schmutzkampagne. Als die Presseleute auch noch Leos Frau bedrohen, ist Schluss mit lustig. Wenn die Herrschaften dort Dreck am Stecken haben, werden Leo und seine Leute alles dransetzen, sie zur Strecke zu bringen, egal, wie sehr sie sich jetzt aufblasen. 

Besonders unangenehm fällt Dr. Clemens Marold auf, der ebenso charmante wie skrupellose Direktor der Zentralstelle der Redaktionen im August Scherl Verlag. Seine offensiv zur Schau getragene Abscheu gegenüber den Nationalsozialisten wirkt nicht ganz echt. Wer weiß, was er wirklich denkt und plant? Wir Leser:innen trauen ihm nicht, und Leo traut ihm auch nicht. Doch so mächtig und gut vernetzt, wie Marold ist, dürfte ihm schwer beizukommen sein. 

Mächtige Gegner

Wir werden das Gefühl nicht los, dass sich der Oberkommissar dieses Mal mit einer Gruppe von Leuten anlegt, die am längeren Hebel sitzt. Diesen Eindruck gewinnt bald auch Clara, Leos Frau. Wenn schon ihr Ex-Mann, Ulrich von Mühl, bei ihr anruft um sie vor einer drohenden Gefahr zu warnen, muss die K*cke wirklich am Dampfen sein. Clara und Ulrich haben sich ja wahrlich nicht im Guten getrennt!

Wer hier was zu verbergen hat oder im Schilde führt und wie die einzelnen Ereignisse zusammenhängen, kommt erst nach und nach ans Licht. Als Kenner:innen der Reihe wissen wir, dass Leo nichts unversucht lassen wird, um die Verantwortlichen für die Verbrechen hinter Gitter zu bringen. Die Verdächtigen wiederum bemühen sich nach Kräften, den unbequemen Oberkommissar kaltzustellen. Von ein paar dieser Leute werden wir wohl auch in Zukunft noch hören – und, wie ich fürchte, nichts Gutes.

Gesellschaftsroman mit Krimihandlung

Manche historische Kriminalromane sind „nur“ Krimis in einem exotischen Setting. Susanne Gogas Leo-Wechsler-Reihe empfinde ich eher als Gesellschaftsromane, die mit einer Krimihandlung als Aufhänger das Berlin zu Zeiten der Weimarer Republik lebendig werden lassen. Das Verbrechen, das im jeweiligen Band geschieht, ist immer an Zeit und Ort gebunden. Es wäre in einem anderen Umfeld oder in einem anderen Jahrzehnt so nicht begangen worden. 

Im vorliegenden Band bedingen der erstarkende Nationalsozialismus und die damalige Presselandschaft das Geschehen. Als altes Verlagswesen fand ich dieses Ermittlungsumfeld hochinteressant. Zugegeben: Es gibt in dieser Reihe spannendere Kriminalfälle. Ist das Mordopfer in einem Roman eine eher unsympathische Figur, die man nur ganz kurz kennenlernt, fiebert man als Leser:in bei der Tätersuche nicht ganz so stark mit. Fast interessanter als die Frage, wer den Journalisten auf dem Gewissen hat, fand ich die Geheimnisse und Verflechtungen in der Verlagswelt und die Frage, ob die Meinungsmacher es tatsächlich schaffen werden, die Polizei einzuschüchtern und in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Viele Personen …

Zum Seiteneinstieg in die Leo-Wechsler-Reihe ist dieser 8. Band nur bedingt zu empfehlen. Das ist mehr was für Insider, bei denen die Romanbelegschaft beinahe schon zur Familie gehört. Es sind hier nämlich ziemlich viele Personen unterwegs: Der Kommissar bringt mit Kollegen, Familie und Freunden schon eine Menge Stammpersonal mit, dazu kommen noch die Journalisten der verschiedenen Verlage sowie ein paar wichtige Nebenfiguren. Da wäre selbst für alteingesessene Leo-Fans ein Personenverzeichnis hilfreich gewesen. Auch ein Dutzend historische Persönlichkeiten hat kurze Gastauftritte, was der Geschichte einen zusätzlichen Touch von Authentizität verleiht, gleichzeitig aber die Personalfülle verstärkt.

Zeitreise erster Klasse

Als eine „Zeitreise erster Klasse“ bezeichnet die Autorin Rebecca Gablé die Leo-Wechsler-Reihe (siehe 3. Umschlagseite). Dem kann ich nur zustimmen. Und solange man diese Zeitreisen „buchen“ kann, bin ich mit an Bord – um mich intelligent unterhalten zu lassen, „alte Bekannte“ wiederzusehen und ein bisschen was dazuzulernen.

Die Autorin

Susanne Goga lebt als Autorin und Übersetzerin in Mönchengladbach. Sie ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Außer ihrer Krimireihe um Leo Wechsler hat sie mehrere historische Romane veröffentlicht und wurde mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Goldenen HOMER für „Mord in Babelsberg“ und dem Silbernen HOMER für „Nachts am Askanischen Platz“.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.