Angelika Godau: Luise und ihr Traum von morgen. Roman

Angelika Godau: Luise und ihr Traum von morgen. Roman. Bd 2 der Trilogie MEINE URURGROSSMUTTER AUS DER KAISERZEIT. Überarbeitete Neuauflage des 2016 im Gmeiner Verlag erschienenen Romans GRANNY UND DIE TOTE IM WALD, Zweibrücken 2022, independently published, ISBN 979-8-78637986-1, Softcover, 320 Seiten, Format: 12,7 x 1,85 x 20,32 cm, Buch: EUR 8,99, Kindle: EUR 3,49.

Abb.: A. Aldenhoven

Die Journalistin Sabrina Wagner, 26, allein erziehende Mutter von Isi (5) und Lasse (4), ist nicht besonders überrascht, als ihre zeitreisende Ururgroßmutter Luise Klewe (29) eines Morgens wieder unangemeldet bei ihr in der Wohnung auftaucht und sie um Hilfe bittet. Damit hat sie schon Erfahrung. Vor über einem Jahr haben die beiden gemeinsam den Mord an Luises heimlichem Lebensgefährten Otto von Wolfgram aufgeklärt. 

Die Zeitreisende ist zurück!

Jetzt ist Luise wieder zu ihrer Ururenkelin gereist, weil sie den Verdacht hat, dass ihr ehemaliger Arbeitgeber, der Kohlenhändler Blancke, seine Hausangestellte Hermine ermordet hat. Das ist nicht nur so ’ne fixe Idee! Die kluge und pragmatische Luise kann ihrer skeptischen Ururenkelin nachvollziehbar erklären, wie sie zu diesem Schluss gekommen ist. Jetzt will sie mit Sabrinas Hilfe Hermines Leiche finden, zumindest das, was in unserer Zeit noch davon übrig ist. Sie hat die Stelle im Wald, an der sie das Grab des jungen Mädchens vermutet, mit einer dauerhaften Markierung versehen.

Hm. Aus Sabrinas Sicht ist das alles 120 Jahre her. An der markierten Stelle könnte inzwischen eine Wohnsiedlung oder ein Supermarkt stehen. Außerdem: Wenn sie etwas finden, heißt das doch, dass Hermines Leiche zu Luises Zeit nicht entdeckt wurde und der Mordfall ungesühnt geblieben ist. So ganz leuchtet Sabrina das Vorhaben ihrer „Granny“ nicht ein. Aber, bitte, wenn sie meint …!

Ein riskanter Plan

Tatsächlich finden sie einen Hinweis darauf, dass an dem bewussten Ort vor langer Zeit ein Gewaltverbrechen stattgefunden haben könnte. Doch das reicht nicht, um den mutmaßlichen Täter zu überführen. Mit viel Mut und Gottvertrauen schmiedet Luise einen höchst riskanten Plan. Neben all dem anderen Stress, den Sabrina an der Backe hat mit Kindern, Katzen, Karriere (haha!) und einem unwirschen Ex-Gatten, sorgt sie sich jetzt auch noch um das Wohlergehen ihrer Vorfahrin. 

Als Leser:in denkt man, dass Luise sich ja gar nicht selbst in Gefahr begeben müsste. Der neue Mann an ihrer Seite, der gut situierte Heinrich von Raden, ist mit hohen Tieren aus Polizei und Staatsanwaltschaft befreundet, die selbst Interesse daran haben, den kriminellen Kohlenhändler aus dem Verkehr zu ziehen. Könnte sie nicht einfach diesen Leuten ihre Informationen zuspielen und sie die Arbeit machen lassen? Das sind schließlich Profis! Doch so einfach ist die Sache nicht. 

Es bleibt also bei Luises Plan. Dadurch werden mehr und mehr Leute aus ihrem persönlichen Umfeld in die Sache hineingezogen. Aber wie erklärt sie denen, was vorgeht, ohne ihre – für sie selbst unbegreifliche – Fähigkeit zur Zeitreise zu erwähnen? Sie möchte ja nicht, dass ihre Freunde sie für übergeschnappt halten. Vor allem nicht Heinrich von Raden, der ernste Absichten zu haben scheint, obwohl er ihre Vergangenheit kennt (Bd. 1: LUISE UND IHR TRAUM VOM GESTERN). Wird sie ihr Ziel trotz allem erreichen und den Kohlenhändler hinter Gitter bringen?

Gar nicht so verklemmt …!

Sabrina kann dieses Mal nicht viel mehr tun als im Internet zu recherchieren und im Wald buddeln. Ihre Rolle beschränkt sich auf die der Zuhörerin und Ratgeberin. Luise erzählt gern und viel – nicht nur über die Fortschritte bei ihren „Ermittlungen“, sondern auch über ihren Lover Heinrich. Und ich kann euch sagen: So prüde, wie wir immer denken, waren unsere Altvorderen gar nicht! 😀

Trotzdem gibt’s so einiges, was der Dame aus dem 19. Jahrhundert an unserer Gegenwart missfällt. Gottlos ist unsere Gesellschaft in ihren Augen, respektlos, vulgär und unmoralisch: Wie bitte? Frauen rasieren ihre Körperhaare? Da auch? Männer können Männer heiraten und Frauen Frauen? Bis zur Stunde hat Luise noch nicht mal gewusst, dass es lesbische Liebesbeziehungen überhaupt gibt! – Dagegen sind für sie Autos, Internet, Deosprays, Jeans, die Gleichberechtigung sowie die modernen Methoden der Empfängnisverhütung durchaus brauchbare Errungenschaften. Das hätte sie auch gern! 

Die Erfahrungen, die Luise bei ihren Zeitreisen macht, färben natürlich auf ihr Leben in ihrer Zeit ab. Manches, was sie bisher klaglos akzeptiert und nie hinterfragt hat, erscheint ihr auf einmal engstirnig und rückständig. Ihr Freund Heinrich weiß nicht so recht, ob er davon angetan oder schockiert sein soll. Wenn er erst wüsste, woher seine Angebetete ihre radikalen Ansichten hat! 

Krimi, Fantasy, Komödie?

Es ist gar nicht so leicht zu sagen, welchem Genre diese Roman-Trilogie zuzurechnen ist. Die Geschichte springt meines Erachtens zwischen mehreren Genres hin und her: Da ist 1. der historische Kriminalroman, 2. Fantasy (Zeitreise), 3. Chick-Lit (Sabrinas Leben) und 4. ein bisschen Kulturclash-Komödie, wenn die Vorstellungen der nahezu gleichaltrigen Frauen, die in unterschiedlichen Jahrhunderten und Gesellschaften sozialisiert wurden, aufeinanderprallen.

Es ist interessant zu sehen, wie anders Luise in der jeweiligen Umgebung wirkt. Kommt sie uns im 21. Jahrhundert naiv, spießig und frömmlerisch vor, erleben ihre Zeitgenossen sie als ungewöhnlich offen, selbstbewusst und kämpferisch. Okay: In ihrer eigenen Zeit fühlt sie sich auch nicht so oft genötigt, mit missbilligenden Blicken und maßregelnden Bibelzitaten um sich zu werfen wie in unserer. Trotzdem ist es manchmal kaum zu glauben, dass das ein und dieselbe Person ist.

Die moderne Hektik ist Luises Sache nicht. Sie lässt sich nicht hetzen. Sie erzählt, was sie will, wann sie will und in ihrem Tempo, da kann Sabrina noch so ungeduldig drängeln. Wenn es ihr zu bunt wird, verstummt sie und verschwindet. Was es mit ihrem Bekannten Willi S. auf sich hat, auf den sie uns am Anfang neugierig macht (S. 8 und 9), werden wir wohl nie erfahren. Willi kann auch nichts mit Werner S. zu tun haben, von dem sie später berichtet. Dazu passt ihre Kurzfassung nicht. Vielleicht hat sie ihn auch nur erfunden, um ihre naseweise Ururenkelin zu foppen. Ich traue es ihr zu.

Gesellschaft im Wandel der Zeit

Mir ist es egal, ob das Buch in ein gängiges Genre passt oder nicht – ich amüsiere mich! Mir gefällt vor allem die unterhaltsame und informative Gegenüberstellung der gesellschaftlichen Konventionen des 19. und 21. Jahrhunderts, die durch die Zeitreisegeschichte so richtig greifbar wird. Die Krimihandlung nehme ich als spannungstreibendes Element gerne mit. Und natürlich die Katzen, die munter durch Sabrinas chaotisches Leben toben.

Dieses Buch wird demnächst mit neuem Cover erscheinen. Bei der Gelegenheit werden auch im Innenteil ein paar unnötige Textumbrüche beseitigt, die den Lesefluss hemmen. Meine Ausgabe hat dieses kleine Manko noch, aber das ist dann bald … Vergangenheit.

Die Autorin

Angelika Godau, geboren in Oberbayern, hat in verschiedenen Regionen Deutschlands gelebt und fast 10 Jahre lang in der Türkei. Sie hat als Journalistin gearbeitet, Psychologie studiert und in Mannheim eine eigene Praxis betrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann, zwei Hunden und einer Katze in Zweibrücken, schreibt Bücher und engagiert sich im Tierschutz.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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