Hilfe!

Anderen zu helfen sei ein Zeichen von Anstand, hieß es bei uns daheim. Hilfe zu benötigen und darum bitten zu müssen gilt als Zeichen der Schwäche. Das ist höchstens im sippeneigenen Austauschprogramm statthaft, wenn ein riesiges Projekt ansteht: Alle helfen zusammen und bauen ein Haus für A. Dann dreht sich die Meute geschlossen um und baut ein Haus für B.

Wer seinen alltäglichen Kram einfach nicht allein geregelt kriegt, der hat versagt. Das habe ich verinnerlicht, und deshalb ärgere ich mich auch so, weil ich, seit ich als Witwe vor mich hinwurstle schon ein halbes Dutzend mal vor meiner eigenen Unfähigkeit kapitulieren und Freunde und Verwandte um Unterstützung bitten musste.

Das nervt mich natürlich, weil ich nicht gern als Versager dastehe, der sein Leben nicht auf der Reihe hat. Das ist mir außerdem noch unangenehm, weil ich die kostbare Zeit von Menschen beanspruche, die ähnlich viel an der Backe haben wie ich. Aber manchmal habe ich es einfach nicht vermeiden können.

  • Ich habe nicht gewusst, wie man den neuen Rasenmäher zum Laufen kriegt. Rasenmähen war die Arbeit vom Chef. Meine Cousine musste mir das erst zeigen.
  • Ich hab‘ die Badezimmerlampe nicht mehr zum Leuchten gebracht, obwohl ich Leuchtstoffröhren und Starter korrekt ausgetauscht hatte. Dass eine Röhre schon beim Kauf kaputt war, auf die Idee wäre ich im Leben nicht gekommen. Ich habe den Fehler natürlich zuerst bei mir selbst gesucht.
  • Ich konnte den Klodeckel nicht austauschen, weil die Schrauben vom alten Deckel nicht aufbekam.
  • Ich konnte die Möbel auf dem Dachboden nicht alleine zerlegen und auslagern. Und wenn die Renovierungsarbeiten dort abgeschlossen sind, werde ich wieder Hilfe brauchen, um das Zeug vom Zwischenlager zurück in meine Dachbodenkammer zu expedieren.
  • Zweimal musste ich einen Verwandten bitten, mir ein paar Kartons voller Dachboden-Gedöns zum Zwischenlagern in die Garage meines Elternhauses zu fahren. Auto habe ich ja keins.
  • Einer der Fernseher spinnt, flackert und geht immer an und aus, und der Heizkörper im Bad sabbert Wasser. Beides kriege ich nur notdürftig und vorübergehend wieder hin. Das jeweilige Grundproblem kenne ich nicht kann es deshalb auch nicht beheben.

„Bist halt kein Mann“, sagt mein Vater. „Ein Mann könnte das. Ein Haus ohne Hausherr ist eben ein Waisenkind.“

Ich hatte ja einen Mann, einen begabten Handwerker sogar. Nur ist der jetzt leider tot. Und ich muss mir den Vorwurf gefallen lassen, dass ich zu wenig von ihm gelernt habe. Ja, zum Kuckuck, ich habe halt nicht damit gerechnet, dass er stirbt!

Wir hatten eine gewisse Arbeitsteilung. Wir haben beide Vollzeit gearbeitet, ich habe daheim aufgeräumt, geputzt, gewaschen, gebügelt, einen Teil der Einkäufe erledigt – gekocht hat er. Ich habe die Haustiere versorgt, das Schriftliche, Organisatorische und Kaufmännische erledigt, mich wo nötig um die Belange meiner Eltern gekümmert und mit der Unterstützung des Mannes die Familiengeschäfte am Laufen gehalten: Immobilien gekauft, gebaut, vermietet, verwaltet, renovieren lassen …

Ich habe getan, was ich konnte und ich tue es noch. Pech nur, dass ich nicht auch noch das Heimwerken erlernt habe und vom Schreinern, Klempnern und dem Elektrischen keine Ahnung habe!

Jetzt warte ich nur noch auf das Geschrei der üblichen Verdächtigen: „Frauen und Technik!“
Mit der Technik hätte der Gatte sich natürlich leichter getan als ich. Er hätte die Krise mit dem Kaufmännischen gekriegt, wenn er mich überlebt hätte. Und mit der Wäsche. 😉

Nicht alle Menschen sind Multitalente. Meine Familie musste sich notgedrungen zu „Universaldilettanten“ entwickeln. Da macht jeder alles, das Schriftliche und das Technische. Nicht perfekt, aber irgendwie so, dass es halt passt. Mein Leben ist jedoch anders verlaufen. Ich habe Dinge gelernt, die mir zwar mein Auskommen sichern, die jetzt aber bei Reparaturen im und ums Haus herum nicht von Nutzen sind. Und nun bin ich auf einmal ein lebensuntüchtiger Versager. So habe ich mich nie gesehen, und ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es mal soweit kommt.

Was soll man denn Frauen raten? „Verlasst euch auf niemanden! Lernt alles, damit ihr notfalls ohne fremde Hilfe auskommt!“? Oder: „Scheut euch nicht, um Hilfe zu bitten. Niemand schafft alles alleine.“?

Foto: (c) Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: (c) Rainer Sturm / pixelio.de

Foto: Rainer Sturm / www.pixelio.de

 

5 Kommentare

  1. Liebe Edith,
    um mit der Antwort auf deine Frage zu beginnen: Frauen und Männern sollte man raten,, um Hilfe zu bitten – und nicht alle Männer sind technisch und handwerklich begabt oder trauen sich Falter anzufassen 🙂 Dazu eine Anekdote aus meiner Stuttgarter Zeit. Ein Riesenfalter in meiner Wohnung, ich Panik, rauf zu den Nachbarn. O-Ton zur NachbarIN: „Ich wollte fragen, ob Ihr Mann den Falter entfernen kann.“ Sie: „Das kann er nicht, er hat Angst vor Faltern, aber ich komme eben mit runter und mache ihn weg.“
    Und was das „Um Hilfe bitten“ angeht, so habe ich schon als Kind die Theorie entwickelt, dass es einen Hilfe-Kreislauf gibt – der eine hilft dem anderen, der einem anderen … und irgendwann kommt die Hilfe wieder beim ersten an. Wenn man sich das vor Augen führt, ist es gar nicht mehr schwer, jemanden um Hilfe zu bitten.
    Fazit: Mach das, was du kannst oder auch, was dir Spaß machen würde und bitte für den Rest die Experten in deinem Netzwerk um Hilfe. Ich finde übrigens, dass Allrounder, die man bei den von dir geschilderten Problemen buchen kann, fehlen. 🙂
    Liebe Grüße
    Birgit

    1. Das mit dem Hilfekreislauf hoffe ich auch. Ich hab am Wochenende zu Schwager und Schwägerin gesagt, dass ich gar nicht weiß, wie ich mich für ihre praktische Hilfe revanchieren kann, weil ich ja gar nix kann, was sie gebrauchen könnten. Auf der anderen Seite helfe ich wiederum anderen Menschen, die auch nicht so recht wissen, wie sie das wieder gutmachen können. Wenn einfach jeder da einspringt, wo Not am Menschen ist, dann müsste auf lange Sicht jedem geholfen sein.

  2. „Und nun bin ich auf einmal ein lebensuntüchtiger Versager. So habe ich mich nie gesehen, und ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es mal soweit kommt.“

    Bist du nicht. Ihr wart sehr lange ein eingespieltes Team, und wenn davon die Hälfte wegfällt, kann man das eben nicht einfach so mal eben auffangen. Also lass dir nix einreden, du tust, was du kannst, und das muss reichen. Beim Gatten und mir wäre das genauso, nur dass ich den Buchhaltungskram auch nicht kann.

    „Ich hab am Wochenende zu Schwager und Schwägerin gesagt, dass ich gar nicht weiß, wie ich mich für ihre praktische Hilfe revanchieren kann, weil ich ja gar nix kann, was sie gebrauchen könnten.“

    Im Moment vielleicht nicht, aber es kann sich ja später immer noch etwas ergeben, womit du dich erkenntlich zeigen kannst. Und der gute Wille zählt ja schließlich auch.

    Sei also nicht so streng mit dir selbst und sag im Notfall denen, die an dir rumkritisieren ganz klar, was sie dich können.

    Hat dein Vater nach dem Tod deiner Mutter eigentlich alles gewuppt, was sie vorher gemacht hat? Ich denke nicht. Auch er wird Hilfe bekommen und angenommen haben. Also mach du das doch auch einfach.

    Liebe Grüße!

  3. Mein Vater hatte mehr Zeit, in seine Rolle als „Alleinkasper“ hineinzuwachsen, weil meine Mutter jahrelang krank war und immer weniger tun konnte. Zum Schluss war sie im Pflegeheim und er musste schon anderthalb Jahre alleine daheim wirtschaften, bevor sie starb. So gesehen war er besser vorbereitet als ich. Ich bin morgens zur Arbeit gegangen und als ich nachmittags heimkam, war der Mann tot.

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