Luc Semal (Text), Yannick Fourié: Bestiarium. Zeugnisse ausgestorbener Tiere

Luc Semal (Text), Yannick Fourié (Fotos): Bestiarium. Zeugnisse ausgestorbener Tiere, Bern 2014, Haupt-Verlag, ISBN 978-3-258-07873-1, Hardcover, durchgehend farbige Abbildungen, Format: 23 x 2 x 34 cm, EUR 39,90.

Abbildung: © Haupt-Verlag
Abbildung: © Haupt-Verlag

„Eine Spezies gilt in der Regel dann als ausgestorben, wenn kein begründeter Zweifel daran besteht, dass all ihre Vertreter tot sind.“ (Seite 145)

Dieses großformatige, aufwändig gestaltete und auf hochwertigem Papier gedruckte Buch präsentiert uns faszinierende Porträts von 69 ausgestorbenen Tierarten. Man könnte auch sagen, es sind Nachrufe. Die Tiere wurden aus der Sammlung des Naturkundemuseums Naturalis im niederländischen Leiden ausgewählt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Säugetieren und Vogelarten, obwohl natürlich auch jede Menge Reptilien, Fische, Insekten und Weichtiere ausgestorben sind, viele davon vermutlich, noch ehe der Mensch sie überhaupt entdeckt hatte. Aber welche Leser interessieren sich schon für tote Käfer und Schnecken? Und so erfolgte die Auswahl subjektiv. Es werden hauptsächlich Sympathieträger vorgestellt.

Dass Arten und Unterarten entstehen und wieder verschwinden ist eigentlich normal. Das hat mit geologischen und klimatischen Ereignissen zu tun, mit der Evolution und der Diversifizierung. Was nicht mehr „normal“ ist, ist die Geschwindigkeit, mit der das seit ein paar Jahrhunderten geschieht. Hat das Aussterben rein natürliche Ursachen, dauert der Prozess unter Umständen Jahrmillionen und betrifft vielleicht eine Handvoll Spezies pro Jahrhundert. In den vergangenen 100 Jahren sind jedoch etwa 260 Wirbeltierarten ausgestorben – aufgrund menschlicher Aktivitäten. Und es hört nicht auf.

Für die Tierwelt sind wir Menschen eine Katastrophe ähnlichen Ausmaßes wie der Einschlag eines kolossalen Meteoriten oder gigantische Vulkanausbrüche. Wir besiedeln alle bewohnbaren Kontinente, erschließen sie landwirtschaftlich und industriell und rauben den Tieren ihre Lebensräume.

In prähistorischer Zeit hat der Homo sapiens allenfalls den Untergang ohnehin schon geschwächter Arten durch Bejagung beschleunigt. Mehr konnten so ein paar Menschlein nicht anrichten. Vielleicht haben die australischen Aborigines vor 45.000 Jahren von den sich langsam vermehrenden Riesenbeutlern ein paar zu viele erlegt und diese konnten die Verluste nicht aufstocken. Das Schicksal des Wollmammuts hat vor 4.000 Jahren hat wohl eine Mischung aus Lebensraumverlust und Bejagung besiegelt. Je zahlreicher und mobiler der Mensch wurde, desto schlimmer wurde es. Durch Forschungsreisen und Kolonialisierung ist dann deutlich mehr Schaden entstanden – unwissentlich, fahrlässig oder gar mutwillig.

Im Prinzip ist für das Aussterben einer Art immer einer der im folgenden genannten Ursachen verantwortlich:

  • Naturereignisse/klimatische Veränderungen,
  • Rückgang des Lebensraums,
  • Bejagung, gelegentlich auch in Verbindung mit naiver Zutraulichkeit der Tiere, die den Menschen nicht als Feind wahrnehmen,
  • (Eingeschleppte) Krankheiten,
  • Eingeschleppte Fressfeinde,
  • Eingeschleppte Tiere (Neozoen), die sich als überlegene Konkurrenten um Nahrung und Lebensraum entpuppen und die endemischen Tiere verdrängen.

Manch einer Vogel-, Reptilien- oder Kleinsäugerart wurde der Garaus gemacht, weil mit den Schiffen der Menschen auch Ratten, Katzen und manchmal auch Schlangen an Land kamen – Feinde und Konkurrenten, denen die einheimischen Tiere nichts entgegenzusetzen hatten.

Fahrlässig wird es immer dann, wenn Menschen absichtlich Tiere in einem fremden Lebensraum aussetzen und damit ins dortige Ökosystem eingreifen – mit unabsehbaren Folgen. So hat man z.B. auf Jamaika Mangusten zur Bekämpfung der Schlangen eingeführt und die Gallwespenschleiche, eine 40 cm lange endemische Echse, gleich mit ausgerottet.

Von der nordamerikanischen Wandertaube gab es so viele, dass die Menschen sie für eine unerschöpfliche Jagdbeuten-Quelle hielten. „Der Ornithologe Alexander Wilson beobachtete 1810 einen immensen Schwarm, der, wie er schätzte, aus mehr als 2 Milliarden V ö g e l n bestand.“(…) Es gab Jagdwettbewerbe, bei denen ein Teilnehmer mitunter erst nach dem Abschuss von 30.000 V ö g e l n siegte (Seite 88). Das konnte natürlich nicht ewig so weitergehen. Tat es auch nicht. Um 1914 starb das letzte Wandertauben-Exemplar im Zoo von Cincinnati.

Wenn man die Berichte liest, schämt man sich manchmal dafür, ein Mensch zu sein: Wenn Tiere aus Spaß an der Freud gejagt wurden … wenn die Römer sie zu Hunderten bei Zirkusspielen verheizten … wenn man sie wegen ihres Fells oder ihrer Federn ausgerottet hat … wenn man ihre fehlende Menschenscheu oder ihre Unbeholfenheit ausnutzte wie beim Falklandwolf, beim Dodo (Dronte) oder dem Riesenalk.

Von Rückzüchtungen wie der des Auerochsen oder des Steppenzebras Quagga hält der Autor nichts. Die Tiere sehen zwar so ähnlich aus wie die verschwundene Art, es ist aber nur eine Imitation. Er stellt die berechtigte Frage: „Werden wir durch die Pflege der Illusion, dass wir erloschene Arten wieder zum Leben erwecken können, nicht dazu verleitet, uns weniger stark für den Schutz bedrohter Arten einzusetzen?“ (Seite 150)

Manche Tierarten überleben heute nur durch medizinischen Beistand – wie der kalifornische Kondor -, unter menschlicher Aufsicht – wie der Kakapo (flugunfähiger Eulenpapagei) oder gleich in Gefangenschaft – wie der Spix-Ara. In ihrem natürlichen Habitat hätten sie keine Überlebenschance. Da ist es ist zu gefährlich für sie geworden.

Es ist ein Jammer. Und es ist eine Schande. Die amerikanische Wandertaube hätten viele von uns gerne gerne mal in großen Schwärmen fliegen gesehen. Und ich hätte mich gefreut, den neuseeländischen Weißwangenkauz mal „kennenzulernen“. Er war ein Vogel, der sich vom Klang eines Akkordeons anlocken ließ, weil die Töne des Instruments seinem Ruf so ähnlich waren. Sanft und leicht zu zähmen sei gewesen, heißt es. Klingt nach einem netten kleinen Kerl, dem wir ein Leben in Freiheit von Herzen gegönnt hätten.

Der präparierte Weißwangenkauz sieht auf dem Foto in dem Band geradezu lebendig aus. Die meisten anderen Präparate wirken sehr tot, sehr dunkel, ein bisschen zerrupft und reichlich gruselig. Alle sind vor schwarzem Hintergrund fotografiert, manchmal sieht man nur einen kleinen Ausschnitt von dem Tier. Das ganze hat was von „Nachts im Museum“. Wie die Tiere zu Lebzeiten ausgeschaut haben, sieht man jeweils in den kleinen Illustrationen am Kopf des Textteils.

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Foto: © Haupt-Verlag

Glossar, Register, Bibliographie und eine Autoren-Biographie im Anhang liefern eine Vielzahl ergänzender Informationen.

Gut. Wenn wir das Buch gelesen haben, wissen wir, was wir schon alles ausgerottet haben. Und was tun wir jetzt, damit das nicht immer und immer so weitergeht? Der Autor meint dazu: „Abgesehen von dringend erforderlichen Schutzprogrammen, besteht eine zunehmende Notwendigkeit, sich von gewinnorientiertem Denken loszusagen, weil es den tödlichen Prozess des (…) Massensterbens beschleunigt. Notwendigkeit, weil sich am Horizont bereits eine Art Punkt ohne Wiederkehr abzeichnet, an dem die Destabilisierung der Biodiversität den Fortbestand unserer Gesellschaft gefährden würde.“ (Seite 9)

Ich fürchte, dass selbst der drohende eigene Untergang den Menschen nicht zum Umdenken bewegen wird. Das Thema ist deprimierend. Das Buch hochinteressant.

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Mein tierischer Assistent Yannick sieht das auch so.

Der Autor
Luc Semal, geboren 1982 in der Region Lille/Frankreich, ist promovierter Politikwissenschaftler und als Lehrbeauftragter am Muséum national d‘ Histoire naturelle in Paris tätig.

Rezensent: Edith Nebel

EdithNebel@aol.com
http://www.boxmail.de

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