Martin Baltscheit (Text), Wiebke Rauers (Bilder): Nur ein Tag (6 – 8 Jahre)

Martin Baltscheit (Text), Wiebke Rauers (Bilder): Nur ein Tag (6 – 8 Jahre), Hamburg 2016, Dressler Verlag, 978-3-7915-2702-4, Hardcover, 105 Seiten, durchgehend farbige Abbildungen, Format: 17,1 x 1,5 x 23,8 cm, Buch: EUR 12,99 (D), EUR 13,40 (A), Kindle Edition: EUR 9,99, wird auch als Hörbuch angeboten.

Abbildung: (c) Dressler Verlag
Abbildung: (c) Dressler Verlag

Das Buch NUR EIN TAG basiert auf Martin Baltscheits erfolgreichen gleichnamigem Kindertheaterstück. Wenn man das weiß, kann man gar nicht mehr umhin, sich beim Lesen die Akteure auf einer Bühne vorzustellen: Der coole Fuchs und das behäbige Wildschwein, zwei gute Kumpels, sitzen gemütlich am See, essen, trinken und schauen ins Wasser. Da sehen sie, wie eine Eintagsfliege schlüpft. Erster Impuls: Reißaus nehmen. Denn wenn das Wesen nett ist und man sich mit ihm anfreundet, muss man am nächsten Tag schon einen traurigen Abschied nehmen. Wie der Name schon sagt: eine Eintagsfliege hat nur ein sehr kurzes Leben.

„Der Tod ist wie das Leben – unvermeidbar“, philosophiert der Fuchs. „Niemand weint über das Leben und deshalb sollte auch keiner über den Tod weinen.“ (Seite 12). Und so bleiben sie sitzen und sehen der Eintagsfliege zu.

Theater Ulm, www.youtube.com

Die Fliege entpuppt sich als ganz reizendes kleines Mädchen, das keine Ahnung hat von seinem Schicksal. Sie hält sich für eine Maifliege, die für ihre Lebenspläne jede Menge Zeit hat. Und sie hat viel vor: „Erstens einen Beruf lernen, zweitens heiraten, drittens alt werden und dann natürlich noch ein paar Sprachen lernen.“ (Seite 20).

Die zwei Kumpels bringen es nicht fertig, ihr zu sagen, dass ihr dafür allerhöchstens 24 Stunden bleiben. Aber das Insektenmädchen ist nicht blöd und merkt, dass ihre neuen Freunde traurig sind. Als Notlüge tischen sie ihr auf, dass der Fuchs nur noch einen Tag zu leben habe. Nachdem die Fliege sich von ihrem Schock erholt hat, übernimmt sie das Kommando. Sie werden den Fuchs glücklich machen. „Wer nur einen Tag hat, braucht das ganze Glück in 24 Stunden.“ (Seite 25)

Das ganze Glück in 24 Stunden


Und so sorgt die kleine Fliege dafür, dass der Fuchs in die Schule geht, was allerdings nicht so sein Ding ist. Dafür darf er danach nach Herzenslust auf einem Hühnerhof die Hennen herumjagen. Wildschwein, Fuchs und Fliege spielen Vater, Mutter, Kind und arbeiten das Verlieben, Heiraten, Kinderkriegen, Altwerden, Sterben, Zurückbleiben, Trauern und Erinnern innerhalb weniger Stunden ab. Sie lachen, weinen, kämpfen, streiten und feiern und haben einen sensationellen Tag. Bis sich einer der Kumpels verplappert und offenbar wird, dass nicht das Leben des Fuchses, sondern das der Fliege nur einen Tag währt.

Entsetzt flieht das Insekt. Wenn die Jungs recht haben, haben sie ihr wertvolle Lebenszeit gestohlen. Fast hätte sie vergessen, wozu sie auf der Welt ist. Den jammerlappigen Artgenossen, der seine Lebensminuten rückwärts zählt und ihr zuruft: „Schätzchen, du bis hier um zu sterben!“ (Seite 86) ignoriert sie. Dass ihr Ende naht, ist ihr bewusst. Aber vorher hat sie noch etwas Wichtiges zu erledigen.

Wird ihr gelingen, was sie sich vorgenommen hat? Und wird sie ihre Freunde, den Fuchs und das Wildschwein, noch einmal wiedersehen? Trauen die zwei sich überhaupt, ihre todgeweihte Freundin bis zu Schluss zu begleiten oder kneifen sie?

Diese Geschichte vom Leben und vom Sterben ist lustig und traurig zugleich. Ich frage mich, ob Sechsjährige, die laut Verlagsangabe schon zur Zielgruppe gehören, die Geschichte bereits verstehen. Im Buch wie im Theater werden sie die Faxen mitkriegen, die die Tiere machen, um ihren Tag so schön und aufregend wie möglich zu gestalten und ihre Zeit optimal zu nutzen. Aber ob sie die dahinterliegende Botschaft kapieren, dass das Leben endlich ist? Müssen sie das überhaupt schon wissen?

Zu jung für die Botschaft?


Ob und wann dieses Buch die passende Lektüre für ein Kind ist, werden die Erwachsenen in dessen Umfeld entscheiden müssen. Sensible und besonders phantasiebegabte Kinder werden sich vielleicht nicht mehr einzuschlafen trauen, aus Angst, am nächsten Morgen nicht wieder zu erwachen.

Manche Fremdwörter, fremdsprachliche Vokabeln oder philosophischen Bemerkungen gehen ganz sicher über die Köpfe der Kinder hinweg. Das ist eher was für die erwachsenen Vorleser oder Theaterbesucher. Wenn die Kinder nachfragen, kann man ihnen ja erklären, was gemeint ist. Wenn sie nicht fragen, verpassen sie nichts für sie Entscheidendes.

Da das Buch von einem Theaterstück „abstammt“ ist es natürlich sehr dialoglastig. Dass man trotzdem immer weiß, wer gerade was sagt, liegt unter anderem daran, dass die Texte in unterschiedlichen Farben gesetzt sind. Was die Fliege sagt, steht beispielsweise in grünen Buchstaben da, was der miesepetrige Fliegerich erzählt, ist blau. Ich habe das Gefühl, wenn man das Buch vorliest, ist man stark in der Versuchung, die Texte nicht nur zu sprechen, sondern regelrecht zu spielen. 😉

Als erwachsene Leserin fand ich die Geschichte faszinierend. Ob sie als Kinderbuch funktioniert, dessen bin ich mir nicht ganz so sicher. Wenn das aufregende Spektakel, das ein Kindertheater bietet, wegfällt, ist das, was übrigbleibt, nicht einfach nur eine tieftraurige Geschichte? Ist es denn ein tröstlicher Gedanke für einen Grundschüler, dass die Tiere zusammen einen Tag lang sehr viel Spaß hatten, bevor eines davon gestorben ist? Oder ist es überbehütend von mir, wenn ich so junge Menschlein noch nicht mit Gedanken an Tod, Trauer und Verlust belasten möchte? Vielleicht fordert diese Lektüre auch einfach nur eine besonders einfühlsame Begleitung.

NUR EIN TAG ist also kein ganz einfacher Stoff. Nachdem ich dieses Buch gelesen habe, würde ich allerdings sehr gerne mal eine Theateraufführung des Stücks sehen …

Der Autor
MARTIN BALTSCHEIT wurde 1965 in Düsseldorf geboren, studierte Kommunikationsdesign und ist Illustrator, Sprecher, Schauspieler, Buch-, Hörspiel- und Theaterautor. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Preise, darunter alle deutschen Staatspreise, wie den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Deutschen Kurzfilmpreis und den Deutschen Jugendtheaterpreis. Für »Nur ein Tag« wurde Baltscheit 2014 mit dem Kinder- und Jugendhörbuchpreis ausgezeichnet.

Die Illustratorin
WIEBKE RAUERS geboren 1986, studierte Kommunikationsdesign mit dem Schwerpunkt Illustration in Düsseldorf. Nach ihrem Diplom 2011 zog sie nach Berlin und arbeitete dort fünf Jahre als Charakterdesignerin in einem Animationsfilmstudio. Seit 2015 ist sie Freiberuflerin in Berlin und arbeitet an Apps, Ausstellungen und allem, was mit Zeichnen zu tun hat. »Nur ein Tag« ist das erste Kinderbuch, das sie illustriert hat.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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