Silke Ziegler: Im Schatten des Sommers. Kriminalroman

Silke Ziegler: Im Schatten des Sommers. Spurensuche im Roussillon. Kriminalroman, Dortmund 2016, Grafit Verlag, ISBN 978-3-89425-481-0, Softcover, 507 Seiten, Format: 11,6 x 4,5 x 19 cm, Buch: EUR 12,00, Kindle Edition: EUR 9,99.

Abbildung: (c) Grafit-Verlag

Argelès-sur-Mer, Südfrankreich, im August 1992: Trotzig bleibt die elfjährige Sophia Mildner im Auto sitzen, während ihre Eltern zusammen mit ihrem zweijährigen Bruder Frederick in den Supermarkt gehen. Sophia hat keinen Bock auf Einkaufen und noch weniger darauf, gleich den Geburtsort ihrer Mutter, der Französin Carine Duchamps, kennenzulernen. Sie hätte den Ferientag viel lieber am Strand verbracht.

Im Supermarkt spurlos verschwunden


Ihre Sturheit rettet Sophia das Leben. Ihre Familie kommt nämlich nicht mehr zurück. Auf dem kurzen Weg vom Parkplatz in den Laden verschwinden die Mildners spurlos. Am nächsten Tag werden in der örtlichen Markthalle riesige Blutlachen entdeckt. Die Polizei ist überzeugt davon, dass die deutsch-französische Familie genau dort ermordet worden ist. Die Leichen werde nie gefunden, Motiv und Täter auch nicht.

Sophie wächst bei Verwandten ihres Vaters in Weinheim auf und kommt trotz vieler Therapiestunden mehr schlecht als recht mit dem Trauma des Verlusts klar. Panikattacken begleiten sie. Erst mit Mitte 30, als sie schon eine erfolgreiche und beliebte Tierärztin ist, lassen diese Anfälle nach und Sophia hat endlich das Gefühl, ihr Leben halbwegs im Griff zu haben.

Frühjahr 2016: Aus heiterem Himmel erhält Sophia Mildner einen Anruf von einem Polizeibeamten aus Perpignan/Roussillon. In Argelès ist ein schwer verletzter Unbekannter direkt vor ein Auto gelaufen und liegt jetzt unansprechbar im Krankenhaus. Er hatte ein Foto von Sophia und ihrer Mutter dabei und einen Zettel mit der alten Adresse der Mildners. Ist der Mann Sophias seit 24 Jahren vermisster Vater? Die Tierärztin überlässt ihre Praxis einer Vertretung, schnappt sich ihren Labrador Tim und fährt nach Südfrankreich.

Ist der Unbekannte der vermisste Deutsche?


Der Schwerverletzte erweist sich als Lehrer aus der Normandie, der mit den Mildners bisher überhaupt nichts zu tun hatte. Wie er zu dem Foto und der Adresse kommt, was er damit wollte und wer ihn niedergestochen hat, bleibt ein Rätsel.

Eher widerwillig rollt Capitaine Nicolas Rousseau (39) von der Police Nationale den Vermisstenfall Mildner wieder auf. Er hat ungute Erinnerungen daran. Sein Vater hatte damals zu den ermittelnden Beamten gehört und sich zwei Jahre lang in die Ermittlungsarbeit verbissen. Das hat ihn fast umgebracht. Unter den schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen leidet er noch heute– und mit ihm die ganze Familie Rousseau.

Die plötzliche Dienstunfähigkeit des hartnäckigen Polizisten ist damals manchen Leuten offenbar sehr gelegen gekommen. Der Fall wurde ruckzuck abgeschlossen, obwohl manche Fragen nie beantwortet oder gar nicht erst gestellt worden waren. Dass da gemauschelt und gepfuscht worden ist, wird Nicolas immer klarer, je tiefer er in die Materie eindringt. Was ihm gar nicht passt: Dass sich Sophia Mildner samt Hund an seine Fersen heftet. Sie will erst wieder nach Hause fahren, wenn sie herausgefunden hat, was vor 24 Jahren mit ihrer Familie geschehen ist. Er würde sie gerne loswerden, aber er braucht ihr Wissen über den Fall. Und vielleicht reden ja manche Menschen eher mit einer Frau, die ihre vermisste Familie sucht als mit einem Polizisten. Also ermitteln und streiten sie, bis ihnen klar wird, dass der jeweils andere gar nicht so übel ist … und durchaus attraktiv.

Wer war Sophias Mutter wirklich?


Doch jetzt keine gute Zeit, um sich zu verlieben. Nicolas hat eine Menge familiärer Probleme an der Backe, Sophia kämpft mit ihren Panikattacken – und mit der erschreckenden Erkenntnis, dass rein gar nichts, was ihre Mutter über ihre Jugend in Frankreich erzählt hat, der Wahrheit entspricht. Wer war Carine Duchamps wirklich? Hat sie etwas mit dem organisierten Verbrechen zu tun gehabt? Bald hat Capitaine Nicolas Rousseau, der sich die Zeugen von damals nochmals vornimmt, einen noch viel ungeheuerlicheren Verdacht …

Es ist das Albtraum-Szenario schlechthin, dass nahe Angehörige verschwinden und man ein Leben lang im Ungewissen leben muss. Für Sophia geraten durch ihre Ermittlungen mit Nicolas auch noch die letzten Gewissheiten ins Wanken. Was immer sie über ihre Eltern zu wissen meinte, stellt sich im Nachhinein als falsch heraus.

Spannung super, Horror-Element überflüssig


Man liest wie besessen weiter, um endlich zu erfahren, in welchen Schlamassel Carine und Stefan damals hineingeraten sind, wie der Lehrer aus Dieppe in der Sache mit drinhängt und was am 7. August 1992 wirklich zwischen Parkplatz und Markthalle geschehen ist. Der Krimi ist wahnsinnig spannend. Was tatsächlich hinter der Geschichte steckt, das hat der Leser genau so wenig auf dem Schirm wie die französischen Kleinstadtpolizisten. Dazu sind wir wohl alle viel zu arglos.

Vielleicht hätte man die Story ein wenig straffen können. In den Dialogen wiederholt sich so einiges, und auf die Einschübe mit den ekligen Selbsttherapie-Versuchen eines psychisch angeschlagenen Menschen hätte ich sehr gerne komplett verzichtet. Das passt überhaupt nicht zum bodenständigen Rest des Romans. Vielleicht hat jemand zur Autorin gesagt: „Du, wir brauchen da noch so ein blutiges Horror-Thriller-Element, das ist auf dem Markt sehr erfolgreich. Und sieh zu, dass du auf über 500 Seiten kommst, dann können wir für das Buch 12 Euro verlangen.“ Für den Mildner-Fall sind diese Psychoszenen vollkommen irrelevant. Sie blähen nur die Anzahl der handelnden Personen auf. Scheinbar. (Seit Ira Levin hat mich aber kein Autor mehr mit diesem Trick hereinlegen können.)

IM SCHATTEN DES SOMMERS ist packende Krimiunterhaltung. Wenn man dieses Buch in der Bahn liest, vergisst man wahrscheinlich, an der richtigen Haltestelle auszusteigen. Das streitende Pärchen begleitet man gerne auf seinen (Irr-)Wegen zur Wahrheit. Den blutigen „Antoine“-Handlungsstrang kann man getrost überfliegen oder überspringen, wenn man sowas nicht mag. Wirklich wichtig wird der Kerl sowieso erst ab dem 67. Kapitel …

Die Autorin
Silke Ziegler, Jahrgang 1975, lebt mit ihrer Familie in Weinheim an der Bergstraße. Als gelernte Finanzassistentin arbeitete sie bis zur Geburt ihrer Kinder in diversen Kreditinstituten, bevor sie vor einigen Jahren an der Universität Heidelberg wieder ins Berufsleben einstieg. Die Reisen, die Silke Ziegler mit ihrer Familie unternimmt, inspirieren sie immer wieder zu neuen Geschichten, Handlungssträngen und Ausgangsideen für weitere Schreibprojekte.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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