Claudia S. C. Schwartz: Meschugge sind wir beide. Unsere deutsch-israelische Liebesgeschichte

Claudia S. C. Schwartz: Meschugge sind wir beide. Unsere deutsch-israelische Liebesgeschichte, Berlin 2017, Eden Books, 978-3-95910-075-5, Klappenbroschur, 255 Seiten mit zahlreichen s/w-Fotos, Format: 13,7 x 2,5 x 21,1 cm Buch: EUR 14,95 (D), EUR 15,40 (A), Kindle Edition: EUR 11,99.

Abbildung: (c) Eden Books Verlag

Die Schauspielerin Claudia Schwartz und der Musiker und Komponist Shaul Bustan lernen sich in Berlin bei einem gemeinsamen Theaterprojekt kennen und lieben. Okay … nicht ganz zufällig. In Wahrheit hat Claudias Kollegin Sharon darauf gedrungen, Shaul mit ins Boot zu nehmen. Sie fand, dass die beiden wunderbar zueinander passen würden. Und damit lag sie goldrichtig.

Zwei junge Künstler mit ähnlichen Zielen und Wertvorstellungen und einem kompatiblen Sinn für Humor werden ein Paar. Das ist wunderschön, wäre aber nicht weiter der Rede wert, wenn man sie einfach nur Claudia und Shaul sein ließe. Aber das passiert nicht, denn sie ist eine deutsche Katholikin, schwäbisch-rumäniendeutscher Herkunft und ihr Opa Fritz war bei der Wehrmacht. Shaul ist Israeli, ein Jude mit rumänisch-iranischen Wurzeln und seine Großeltern väterlicherseits sind Holocaust-Überlebende.

Eine Beziehung mit schwerer Hypothek


Die Vergangenheit ist in ihren Köpfen präsent, in denen der Verwandtschaft und selbst Freunde und Bekannte sowie Leute, die das ganze überhaupt nichts angeht, sehen überwiegend Probleme in ihrer Beziehung und sprechen das junge Paar distanzlos und ungeniert darauf an. Man existiert eben nicht im luftleeren Raum, sondern hat ein soziales Umfeld, und das hat eine Meinung zu allem was man tut. Das lässt sich nicht so leicht ignorieren.

Claudias Sippe ist gar nicht so ländlich-spießig, wie man vermuten könnte, wann man hört, dass sie auf der Schwäbischen Alb zuhause ist. Opa Fritz ist kein Ewiggestriger, sondern ein Mensch, der sich zeitlebens intensiv mit der deutschen Geschichte und seinen eigenen Fehlern und Irrtümern auseinandergesetzt hat. Und Oma Käthe hat sich seinerzeit sehr dafür stark gemacht, dass ihre Tochter Karen ihren Brieffreund aus Rumänien heiraten konnte. Aus dieser Verbindung geht dann Claudia hervor, und von dieser sind die Familien Maurer und Schwartz einiges gewöhnt: Mit 17 geht Claudia für drei Monate zum Schüleraustausch nach Irland – und kommt erst zehn Jahre später wieder nach Deutschland zurück. Als Schauspielerin!

Nein, Claudias Familie hat kein Problem mit einem israelischen Musiker als Schwiegersohn. Nur Tante Brigitte aus Göppingen hegt die Befürchtung, Claudia müsse nun jüdisch-orthodox werden, eine Perücke tragen und nur noch in langen, schwarzen Röcken herumlaufen.

Akzeptanzprobleme – nicht nur bei den Alten


Auf Shauls Seite sieht die Sache schon anders aus. Die jungen Familienmitglieder mögen Claudia auf Anhieb. Sie sehen in ihr das, was Shaul auch sieht: seine Seelenverwandte. Da ist es ihnen egal, welcher Nationalität und welchen Glaubens sie ist. Hauptsache, die beiden sind glücklich miteinander. Der Großelterngeneration macht es dagegen schwer zu schaffen, dass Shauls Lebensgefährtin eine Deutsche ist. Sie haben es schon nicht gern gesehen, dass er nach Berlin gezogen ist. Der junge Mann bedauert das, kann es aber nicht ändern. Er kennt die Geschichte seiner Angehörigen und versteht, dass sie so denken und fühlen. Selbst in der Ultrakurzversion, die Claudia Schwartz uns in ihrem Buch präsentiert, gehen einem die Schicksale von Shauls Eltern und Großeltern an die Substanz.

Dass Menschen um die Dreißig ein massives Problem mit der Herkunft des Partners haben, erwischt sowohl Claudia als auch Shaul kalt. Claudias Freundin aus Kindertagen legt bei der Einweihungsfeier der ersten gemeinsamen Wohnung des Paares einen peinlichen Auftritt hin und wird nicht mehr gesehen. Auch drei langjährige Freunde aus Claudias Zeit in Irland werden „aus politischen Gründen“ nicht damit fertig, dass sie jetzt mit einem Israeli zusammen ist. An Shaul persönlich kann es nicht liegen – sie sind ihm nie begegnet. Shauls Jugendfreund Ron ist ähnlich vernagelt. In Israel muss ein Jude leben und eine jüdische Frau heiraten, meint er. Alles andere ist in seinen Augen Verrat.

Wenn Claudias Großvater imstande war, noch im hohen Alter manche Überzeugungen in Frage zu stellen, werden doch auch moderne, gebildete, weltgewandte junge Menschen dazu in der Lage sein. Sollte man meinen. Aber die wenigsten schaffen es.

Belastet man die beiden jungen Künstler nicht mit der schweren Hypothek der (Familien-)Geschichte und der Nahostpolitik, sind sie ein kreatives, humorvolles, geselliges und unternehmungslustiges Pärchen, das man einfach gern haben muss.

Claudia in Israel – zweiter Versuch


Claudias Feuerprobe kommt, als Shaul sie mit nach Israel nimmt. Was er nämlich nicht weiß: Sie hat vor Jahren schon mal dort gelebt und hat das Land ganz grauenvoll gefunden – verwirrend, verstörend, bedrohlich. Sie war gottfroh, als ihr Vertrag auslief und sie wieder zurück nach Dublin durfte. Wird es ihr jetzt, mit Familienanschluss, dort besser gefallen? Shauls Kumpel Ron und seine Tante Ariela tun jedenfalls alles, damit sie sich nur ja nicht willkommen fühlt. Aber dafür ist der Rest der Verwandtschaft zum Knutschen! Wie sie den beiden einen Campingausflug in der Wüste ausreden wollen und ihnen stattdessen einen Hotelaufenthalt am Toten Meer aufschwatzen, ist der Brüller.

Ein bisschen laut ist Shauls Verwandtschaft und sehr direkt in der Kommunikation. Claudia ist schockiert. Dabei ist man als Schwäbin an Direktheit einiges gewöhnt. Glaubt mir: Auf der Alb schwätzt man auch nicht lange drumherum! Aber die Israelis legen da noch mühelos ein bis zwei Schippen drauf. Doch Claudia ist lernfähig und passt sich schnell an.

Wie? Opa spricht deutsch?


Sprachlos ist die kommunikative Bustan-Sippe nur für einen winzigen Augenblick: als sich herausstellt, dass Opa Perez (83) fließend deutsch spricht. Hebräisch, rumänisch und jiddisch, ja. Aber deutsch? Das hat er nie zu erkennen gegeben, und er erklärt auch nicht näher, woher diese Sprachkenntnisse stammen. Mit dieser Art von Lücken im Lebenslauf haben die Angehörigen von Überlebenden umzugehen gelernt. Über manche Erinnerungen können die Menschen nicht sprechen, und da bohrt man auch nicht nach.

Wie man schon auf dem Buchcover sieht, gibt’s am Schluss – nach vielem Hin und Her – eine Hochzeit. Eigentlich drei: eine standesamtliche, eine katholische und eine nach jüdischem Ritus. Ich hoffe sehr, dass die Darstellung der kirchlichen Trauung von der Autorin ein bisschen komödiantisch überspitzt dargestellt wurde, um einen Kontrast zu den dramatischen Lebensgeschichten der Familie zu setzen. Andernfalls wäre der Pfarrer während der Zeremonie entweder hackedicht gewesen oder dement. Er hat eine höchst unwürdige Vorstellung abgeliefert, die sich nur im Nachhinein so amüsant liest.

Drei Hochzeiten und viele Verwandte


Was hält den Leser eigentlich bei der Stange, wenn doch schon von vornherein klar ist, dass die beiden heiraten? Ich denke, es sind die sympathischen Protagonisten und der Mix aus Tragik und Komik. Außerdem die Frage, wie sie mit verschiedenen kulturellen Eigenheiten umgehen — und die Neugier darauf, ob die Leute, die so vehement gegen die Verbindung sind, doch noch über ihren Schatten springen, die Vorurteile beiseitelassen und das sehen können, was sie vor der Nase haben: ein glückliches Paar, das wunderbar zusammenpasst.

Zu all den schrägen Anekdoten, die uns die Autorin erzählt, passt perfekt die Entstehungsgeschichte des Buchs: „Nach einem Fernsehauftritt im ZDF-Morgenmagazin wurde ich von Svenja Monert vom Eden Books Verlag kontaktiert, ob ich nicht Interesse an einem Buchprojekt hätte. (…) Ich habe es ausprobiert und schon nach den ersten Seiten des Manuskripts Blut geleckt. So ist während der Schwangerschaft und nach der Geburt meines Sohnes dieses Buch entstanden. Das ist für mich besonders schön, weil ich unsere Geschichte sowieso für ihn aufschreiben wollte.“ (Quelle: Pressetext des Eden Books Verlags)

Es wird noch eine Weile dauern, bis der Sohn des Ehepaars das Buch zu schätzen weiß. Einstweilen muss der Autorin genügen, dass sie mit ihrer Geschichte wildfremde LeserInnen informiert, berührt und bestens unterhalten hat. Und, nein, meschugge ist diese Liebesgeschichte gar nicht. Normal sollte sie sein. Einfach ganz normal.

Die Autorin
Claudia S. C. Schwartz, bei Stuttgart geboren, absolvierte 2004 ihre Schauspielausbildung an der Samuel Beckett School of Drama am Trinity College Dublin, Irland. Sie erhielt ein Stipendium für die British American Drama Academy in Oxford. Claudia war an Theatern in Irland, Tschechien, Schweden und Deutschland zu sehen, u.a. mit dem Dokumentartheater »Das Letzte Kleinod« (Theaterpreis des Bundes) und am HAU in Berlin. »Meschugge sind wir beide« ist ihr erstes Buch.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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