Rega Kerner: Schiffschwein Spekje

Rega Kerner: Schiffschwein Spekje, Oldenburg 2016, Isensee-Verlag, ISBN 978-3-7308-1324-9, Softcover, 240 Seiten, Format: 13,7 x 2,5 x 21,1 cm, EUR 12,90.

Abbildung: (c) Isensee-Verlag Oldenburg

„Wenn das Schwein wählen könnte – als Baby auf dem Grill enden oder auf dem kalten, glatten Tanker mit uns so alt zu werden, wie es will, was denkst du würde es wählen?“
Wir haben dich Vertrauen gelehrt und dann unser Versprechen gebrochen. Wir sind leider nur Menschen. (Seite 218)

Die gebürtige Bremerin Rega Kerner, Ende 30, lebt und arbeitet als Steuerfrau auf dem Binnenschiff „Hunter“ und ist auf Rhein, Main und Mosel unterwegs. Ihr langjähriger Lebensgefährte, der Niederländer Ben, ist Erster Kapitän und Koch, sein Sohn Karel aus erster Ehe ist als Zweiter Kapitän zuständig für Laden und Löschen. Rega versorgt die Maschinenräume. Der Hund bewacht das Deck und Karels Papagei gibt zu allem seinen Senf dazu. Es fehlt ihnen an nichts. Am allerwenigsten fehlt ihnen ein Schwein.

Vorm Spanferkel-Tod bewahrt


Zu dem Tier kommen sie recht ungeplant. Die engagierte Tierfreundin und überzeugte Vegetarierin kann Rega den Gedanken nicht ertragen, dass Schleusenmeister Herbie den Nachwuchs seiner Sau Rosa als Spanferkel verkaufen will. Am liebsten würde sie den ganzen Wurf retten, aber das geht nicht. Nach längerem Hin und Her gesteht Ben ihr zu, dass sie eines der Minischweinchen als Haustier auf dem Schiff halten darf. Also als Schiffschwein. So kommt der kleine Spekje zu ihr. Er ist derjenige aus dem Wurf, der ihr bei der ersten Begegnung direkt in die Arme gesprungen ist.

Süß ist er ja, der Kleine. Aber er hat solche Angst ohne seine Mama, seine Geschwister und seine vertraute Umgebung! Wie gewinnt man sein Vertrauen? Wie sollte sein Quartier beschaffen sein? Wie ernährt man den kleinen Eber gesund? Was soll man als Einstreu fürs Schweineklo nehmen? Und wie beschäftigt man so ein intelligentes Tier?

Ben hält sich aus allem raus und Rega recherchiert im Internet. Wir kennen das alle: Zu jeder Meinung gibt es eine ebenso überzeugend vorgetragene Gegenmeinung. Also bleibt nur der gesunde Menschenverstand und die Methode „Versuch und Irrtum“. Nachdem Rega eine Schweinebett-Variante nach der anderen gebaut hat, fragt sie sich irgendwann, ob sie nun eigentlich eine (Amateur)-Tischlerin ist – oder eher eine Bettlerin.

Foto: © Rega Kerner / www.schiffschwein.de

Das Minischwein auf dem Binnenschiff


Auf dem „Begeisterschiff“ ist alles ein wenig anders als bei anderen Menschen. Es ist schon ungewöhnlich, dass Privatleute ein Minischwein halten. Was man dazu braucht, kann man nicht an jeder Ecke kaufen, aber man kann es bestellen. Sofern man eine feste Lieferadresse hat. Wenn man dauernd auf einem Schiff über die Flüsse gurkt, muss man sich etwas einfallen lassen. Rega ist zum Glück ideenreich, kommunikativ und kann sehr überzeugend sein. So kommt sie nicht nur an Lieferadressen sondern auch an den Tierarzt Nicki Schirm. Dass der ein prominenter Fernseh-Tierarzt ist, erfährt sie erst durch einen Bekannten, der sich als sein Fan outet.

Zu tun gibt’s für den Tierarzt immer was: Milbenbekämpfung, entzündete Augenlider, Klauenpflege – und irgendwann steht auch die Kastration des Ebers an. Macht man ja nicht gern, aber auch wenn es zum Brüllen komisch ist, wie die Autorin es erzählt: Spekje hätte man auf Dauer nicht unkastriert als Haustier halten können.

Schwellenangst und Dreck-Phobie


Von der Vorstellung, mit Spekje an der Leine an Land herumzuspazieren oder das Schweinchen fröhlich an Deck herumtollen zu sehen, muss die Autorin sich recht schnell verabschieden. Das Tier hat buchstäblich Schwellenangst. Es traut sich nicht mal in der Wohnung auf dem Schiff in alle Räume, geschweige denn ins Freie. Türschwellen sind für Spekje ein nahezu unüberwindliches Hindernis, was manchmal zum Problem wird.

Im Gegensatz zu seinen Artgenossen graust es dem Schiffschwein auch vor Erde. Im Dreck wühlen? Igitt! Nie im Leben! Dafür spielt es mit Begeisterung ein Ringwurfspiel, wenn auch nicht ganz nach den Regeln der Menschen. Es apportiert Gegenstände und auf Zuruf sogar speziell präparierte Bierflaschen, manchmal sogar den ganze Kasten – sehr zum Amüsement der Besucher. So wird Spekje unversehens zum Sympathie-Botschafter seiner Art. Manch einem ahnungslosen Zweibeiner ist nach der Begegnung mit ihm klar geworden: Schweine sind weder eklig noch stinken sie. Sie sind reinlich, intelligent und anhänglich. Sie mögen sogar Musik. Und so etwas Nettes und Liebes essen wir? Für manchen hatte das Schnitzel fortan an Gesicht.

Mit dem Schwein wachsen die Probleme


Das niedliche Schweinchen wird größer und stärker, ist nur begrenzt erziehbar und hat keine Vorstellung davon, wie gefährlich es durch seine Kraft und seine messerscharfen Hauer für andere Lebewesen ist. Nicht nur das Mobiliar an Bord wird in Mitleidenschaft gezogen. Allmählich bekommen Rega und sogar Ben regelrecht Angst vor ihrem Schwein.

Und dann zeichnet sich eine Veränderung ab, mit der niemand gerechnet hat. Kann das Binnenschifferpaar nun noch verantworten, Spekje an Bord zu lassen? Rega macht sich Sorgen und denkt über Alternativen nach. Ben sieht sie Sache deutlich gelassener – bis es zu einem ernsthaften Zwischenfall kommt. Jetzt ist auch Ben der Optimismus gründlich vergangen und jetzt muss ganz schnell eine Lösung her …

Dass die zwei tierlieben Binnenschiffer ihr Versprechen dem Schweinchen gegenüber nicht genau so halten werden können wie sie es geplant hatten, klingt recht früh an. Die Unberechenbarkeit des Lebens trifft hier Mensch und Tier. In so einem Fall muss man nach dem ersten Schreck aktiv und erfinderisch werden, damit eine Sache doch noch einigermaßen gut ausgehen kann. Und das gelingt den Menschen hier. In punkto Schweine-Sympathiewerbung und Lebensrettung haben sie jedenfalls eine eindrucksvolle Bilanz.

Die Leserinnen und Leser amüsieren sich über die saukomischen Erlebnisse mit Spekje und über die kreativen Wortschöpfungen der Autorin. („Konkullege“ werde ich mir merken!). Sie findet auch schöne Bilder für abstrakte Vorgänge. Wenn ein Vater im Leben seiner Kinder nur „kurz durchs Bild läfut“ ist über die Beziehung schon fast alles gesagt. Man lernt hier eine Menge über Minischweinehaltung sowie einiges über die Binnenschifffahrt. Und manch eine/r kommt vielleicht dank Spekje auch ein bisschen über die eigene Ernährungsweise in Grübeln. Manche Geschehnisse an Bord hätte man sich als Laie noch besser vorstellen können, wenn Bilder dabei gewesen wären. Aber wenn man ein bisschen sucht, findet man welche im Internet.

Ein bisschen ahnt man schon, wie es für die Autorin nach dem Ende der Geschichte weitergehen wird. Wie bei Spekes Schicksal schafft sie es, Beobachtungen geschickt einfließen zu lassen und Andeutungen machen. Aber wenn sie eines im Leben gelernt hat, dann ist das wohl die Anpassung an neue Gegebenheiten.

Die Autorin
Aufgewachsen als norddeutsche Seemannstochter, wollte Rega Kerner, Jahrgang 1970, bücherschreibende Binnenschifferin werden, was daran scheiterte, dass eine Auszubildende das einzige WC im Vorschiff nicht mit dem Matrosen teilen durfte. Die Lebenswellen verschlugen sie zu diversen Tätigkeitsbereichen bei Film, Theater/Musical, Jugendarbeit und Multimedia/Internet, wobei das Schreiben tragendes Element blieb (Drehbücher, Konzepte …).

Für die Medien an den Rhein gezogen, fand sie als ‚Kölner Fährfrau‘ endlich zurück zum Wasser. Es folgte Fahrgastschifffahrt im Koblenzer Raum, danach war sie rund zehn Jahre Steuermann sowie Kapitänsfrau auf einem Motortankschiff. Hinzu kam in jener Zeit ein Wohnboot als Meldeadresse.
Der Mann samt Tanker ist weg, das Boot mit Schulkind bleibt. Zurück im Norden, realisiert sie nach dem ersten jetzt den zweiten Teil ihres Jugendtraums, als alleinerziehende Schriftstellerin.

Foto: © Rega Kerner / www.schiffschwein.de

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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