Haylen Beck: Ohne Spur. Thriller

Haylen Beck: Ohne Spur. Thriller, OT: Here And Gone, Deutsch von Wolfram Ströle, München 2018, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21764-4, Softcover, 379 Seiten. Format: 12,1 x 2,8 x 19 cm, Buch: EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A), Kindle Edition: EUR 8,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Cover: (c) dtv

Thriller sind nicht unbedingt mein Ding, weil die Figuren, die Handlung und die Brutalität darin oft so „überlebensgroß“ und fernab aller Realität sind. Jetzt bin ich aber ein Mensch mit relativ einfach gestrickten Moralvorstellungen. Sollte das zentrale Thema eines Thrillers also „ein paar Ar***l*cher legen sich mit den Falschen an“ lauten, bin ich voller Schadenfreude dabei. Da kann ich sehr großzügig über unliebsame Genre-Merkmale hinwegsehen. So wie hier.

Darum geht’s: Die Künstlerin Audra Ronan Kinney, 35 ist auf der Verliererstraße. Sie hat den falschen Kerl geheiratet, war jahrelang Opfer seiner Misshandlungen und drogensüchtig. Seit zwei Jahren ungefähr ist sie clean und lebt von ihrem Mann getrennt. Die beiden Kinder, Sean, jetzt 11, und Louisa, 6, sind bei ihr.

Noch ist sie von Patrick Kinney nicht geschieden, und er lässt nichts unversucht, seine Kinder zurückzubekommen. Für ihn ist das eher eine Frage der Macht als der Liebe.

Flucht vorm Ex und dem Jugendamt


Jetzt hat er wieder einmal seiner Frau aus fadenscheinigen Gründen das Jugendamt auf den Hals gehetzt. Seine Eltern sind vermögend und einflussreich, gegen sie hat Ex-Junkie Audra keine Chance, und das weiß sie auch. Also schmeißt sie ein paar Habseligkeiten in den Kofferraum ihres Autos und macht sich mit ihren Kindern klammheimlich von New York City auf nach San Diego zu einer Freundin. Doch dort kommen die drei nie an.

In einem gottverlassenen Wüstenkaff in Arizona, das den euphemistischen Namen Silver Water trägt, wird Audra vom Sheriff angehalten. Ihr Auto sei überladen. Ungefragt wühlt er in ihrem Kofferraum und „findet“ darin ein Päckchen Marihuana. Audra beteuert vergebens ihre Unschuld. Im Tumult von Festnahme, Auto-Abschleppen und der Frage, was nun aus Sean und Louise wird, sind die beiden Kinder plötzlich verschwunden.

Audra weiß genau, wer die zwei entführt hat, der Leser weiß es auch – nur Sheriff Ronald Whiteside behauptet auf einmal, Audra hätte allein im Wagen gesessen. Er hätte gar keine Kinder gesehen. Audras Version des Geschehens glaubt kein Mensch. Die Polizei nicht, das FBI nicht, auch nicht die Reporter – und schon gar nicht die Familie ihres Noch-Ehemanns.

Wo sind Audras Kinder?


Dass sie mit den Kindern noch vor wenigen Kilometern in einem kleinen Laden war und Getränke gekauft hat, ist erwiesen. Alle Welt denkt nun, Audra habe ihren Sohn und ihre Tochter auf der kurzen Strecke zwischen dem Laden und Silver Water ermordet und irgendwo in der Wüste verscharrt. Was natürlich Unsinn ist, wie wir wissen. Wir haben ja miterlebt, wer sie in seine Gewalt gebracht hat, wozu und warum. Weil immer mal wieder die Erzählperspektive wechselt, kann der Leser die Gründe für dieses schändliche Treiben sogar nachvollziehen. Auch diese Katastrophe hat mal ganz klein angefangen. Mittlerweile stecken die Täter so tief im Schlamassel, dass ihnen alles egal ist.

Auch die Perspektive der Kinder nehmen wir ein. Audras kleine Tochter versteht nicht, was mit ihr passiert. Ihr Bruder Sean ist mit der Beschützerrolle hoffnungslos überfordert. Er ist ja selbst noch ein Kind, das dringend Trost und Hilfe bräuchte. Und Audra wird schier wahnsinnig, weil ihr niemand glaubt. Okay … fast niemand.

Nur Danny glaubt der Mutter … aus Gründen


Der Fall macht landesweit Schlagzeilen. In San Francisco hört der chinesischstämmige Sozialarbeiter Danny Lee davon und ist wie elektrisiert. Er kennt das Szenario. Vor fünf Jahren hat er auf genau diese Weise zwei Angehörige verloren. Zwar hat er alles gegeben, um die Täter zu finden, aber mehr als eine Ahnung von den Zusammenhängen hat er nicht bekommen. Die Hintermänner sind ihm durch die Finger geschlüpft. Der Fall Kinney ist vielleicht seine Chance! Er fliegt nach Arizona.

Schon bei der ersten Begegnung mit Lee ahnt Sheriff Whiteside, dass jetzt Schluss mit lustig ist. Danny Lee ist nur ein Name, unter dem dieser Mann bekannt ist. Jetzt mag er ja ein gesetzestreuer Bürger sein, aber das war nicht immer so. Er wird tun, was immer er für nötig hält und dabei keine Sekunde zögern. Er hat er nichts mehr zu verlieren. Und diese Gegner sind die gefährlichsten.

Wenn die Polizei nichts unternimmt …


Danny Lee und Audra Kinney bilden eine Zweckgemeinschaft. Wenn es sonst keiner tun will, suchen sie die Kinder und deren Entführer eben auf eigene Faust. Und sie finden sie besser schnell!

Danny ist ein stahlharter Brocken, aber Audra ist auch nicht ohne. Im Umgang mit brutalen Mistkerlen hat sie schließlich 35 Jahre Erfahrung. Ihr Vater war einer, ihr Mann war einer, da wird sie doch an diesem Dorfsheriff nicht scheitern! Doch der allein ist nicht das Problem. Es gibt hier viele Gruppen und Einzelpersonen, die unabhängig voneinander ihre eigenen Interessen verfolgen, was das Geschehen einigermaßen unberechenbar macht. Entführer und Hintermänner, die Angehörigen der Opfer, das FBI und nicht zuletzt die Kinder selbst: Jeder tut, was er für erforderlich hält, und mancher spielt damit unabsichtlich der Gegenseite in die Hände.

Das Finale ist ziemlich blutig und leichenreich. Ich hätte hier lieber das serienweise Klicken von Handschellen gehört. Aber es ist ein US-Thriller, da muss das vielleicht so sein.

Die Geschichte ist äußerst spannend. Wie es der Mutter und den Kindern in dieser albtraumhaften Situation geht, kann man sehr gut nachvollziehen. Streckenweise vergisst man ganz, dass man hier „nur“ das Schicksal erdachter Figuren verfolgt.

Danny Lee in Serie?


Ein wenig hadere ich mit dem Schluss. Auch wenn ich was übrig habe für moralisch nicht ganz einwandfreie Helden wie Danny Lee: meine Vorstellung von ausgleichender Gerechtigkeit sieht doch ein wenig anders aus.

In den USA rufen die Leser schon nach einer Danny-Lee-Serie. Sollte Haylen Beck sich dazu überreden lassen – gänzlich abgeneigt scheint er nicht zu sein -, wäre ich durchaus bereit, mir das Ergebnis mal näher anzusehen. Ein „Repairman Jack“ wird Lee nicht werden, aber er hat Potential.

Der Autor
Haylen Beck ist das Pseudonym von Stuart Neville, geb. 1972 in Armagh/Nordirland. Der Autor hat sich in vielen Berufen versucht: Er war Bäcker, Musiker, Komponist und Verkäufer und er ist an einer Multimedia Design Firma in Nordirland beteiligt. Er gilt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Thrillerautoren Nordirlands. Für sein genderneutrales Pseudonym hat er sich nach eigenem Bekunden von seinen zwei Lieblings-Gitarristen inspirieren lassen: Eddie Van Halen und Jeff Beck

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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