Ben Aaronovitch: Der Oktobermann. Ein Tobi-Winter-Roman

Ben Aaronovitch: Der Oktobermann. Ein Tobi-Winter-Roman, OT: The October Man, Deutsch von Christine Blum, München 2019, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 978-3-423-21805-4, Softcover, 205 Seiten, Format: 12,4 x 2 x 19 cm, Buch: EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A), Kindle: EUR 7,99. Auch als Hörbuch lieferbar.

Abb. (c) dtv

„Also, bisher bin ich nicht übermäßig beeindruckt von deinen Ermittlungskünsten“, sagte Vanessa. (…)
„Ach, was hast du denn daran auszusetzen?“, fragte ich. (…)
„Zum Beispiel fehlt mir ein roter Faden. Wir ermitteln so vor uns hin – vom Tatort zur Autopsie und zum Opfer nach Hause – und suchen nach … Keine Ahnung, wonach wir suchen. Wonach suchen wir eigentlich?“ (Seite 75/76)

Peter Grants deutscher Kollege

Dass Ben Aaronovitch uns bisher nur von der Londoner Magiepolizei erzählt hat – von DCI Thomas Nightingale und Constable Peter Grant – heißt nicht, dass es so etwas ausschließlich in Großbritannien gibt. Das deutsche Äquivalent zum englischen „Folly“ nennt sich „KDA“- Abteilung für komplexe und diffuse Angelegenheiten – und ist dem BKA angegliedert. Die deutsche Polizeieinheit ist auch nicht größer als die der London Metropolitan Police: Sie besteht aus der namentlich nie genannten Chefin und ihrem Ermittler Tobias Winter.

Winter stammt aus einer Polizistenfamilie und zitiert gern seinen Vater: Nach Feierabend solle man sich den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden: Familie, Freunde, Haus, Herd und Hund. (Seite 11, Seite 201 und andere.) So ganz schafft Tobi es nicht, nach Dienstschluss abzuschalten. Wer es, statt mit handelsüblichen Verbrechern, mit Ortsgeistern, Flussgöttern, illegal praktizierenden Zauberern, Wiedergängern und sonstigen unheimlichen Gestalten aus der magischen Demi-monde zu tun hat, sollte besser rund um die Uhr auf der Hut sein.

Das ist Tobi auch. Nicht einmal im Urlaub hat er seine Ruhe! Als er gerade ein paar Tage bei seinen Eltern in Mannheim-Gartenstadt verbringt, verbringt, ereilt ihn noch vor dem Frühstück ein Anruf seiner Chefin. Er muss sofort nach Trier. „Verdächtiger Todesfall. Mit ungewöhnlichen biologischen Charakteristika.“ (S. 13) Ein zunächst unbekannter Mann wurde am Fuße eines Weinbergs gefunden. Sein Körper ist von etwas befallen, das normalerweise nur Weintrauben infiziert.

Winter und Sommer ermitteln

Vor Ort teilt man Tobi Winter die Polizistin Vanessa Sommer als Kollegin zu. Obwohl ihre Familiennamen einen krassen Gegensatz implizieren, verstehen sich die beiden auf Anhieb. Vanessa ist ehrgeizig und will alles Mögliche wissen: was genau die Aufgabe seiner Abteilung ist, was er alles schon erlebt hat, ob es stimmt das er zaubern kann, ob sie das ebenfalls lernen könne, ob’s tatsächlich Vampire gibt … und Aliens auch?

Tatsächlich stellt Vanessa Sommer sich beim Aufspüren von Vestigia, den Spuren magischen Wirkens, recht geschickt an. Sie wundert sich auch nicht groß, als die ansonsten so sachliche Winzerin Jacqueline Stracker bei der Zeugenbefragung von Begegnungen mit der Göttin des Flusses Kyll berichtet, der ihr Großvater immer ein paar Flaschen seines besten Weines als Trankopfer dargebracht hat. Nur vom Tod des Unbekannten hat Jacqueline leider nichts mitbekommen.

Inzwischen hat die Polizei auch herausgefunden wer er der Tote ist: ein 44jähriger Mitarbeiter der Moselstahlwerke, geschieden, Vater von Zwillingen. Ein stinknormaler, absolut unauffälliger Typ. Das einzige Originelle, das er je getan hat, war, der „Gesellschaft zum Trinken guter Weine“ beizutreten. Da treffen sich eine Handvoll Männer verschiedenen Alters zum Essen, Trinken, Reden und dem Besuch diverser kultureller Veranstaltungen, die sie nach dem Zufallsprinzip auswählen. Weit und breit ist kein Berührungspunkte mit Übernatürlichem zu sehen und auch kein Mordmotiv.

Flussgöttin Kelly erzählt nur Geschichten

Selbst die Kontaktaufnahme mit Kelly, der Göttin des Flusses Kyll, ergibt nichts wesentlich Neues. Kelly erzählt den beiden Polizeibeamten Geschichten von vor zweitausend Jahren und hat im Übrigen alle Hände voll damit zu tun, eine ungebärdige Vierjährige in Schach zu halten: die Mini-Flussgöttin Morgane. Niemand weiß, woher sie kommt. Tobi hält sie für die neue Göttin der Mosel. Die vorige Moselgöttin ist, laut Kelly, von den Deutschen ermordet worden. (Dass man Götter töten kann, haben wir im letzten Peter-Grant-Band gelernt.)

Ich hatte manchmal Mühe, mich daran zu erinnern, dass der Ich-Erzähler, der hier ermittelt, eben nicht der Londoner „Zauberlehrling“ Peter Grant ist. Immer wieder habe ich gestutzt und mich z.B. gefragt, wie Grant denn mit dem Computersystem des BKA arbeiten kann, wo er doch gar kein Deutsch spricht. Bis mir einfiel: Ach nee, das ist ja gar nicht Grant, das ist sein deutscher Kollege!

Ihre Probleme sind recht ähnlich und ihre Erzählstimmen irgendwie auch. Bis auf die gelegentlichen Referenzen auf Vater und Onkel, die ebenfalls bei der Polizei sind, hat Tobi im Grunde nichts Eigenes. Er geht beim Arbeiten auch genauso planlos vor wie sein Kollege in England. Er befasst sich mit diversen alten Geschichten, die er im Verlauf der Ermittlungen aufschnappt: mit einem Jahrhunderte alten Eifersuchtsdrama, der wundersamen Rettung eines Kindes im zweiten Weltkrieg, einer versuchten Vergewaltigung von vor 20 Jahren, einem ungeklärten Vermisstenfall aus derselben Zeit, diversen mutwilligen Beschädigungen antiker Skulpturen … und daneben durchleuchtet er zusammen mit den Kollegen noch die Mitglieder der skurrilen Weintrinkergesellschaft.

Tobi ist so planlos wie Peter Grant

Als Leserin ging es mir wie Tobis Kollegin Vanessa: Ich war verwirrt. Was hat Tobi vor? Hat er überhaupt einen Plan? Wer sind all diese Leute? Haben die überhaupt irgendwas mit seinem übernatürlichen Mordfall zu tun oder interessiert ihn das alles einfach nur so? Wo kommt Person XY jetzt auf einmal her? Ist ihr Name in der Geschichte überhaupt schon mal erwähnt worden? Und wenn ja, wo? Aber das alles frage ich mich bei Peter Grant auch schon seit Jahren. 😉

Leider ist der deutsche Fall weder so bissig und witzig noch so magisch und spannend wie die Abenteuer von Tobis britischen Kollegen. Auch das Personal bleibt hier ein wenig flach. Man hat beim Lesen Zeit und Muße, sich Dinge zu fragen wie: Was fangen die internationalen Leser*innen wohl mit dem deutschen Namedropping an? Die kennen doch unsere Prominenten gar nicht! Erklärt man ihnen in einer Fußnote, wer Alfred Biolek ist? Und wie, bitte, simuliert man auf Englisch das „Berlinern“ des französischen (!) Tätowierers?

Die Aufklärung des Falls kommt dann auch ein bisschen wie das Kaninchen aus dem Hut und man denkt: Okay, wenn der Autor meint …!
Wir hätten auch jede andere Erklärung akzeptieren müssen.

Ich weiß Ben Aaronovitchs Bemühungen zu schätzen, seinen deutschen Fans einen eigenen „magischen“ Helden zu geben. Aber der ganz große Wurf ist es nicht. Sollte Peter Grant allerdings mal Hilfe brauchen, ist es gut zu wissen, dass es in anderen Ländern ebenfalls Magie und entsprechende Polizeieinheiten gibt und dass wir Leser*innen zumindest das deutsche Team schon kennen. Hoffen wir, dass der Brexit der internationalen magisch-polizeilichen Zusammenarbeit keine allzu großen Steine in den Weg legt. Und falls doch, wird der Autor diese Tatsache entsprechend zu kommentieren wissen.

Der Autor

Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie ‚Doctor Who‘ verfasst), arbeitet er als Buchhändler. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebek@aol.com
www.boxmail.de

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