Beate Maxian: Die Tränen von Triest. Roman

Beate Maxian: Die Tränen von Triest. Roman, München 2019, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3453423794, Klappenbroschur, 431 Seiten, Format: 12,2 x 4 x 18,8 cm, Buch: EUR 10,99, Kindle: EUR 9,99.

Abb. (c) Heyne Verlag

„Ich mein, was verdammt noch einmal hat diesen Scheißkerl geritten?“, empörte sich Judith weiter.
„Eine andere Frau …“ (Seite 49)

Wien, Juli 2019: Angestachelt durch die Spekulationen ihrer temperamentvollen Freundin Judith rechnet die Innenarchitektin Johanna Silcredi an ihrem 33. Geburtstag fest mit einem Heiratsantrag. Doch ihr Lebensgefährte, der Architekt Roman Hubner, nutzt den Abend in einem sündteuren Nobelrestaurant, um sich auf ausgesucht gemeine Art von ihr zu trennen.

Johanna ist enttäuscht, wütend und verletzt und löst das Geschenk ihrer Familie – eine Woche Urlaub in Triest – sofort ein. Die Villa Costa, die heute eine Frühstückspension ist, war von 1900 bis 1918 im Besitz der Familie von Silcredi. Johannas Urgroßmutter Afra ist in der Villa aufgewachsen.

So halb im Scherz sagt Johannas 94jähriger Großvater, sie könne ja bei ihrem Aufenthalt ein bisschen Ahnenforschung betreiben. Vielleicht fände sie ja heraus, wer sein Vater war.

Opas Lebensthema: seine Abstammung

Für Bernhard Silcredi ist seine kuriose Familiengeschichte eben ein Lebensthema. Seine Mutter, Afra von Silcredi, Jahrgang 1895, war – ungewöhnlich für ihre Zeit – eine erfolgreiche Geschäftsfrau und allein erziehende Mutter. Verheiratet war sie nie. Zwar hat sie aller Welt erzählt, der Vater ihres Sohnes sei ihr jung verstorbener Verlobter Alfred Herzog, doch das geht sich zeitlich nicht aus. Als Bernhard gezeugt wurde, war Alfred schon mehrere Jahre tot.

Johanna sagt „ja, ja“ zum Ansinnen ihres Großvaters, hat aber keine Ahnung, wo sie mit der Suche nach seinem Erzeuger beginnen sollte. Der Opa hat ja eh schon alles Erdenkliche versucht und nichts herausgefunden. Sie hat nicht die Absicht, sich in ihrem Urlaub mit diesem Thema zu belasten. Doch es kommt anders.

Zur selben Zeit wie Johanna wohnen zwei Frauen aus Hamburg in der Pension Costa: Charlotte Uhlbrich, 93 und ihre Enkelin. Sie sind wegen einer Beerdigung hier. Als Charlotte den Namen Silcredi aufschnappt, wird sie hellhörig. Offenbar gab es zu den Zeiten ihres Vaters und Großvaters geschäftliche und gesellschaftliche Verbindungen zwischen den beiden Familien.

Erstaunliche Querverbindungen und ein Tagebuch

Auch bei den Uhlrichs gibt es Ungereimtheiten im Stammbaum. Natürlich erwartet Charlotte nicht, dass die 33jährige Johanna etwas darüber weiß, aber sie hat ja auch Eltern und Großeltern. Und so wird die Vergangenheit ein wichtiges Thema in der Villa Costa. Nur der Juniorchef des Hauses, Luca, hat eher an Gegenwart und Zukunft Interesse als an den Ereignissen von vor hundert Jahren: Ihm gefällt die rothaarige Johanna. …

So richtig Bewegung kommt in die Sache, als Lucas Mutter Simonetta einfällt, dass die Familie ihres Mannes ja seit über 100 Jahren im Besitz des Tagebuchs der Afra von Silcredi ist. Sie wollte es damals bei ihrem Umzug nach Wien nicht mitnehmen, es sollte in Triest bleiben. Irgendwie hat sich nie einer der Costas getraut, die Unterlagen wegzuschmeißen. Fasziniert liest Johanna die schwärmerischen Schilderungen ihrer Urgroßmutter.

Liebe und Krieg

Triest 1914: Afra ist 19 und frisch verliebt in den Studenten Alfred Herzog, einen Freund ihres Bruders und Sohn eines Geschäftsfreundes ihres Vaters. Auch er ist hin und weg von ihr. Zwar gehört er nicht, wie sie, dem Adel an, aber ihr Vater hat glücklicherweise trotzdem nichts gegen diese Verbindung. Die Verlobung wird vorbereitet. Das junge Paar kann die Hochzeit kaum erwarten und Afras größte Sorge ist, dass man sie dabei erwischen könnte, dass sie sich in der Wohnung eines befreundeten Künstlers treffen, wenn dieser auf Reisen ist. Sie fängt an, ihre Geschichte aufzuschreiben, um alle Welt an ihre Glückseligkeit teilhaben zu lassen.

Die Leser*innen von heute, die den Verlauf der Weltgeschichte kennen und zudem mehr Lebenserfahrung besitzen als die blutjunge Afra, ahnen schon, dass so viel Glück nicht von Dauer sein kann.

Zurück ins Triest des Jahres 2019: Nachdem auch Johannas Urlaubsbekanntschaften Charlotte Uhlrich und Simonetta Costa den Inhalt von Afras Aufzeichnungen kennen, ergeben auf einmal Fragmente ihrer eigenen Familiengeschichte einen Sinn, die sie zuvor nie richtig einordnen konnten. Und am Ende der Woche fährt Johanna zurück nach Wien mit dem Tagebuch ihrer Urgroßmutter im Gepäck und einer umfassenden Vorstellung davon, wie diese von der naiven, privilegierten jungen Adeligen zu der taffen Geschäftsfrau geworden ist, die sie aus den Erzählungen ihrer Familie kennt.

Nicht nur Opa wird Augen machen wenn sie mit all den Informationen und Neuigkeiten nach Hause kommt!

Im Sog der alten Geschichten

Es ist spannend, wie die unfreiwillige Ahnenforscherin Johanna immer tiefer in den Sog ihrer eigenen Familiengeschichte gerät.

Schließt sich am Ende nach über hundert Jahren der Kreis, oder fängt der ewige Wechsel zwischen Glück und Katastrophen nur wieder von vorne an? Immer, wenn gar so eitel Sonnenschein herrscht, wird man als Leser*in ja ein bisschen misstrauisch. Aber vielleicht darf man bei Familien- und Liebesromanen diesbezüglich nicht so streng sein.

Man merkt, dass die Autorin intensiv vor Ort und in Sachen Zeitgeschichte recherchiert hat. Es ist immer gut zu wissen, dass ein*e Schriftstelller*in ganz genau weiß, wovon er/sie schreibt und uns kein X für ein U vormacht. Das führt zwar manchmal zu ein bisschen mehr Informationen als man zum Verständnis der Geschichte gebraucht hätte, aber Wissen schadet nie.

Johanna Silcredi ist eine angenehm unperfekte Heldin mit sympathischen Macken. Zum Entsetzen ihres engsten Umfelds spricht sie zum Beispiel mit Gegenständen. Jeder hofft nur, dass sie das nicht auch in der Öffentlichkeit tut. 😉 Herrlich ist auch ihre Freundin, die Flugbegleiterin Judith, die stets unverblümt das ausspricht, was ihr gerade durch den Kopf rauscht. Und natürlich Johannas Eltern, die auf alle möglichen und unmöglichen Ereignisse miteinander wetten. Das ist schon reichlich skurril!

Gewundert habe ich mich über den extravaganten Vornamen der Großmutter. Das passte gar nicht zu diesen konservativen Menschen. Nach ca. 300 Seiten bin ich dann darauf gekommen, dass es sich dabei um eine Kurzform von Maria-Theresia handeln muss.

Ein Personenverzeichnis wär‘ nett

Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Vermisst habe ich lediglich ein Personenverzeichnis, oder besser noch, einen Stammbaum der Familien (von) Silcredi und Uhlrich. Im Innenteil der Buchklappen wäre jede Menge Platz dafür gewesen. Wenn in einem Roman ungefähr halb so viele Personen vorkommen wie in der Bibel, ist so etwas ein prima Service!

Ich fand es ärgerlich dass ich mich in Kapitel 7 damit abgemüht habe, mir die gesamte Hamburger Uhlrich-Sippe einzuprägen um dann festzustellen, dass im Verlauf der Ereignisse nur Charlotte wichtig war. Das weiß man als Leser*in aber vorher nicht und hält sich unnützem Informationsballast auf. Derlei Fakten kann man wunderbar in Verzeichnissen auslagern. Nur so als Anregung.

Die Autorin

Beate Maxian (geb. als Österreicherin in München) lebt in Oberösterreich und Wien, schreibt Romane, Kriminalromane, Kurzgeschichten und Theaterstücke. Sie wurde mit dem Stipendium des Literaturhauses Wiesbaden ausgezeichnet und für mehrere Preise nominiert. Ihre Wien-Krimis mit der Journalistin Sarah Pauli sind Bestseller in Österreich. Sie ist die Begründerin des ersten österreichischen Krimifestivals: Krimi Literatur Festival.at,
www.maxian.at

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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