Cordula Gravensteiner: Obstblütenträume. Roman

Cordula Gravensteiner: Obstblütenträume. Roman, Berlin 2020, Ullstein Taschenbuch, ISBN 978-3-548-06076-7 cm,  Softcover, 300 Seiten, Format: 12 x 2,5 x 18,7, Buch: EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A), Kindle: EUR 8,99.

Abb. (c) Ullstein-Verlag

„Paula schniefte (…). Warum konnte bei ihr nie etwas glattlaufen? Sie schlitterte von einer Katastrophe in die nächste, so, als sei sie ständig auf der Suche nach dem nächsten Fettnäpfchen, in das sie stolpern könnte. Die letzten Wochen hatten sie völlig ausgelaugt, körperlich, aber auch emotional. Sie fühlte sich wie ein Wrack.“ (Seite 268)

Wie so viele Väter hat auch der Düsseldorfer Rechtsanwalt Sassendorf hohe Erwartungen an seine Kinder und eine genaue Vorstellung davon, wie sie ihr Leben zu führen haben. Bei seinen beiden Söhnen Jan und Jakob konnte er sich damit durchsetzen. Sie haben Jura studiert und sind in die väterliche Kanzlei eingetreten, obwohl sie ganz andere berufliche Interessen hatten.

Paulas Vater erwartet Unmögliches

Sassendorfs Anforderungen an seine einzige Tochter Paula, 30, sind besonders unrealistisch. Sie hätte ebenfalls Jura studieren sollen, beruflich so erfolgreich sein wie er und gleichzeitig repräsentieren und einem noch erfolgreicheren Ehemann den Rücken freihalten wie ihre Mutter Sophie – nur dass Sophie Sassendorf nie außer Haus berufstätig war. Ehefrau und Mutter zu sein war stets ihre Hauptaufgabe. Das ist in Ordnung, aber wie kann ein Vater so weltfremd sein und von seiner Tochter zwei Vollzeitjobs gleichzeitig verlangen?

Paula gibt alles, um den unerfüllbaren Anforderungen ihres Vaters dennoch zu genügen. Ja, okay, auf Jura hat sie sich nicht eingelassen. Sie hat BWL studiert, arbeitet in ihrem Beruf und müht sich jahrelang, dem Geschäftsmann Alexander eine perfekte Partnerin zu sein. Doch wie sehr sie sich auch abstrampelt, sie kann es weder ihrem Vater noch ihrem Lebensgefährten jemals recht machen.

Von der Betriebswirtin zur Biobäuerin

Als Paulas Großvater Mattes zum Pflegefall wird, schmeißt sie in Düsseldorf alles hin und zieht auf seinen Bauernhof in die Eifel. Ihr Wunschtraum: das landwirtschaftliche Anwesen, an dem sonst kein Familienmitglied Interesse hat, später zu übernehmen. Sie möchte aus dem unrentablen Milchbetrieb einen Ferienbauernhof machen mit Ziegenherde, Bio-Produkten, Marmelade aus eigenem Obst und ein paar Blockhütten als Unterkunft für Feriengäste. Ihr Bruder Jakob möchte eigentlich mit einsteigen, traut sich aber nicht, bei seinem Vater zu kündigen. Außer Paula, Jakob und den Großeltern hält nämlich alle Welt die Sache mit dem Bio-Ferienhof für eine Rossidee.

Auch wenn Paula finanziell nicht auf Rosen gebettet ist und Bruder Jakob den Allerwertesten nicht hochkriegt – nach dem Tod des Großvaters legt sie los und krempelt den Hof um. Hilfe hat sie von ihrem Mitarbeiter Finn, von Großmutter Claire und dem Handwerker Theo Freimuth, den ihr ein alter Freund vermittelt hat.

Freunde mit gewissen Vorzügen

Zwischen Paula und Theo sprühen vom ersten Moment an die Funken, aber mehr als „Freundschaft mit gewissen Vorzügen“ ist für beide nicht drin, da sind sich einig. Sie haben noch an ihren vorherigen Beziehungen zu knabbern.

Wären sie wirklich ein Paar mit konkreten Zukunftsplänen, könnte Paula Theos Hilfe akzeptieren, als sie unversehens in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten gerät. Aber sie will Theos Darlehen nicht annehmen. Stattdessen bittet sie ihren Vater um Hilfe. Der lehnt rundheraus ab und tritt noch kräftig nach. Das hat man dann, wenn man sein eigenes Ding macht und nicht nach Papas Pfeife tanzt!

Eine Werbeveranstaltung in Gestalt eines großen Hoffestes soll die Wende bringen. Freunde und Familie legen sich mächtig ins Zeug, damit das Fest Geld in Paulas Kasse spült und ihr Angebot potentiellen Kunden bekannt macht. Es ist ein Vergnügen, den Leuten zuzusehen, wie sie vor Kreativität sprühen und engagiert zusammenarbeiten. Das Fest kann doch nur ein grandioser Erfolg werden!

Auf Kerle ist kein Verlass!

Als Leserin ahnt man aber schon, dass bei Pechvogel Paula wieder alles schiefgehen wird. Und in der Tat … ein unvorhergesehenes Ereignis könnte für ihr Projekt das endgültige Aus bedeuten und für sie den finanziellen Ruin. Theos Reaktion darauf bestätigt ihre bisherige Erfahrungen: Ob Väter, Brüder oder Liebhaber – auf Kerle ist einfach kein Verlass!

War’s das jetzt mit dem Hof und dem charmanten Handwerker? Oder kommt Paula doch wieder aus diesem Schlamassel heraus? Aus eigener Kraft ganz bestimmt nicht. Da müsste schon ein Wunder geschehen – oder zwei oder drei.

Die tatkräftige Paula beim Verwirklichen ihres Traums vom Bio-Bauernhof zu begleiten ist eine Freude! Die Frau ist denkbar uneitel, nicht zimperlich, traut sich alles zu und kann ordentlich zupacken. Man leidet mit ihr, wenn wieder mal alles den Bach runtergeht, denn mittlerweile teilt man ihre Visionen und wünscht ihr so sehr, dass ihre Pläne Wirklichkeit werden. Durchdacht ist es ja, was sie plant. Es kommt nur immer alles anders.

Als Leser*in, die doppelt so alt ist wie die Heldin, dachte ich manchmal: „Mädchen, prüf’ die Papiere von deinem Hof. Alle! Such dir notfalls einen Experten, der dir hilft. Deine Verwandten haben was vom Land verstanden, aber nicht viel vom Wirtschaften!“ Doch Paula ist gerade mal 30. Da hätte ich diese Erfahrung und dieses Grundmisstrauen auch noch nicht gehabt.

Ist Theo überhaupt ein Traummann?

Manchmal hatte ich, unabhängig vom Alter, leichte Schwierigkeiten, die Beweggründe der Akteure nachzuvollziehen. Gut, dass Paula in Sachen Vertrauen vorgeschädigt ist und manchmal überreagiert, kann ich verstehen. Die Männer in ihrem Leben haben sie schon oft im Stich gelassen. Aber ist ein Kerl, der so viel zu verbergen scheint wie Theo, überhaupt ein Traummann? Da würde ich mich ständig angstvoll fragen, was noch alles rauskommt, wenn er wieder Mal verstummt und auf Tauchstation geht. Dem würde ich auch nicht über den Weg trauen. Aber er behandelt Paula so viel besser als ihr Ex es je getan hat, dass sie das vermutlich einfach ignoriert.

Dass Paulas Vater nicht kreativer ist, als seine Tochter seine Hilfe braucht, hat mich schockiert. Wenn er ihr kein Geld leihen mag, weil er von ihrem Konzept nicht überzeugt ist, kann ich das verstehen. Es ist ja seines und er will es nicht an eine aussichtslose Sache verlieren. Aber gäb’s da nicht noch sowas wie eine vorzeitige Erbauszahlung? Das hätte man zumindest prüfen und diskutieren können. So brutal hätte Sassendorf seine Tochter nicht abblitzen lassen müssen. Aber vielleicht war er an einer Lösung ihres Problems gar nicht interessiert und es ging ihm nur darum, sie dafür zu bestrafen, dass sie ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen lebt. Ich hätte den Kerl jedenfalls würgen können! Und den launischen Theo manchmal auch.

Unterhaltsame Verwicklungen

Die Frauen in diesem Roman sind deutlich pragmatischer und toleranter als die Männer, aber dafür wesentlich emotionaler … was auch nicht immer zielführend ist. Wenn Männlein und Weiblein sich immer so anstellen, bis sie endlich miteinander klarkommen, ist es direkt ein Wunder, dass unsere Art noch nicht ausgestorben ist. 😉 Für die Leser*innen sind diese komplizierten Verwicklungen aber sehr unterhaltsam, vor allem dann, wenn sie selbst eine Affinität zum Landleben haben.

Die Autorin

Cordula Gravensteiner lebt im Kölner Süden. Den Ausgleich zum Großstadtdschungel findet sie mit Mann und Hund in der rauen Eifel, wo sie durch Spaziergänge bei Wind und Wetter ihren inneren Akku füllt. Leben mit allen Sinnen ist ihr Motto, welches sie am liebsten durch leckeres Essen, Singen unter der Dusche oder dem Ausdenken von Geschichten unterstreicht.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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