Emma Rous: Die Zwillinge von Summerbourne. Roman

Emma Rous: Die Zwillinge von Summerbourne. Roman, OT: The Au Pair, aus dem Englischen von Alexandra Kranefeld, München 2020, Blanvalet, ISBN 978-3-7341-0700-9, Klappenbroschur, 461 Seiten, Format:  11,9 x 3,5 x 18,8 cm, Buch: EUR 10,99 (D), EUR 11,30 (A), Kindle: EUR 8,99.

Abb. (c) Blanvalet

„Wie soll man damit umgehen, wenn man als Wechselbalg oder Koboldskind bezeichnet wird, wenn man erfährt, dass das Schicksal der Familie unter einem schlechten Stern steht, durch eigene Schuld, und dass auf einem selbst als Zwilling ein Fluch liegt?“ (Seite 222)

August 2017: Auch in der heutigen Zeit gibt’s im ländlichen Norfolk noch jede Menge Aberglauben. Kobolde, Wechselbälger, Familienflüche … die dörfliche Folklore ist voll davon. Seraphine Mayes, 25, hat in ihrer Kindheit sehr unter diesem Geschwätz gelitten. Dunkelhaarig, braunäugig und mit olivfarbenem Teint sieht sie ganz anders aus als der Rest ihrer Familie. Deshalb munkelt die Dorfgemeinschaft, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern sei. Zumal sie einen Zwillingsbruder hat, der laut „Fluch“ das Säuglingsalter nicht hätte überleben dürfen. Dafür gibt’s in der Familiengeschichte leider ein paar traurige Beispiele.

Ist Seraphine ein Kuckuckskind?

Die pragmatische und bodenständige Seraphine vermutet eher, dass sie ein Kuckuckskind ist und ihr Zwilling Daniel gar nicht ihr leiblicher Bruder. Daniel ist das egal, ihrem Jahre älteren Bruder Edwin ebenfalls. „Seph“ ist ihr „Schwesterherz“, basta. Das Geschwätz der Leute interessiert sie nicht.

Mit ihrer unnahbaren Großmutter Vera kann Seraphine nichts so Persönliches besprechen. Die ist eher eine gestrenge Clanchefin als eine liebevolle Oma. Dass mit Seraphines Abstammung etwas faul ist, scheint sie aber zu wissen – oder zumindest zu ahnen -, denn den Familiensitz „Summerbourne“ soll Globetrotter Daniel erben, nicht Seraphine, die als einzige aus der Sippe an dem Anwesen hängt.

Die Eltern kann Seraphine nicht befragen. Ihre Mutter Ruth hat kurz nach der Entbindung Selbstmord verübt und ihr Vater wollte deshalb nie über die Vergangenheit sprechen. Jetzt ist auch der Vater verstorben und Seraphine sichtet auf Summerbourne seine Unterlagen. Dabei findet sie ein Foto, das ihren Befürchtungen neue Nahrung gibt: Es zeigt ihre Eltern mit Edwin und nur einem Baby. Das Foto muss kurz vor dem Tod ihrer Mutter aufgenommen worden sein. Wieso sind nicht beide Zwillinge auf dem Bild?

Das Au-pair-Mädchen weiß sicher mehr

Wenn schon die Familie nicht reden kann oder will, müsste das damalige Au-pair-Mädchen Laura Silveira Licht ins Dunkel bringen können. Sie muss das Foto gemacht haben. Sie war es auch, die Ruth bei der Entbindung – einer Hausgeburt – beigestanden hat. Nach Ruths Tod war Laura dann blitzartig verschwunden.

Seraphine beginnt Laura zu stalken. Doch die weiß genau, wer sie verfolgt und geht jedem Versuch einer Kontaktaufnahme aus dem Weg. Sie hat einiges zu verbergen, wie die Leser*innen bald von ihr selbst erfahren, denn auf einer zweiten Zeitebene erzählt sie von ihrer Zeit als Au-pair auf Summerbourne.

Im August 1991 kommt Laura als Achtzehnjährige aus London auf den vornehmen Landsitz der Familie Mayes. Laura stammt aus prekären Verhältnissen und hat wegen persönlicher Probleme das letzte Schuljahr verpasst. Bis sie die Abschlussprüfungen nachholen kann, hat ihr Stiefvater sie zum Geldverdienen auf das Gut geschickt. 

Wider Erwarten finde Laura es toll, Kindermädchen des vierjährigen Edwin zu sein. Summerbourne kommt ihr vor wie das Paradies und die Familie behandelt sie auch einigermaßen anständig. 

Recherchen mit verwirrenden Ergebnissen

Gut: Großmutter Vera Blackwood merkt man überdeutlich an, dass sie das Geld und das Sagen hat. Sie springt mit Angestellten und Angehörigen gleichermaßen nach Gutsherrenart um. Und Ruth ist extrem launisch, kapriziös und unberechenbar. Aber ihr Mann, Dominic Mayes, ist freundlich und umgänglich. Und als Laura sich in den Nachbarn Alex verliebt, will sie gar nicht mehr weg aus Summerbourne. Doch leider hat der smarte Herr Doktor zunächst nur Augen für die verheiratete Ruth.

Je mehr Seraphine recherchiert, desto mehr Möglichkeiten tun sich auf. Aber vielleicht ist doch alles ganz anders abgelaufen als alle denken? Denn da gibt’s noch Kiara Kaimal, die genau so alt ist wie Seph und Danny, deren Mutter aber niemand zu kennen scheint …

Als die ganze Wahrheit endlich auf dem Tisch liegt – und die Leser*innen sich einen Stammbaum gezeichnet haben, um nicht restlos den Überblick zu verlieren -, ist eines klar: Keiner aus dem Blackwood-Mayes-Familienclan kann sich jetzt noch auf Unwissenheit herausreden. Aber wie weit sind sie gegangen um ihre Geheimnisse zu bewahren …?

Geheimnisse, Zufälle und nervige Weiber

Ich liebe Geschichten mit Familiengeheimnissen! Hier ist es ein besonders verzwicktes. Was passiert sein muss, ist schon irgendwie klar – aber wer mit wem und wohin welches Kind gehört, das erfahren wir erst zum Schluss. Die Autorin macht es wirklich spannend. Okay: Man muss schon an viele Zufälle glauben und es hätte auf jeder Zeitebene Möglichkeiten gegeben, die Katastrophe aufzuhalten. Das hätte so nie passieren müssen.

Fast hätte ich das Buch unterwegs abgebrochen, weil ich Vera und Ruth so unerträglich fand. Arrogante Schnepfen sowie unterbeschäftigte Zicken, die permanent Aufmerksamkeit brauchen und ihre Mitmenschen mit ihren Launen terrorisieren, gehen mir furchtbar auf den Keks. Ja, ich weiß, dass die beiden Frauen so sein müssen, damit die Geschichte funktioniert. Figuren, die von der Leserschaft so inbrünstig verabscheut werden, muss man als Autor*in erst mal schreiben können. Hut ab! Trotzdem: Die Weiber nerven.

Imponiert hat mir Seraphine. Egal, wie abweisend und feindselig sich ihr Umfeld auch benimmt: Sie will unbedingt die Wahrheit wissen und forscht unbeirrt so lange nach, bis sie sie kennt. Wenn man die ungewöhnliche Häufung von Zufällen akzeptieren kann und nicht dauernd denkt: „Die Familie hat Kohle ohne Ende. Warum lässt Seph nicht einfach einen DNA-Test von sich und ihrer Familie machen? Dann wüsste sie zumindest, ob Kuckuckskinder dabei sind“, hat man spannende Unterhaltung.

Die Autorin

Emma Rous wuchs in England, Indonesien, Kuwait, Portugal und Fidschi auf, und schon als Mädchen waren ihr zwei Dinge am wichtigsten: Geschichten zu schreiben und sich um Tiere zu kümmern. Sie studierte Tiermedizin und Zoologie in Cambridge und arbeitete achtzehn Jahre als Tierärztin, bevor sie anfing zu schreiben. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und drei Söhnen in Cambridgeshire, England.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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