Christine Sonvilla: Europas kleine Tiger. Das geheime Leben der Wildkatze

Christine Sonvilla: Europas kleine Tiger. Das geheime Leben der Wildkatze, Salzburg 2021, Residenz Verlag, ISBN 978-3-701-73523-5, Klappenbroschur, 256 Seiten, mit Landkarte und farbigen Abbildungen, Format: 21,5 x 14 x 3 cm, Buch: EUR 24,00, Kindle: EUR 17,99.

Abb.: (c) Residenz Verlag

„Hauskatzen sind von Wildkatzen genetisch viel weiter entfernt als der Haushund vom Wolf“, erklärt [Carsten] Nowak [vom Senckenberg Forschungsinstitut]. (Seite 66)

Nein, mit unseren Hauskatzen haben die echten Europäischen Wildkatzen (Felis silvestris) nichts zu tun, obwohl sie der klassischen Tigerkatze durchaus ähnlich sehen. Unsere „Stubentiger“ (Felis catus) stammen von der Afrikanischen Falbkatze (Felis lybica lybica) ab, die im Nahen Osten und in Afrika verbreitet ist. Seefahrende Völker wie die Phönizier und die Griechen sowie auch Legionen der Römer trugen zur Verbreitung der Katze im Mittelmeerraum bei. Vor rund 2.000 Jahren haben die frühen Hauskatzen dann auch Mitteleuropa „erobert“. Sogar die Wikinger fanden Gefallen an ihnen und nahmen welche mit heim.

Verwandte unserer Hauskatzen

Während die Hauskatzen, wie der Name schon sagt, mit der Zeit domestiziert wurden, blieb die Europäische Wildkatze ein Wildtier. Man vermutet, dass sie aus Asien eingewandert ist – vor ungefähr 450.000 bis 200.000 Jahren. Von Großbritannien bis Bulgarien, von Portugal bis in die Slowakei und im gesamten deutschsprachigen Raum haben Archäologen Spuren von ihnen gefunden. 

Ob die verschiedenen „Felis“ nun tatsächlich unterschiedliche Arten repräsentieren oder nicht, darüber streiten sich die Gelehrten. So haarscharf trennen kann man das vielleicht gar nicht: Es gibt Mischlinge und damit fließende Übergänge. Für den Laien ist die genaue Definition ohnehin nicht so wichtig. Uns reicht es zu wissen, dass das alles nähere Hauskatzenverwandtschaft ist.

Unterschiede gibt’s freilich. Zum einen äußerlich:

  • Die Europäischen Wildkatzen sind größer und gedrungener als die Hauskatzen.
  • Ihr Fell ist auffallend dicht.
  • Die Fellzeichnung der Wildkatzen ist „verwaschener“ als bei den Hauskatzen.
  • Auf ihrem Rücken verläuft ein schwarzer Aalstrich bis zur Schwanzwurzel. Bei getigerten Hauskatzen erstreckt sich diese Linie meist bis zur Schweifspitze.
  • Der Schweif ist buschiger und breiter als der der Hauskatzen, hat zwei bis drei abgesetzte schwarze Ringe und ein stumpfes, schwarzes Ende.

Und auch innerlich:

  • Weil Wildkatzen reine Fleischfresser sind, haben sie einen kürzeren Darm als die Hauskatzen. Die sind zwischenzeitlich Mischköstler geworden. Wildkatzen würden Hauskatzenfutter gar nicht vertragen.
  • Hauskatzen haben ein kleineres Gehirn als Wildkatzen. Das macht sie nicht dümmer, nur entspannter. Wie das zusammenhängt, wird im Buch deutlich.
  • Der Unterkiefer ist bei Wildkatzen ein bisschen anders gebaut als bei Hauskatzen. Der Schaueffekt, den die Autorin beschreibt, ist verblüffend, aber für den interessierten Nichtwissenschaftler nicht weiter von Belang.
  • Und ganz wichtig: Wildkatzen werden nicht zahm, selbst dann nicht, wenn sie von Hand aufgezogen werden. Spätestens in der Pubertät kommt das Wildtier durch und die Katzen wollen vom Menschen nichts mehr wissen. Es ist keine gute Idee, vermeintlich verlassene Wildkätzchen im Wald aufzulesen und zu versuchen, sie daheim aufzuziehen. Was man stattdessen tun sollte, erläutert uns die Autorin. 

Mischlinge sind selten

Wildkatzen leben sehr scheu und versteckt im Wald und im angrenzenden Offenland. Wo immer es Beute (Nager, Wildkaninchen) und Versteckmöglichkeiten (Dickicht, Fuchs- oder Kaninchenbauten) gibt, ist sie anzutreffen. In dicht besiedelten Gebieten überlappen sich ihre Reviere schon mal mit denen der Hauskatzen. In Ausnahmefällen kann es vorkommen, dass sich Wild- und Hauskatzen paaren und es Mischlingskitten gibt, aber normalerweise bleiben die Arten für sich. 

Eine streng zu schützende Art

In der Roten Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzunion wird die Wildkatze als „nicht gefährdet“ geführt. Dennoch ist die als selten und versteckt lebende Art in ihrem Fortbestand bedroht und zählt europaweit zu den „streng zu schützenden Arten“. Wenn die Wildkatzen ein so diskretes und vom Menschen unbeobachtetes Leben führen und man sie zudem auf den ersten Blick mit einer Hauskatze verwechseln kann, woher weiß man dann überhaupt, ob es (noch oder wieder) Populationen in den Wäldern gibt oder ob der Bestand längst ausgestorben ist? 

Die Suche nach den Katzen gestaltet sich recht mühselig, wie die Autorin anschaulich beschreibt. Man stellt in den Gebieten, in denen sie vermutet werden, Fotofallen auf und mit Baldrian bestrichene „Lockstöcke“. Wenn sich die Katzen an den Stöcken reiben, hinterlassen sie mit etwas Glück Haare, die man dann im Labor genetisch untersuchen kann. Mit einem Augenzwinkern bezeichnet Christine Sonvilla das als „CSI-Methoden“. Und es gibt Hunde, die man speziell darauf trainiert, Wildkatzenlosung (Kot) zu finden. Das alles ist zeit- und personalintensiv und kostet natürlich Geld. 

Wildkatzenforschung

Nicht in allen Ländern hat man Interesse daran, in Wildkatzenforschung zu investieren. Dafür sind die Tiere wohl nicht spektakulär und „wichtig“ genug. Eine Forscherin erzählt, dass in ihrer Muttersprache für „Wildkatze“ und „Streuner“ dasselbe Wort verwendet wird. Dementsprechend niedrig ist da der Stellenwert dieser Tiere. Wenn man sie besser „vermarkten“ könnte, wäre das womöglich anders. Aber wie soll das gehen mit Katzen, die sich vorm Menschen verstecken?

Nicht nur der Laie ist in Sachen Wildkatzen weitgehend ahnungslos, auch die Expert:innen wissen noch lange nicht alles. Ist es wirklich so, dass Felis silvestris, was ja „Waldkatze“ bedeutet, nur in Gebieten mit ausreichenden, zusammenhängenden Waldflächen vorkommt? Und wenn sie sich im Offenland aufhalten: War das schon immer so, und man hat das nur nicht gewusst, oder ist das eine neue Entwicklung? Dass sie nicht wasserscheu sind, ist bekannt. Aber schwimmen sie tatsächlich durch Flüsse? Und sind sie wirklich so einzelgängerisch wie man sagt, oder haben sie nicht doch auch eine gewisse Sozialkompetenz? Und wie schaut das aus mit dem Klimawandel? Profitiert der Bestand der Wildkatzen durch die globale Erwärmung oder nimmt er weiteren Schaden?

Es gibt noch vieles zu entdecken

Es gibt noch vieles zu erforschen und für den interessierten Laien eine Menge zu entdecken. Die Reihe LEBEN AUF SICHT, zu der der vorliegende Band gehört, versteht sich als „Missing Link zwischen Fachwelt und wachem Geist“ (Klappentext). Ich kenne keine weiteren Bände der Reihe, aber dieser hier wird seinem Anspruch durchaus gerecht. Sachkundig, lebendig und verständlich erklärt uns dieses Sachbuch, was es derzeit über Wildkatzen zu wissen gibt. Und es war an keiner Stelle so, dass ich gedacht hätte: O je, das ist mir jetzt aber zu hoch! Das ist sehr angenehm zu lesen – auch wenn es natürlich keine „Spannungslektüre“ ist sondern interessante Wissensvermittlung.

Im Anhang gibt’s ein mehr als 20seitiges Register – für mich immer ein Hinweis darauf, dass sich die Autorin wirklich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Ferner finden wir eine Anzahl weiterführender Links und eine Art Notfallplan für den Fall, dass man eine pflegebedürftige Wildkatze gefunden hat. Denn, wie gesagt, man kann sie nicht einfach mit heimnehmen und wie eine Hauskatze behandeln.

Die Autorin

Christine Sonvilla, geboren 1981 in Klagenfurt, lebt in Mürzzuschlag. Nach Studien der Germanistik und Biologie machte sie sich als Fotografin, Filmerin und Autorin mit Fokus auf Naturthemen selbstständig. Christine Sonvilla konzentriert sich in ihrer Arbeit auf Natur- und Artenschutz-Themen. Für jene zu sprechen, die es selber nicht können, das ist ihr ein Anliegen. Ihre Arbeiten wurden mehrfach international ausgezeichnet und erschienen u. a. im National Geographic Magazin.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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