Elke Schwab: Kriminelle Intelligenz. Ein Baccus-Borg-Krimi

Elke Schwab: Kriminelle Intelligenz. Ein Baccus-Borg-Krimi, Münster 2021, Solibro Verlag, ISBN 978-3-96079-088-4, Softcover, 376 Seiten, Format: 11,8 x 2,7 x 18,8 cm, Buch: EUR 14,00, Kindle: EUR 10,99.

Abb.: (c) Solibro-Verlag

Was erwartet uns hier? Ein (Regional-)Krimi mit einem Hauch Science Fiction. Die Geschichte spielt im Saarland, hat einen leicht komödiantischen Touch, macht sich aber nicht über die Region und ihre Bewohner lustig. Und kein Mensch spricht Dialekt!

Aus wirtschaftlichen Gründen ist es eine große Sache, dass die Firma DynamoCars am Stadtrand von Saarlouis ein supermodernes Werk errichtet hat. Damit die Firma genügend Platz für ihre Produktionsstätten bekam, mussten Anwohner ihre Häuser verkaufen. Und jetzt werden da Elektroautos gebaut. Der neueste Coup des Unternehmens: autonom fahrende Kraftfahrzeuge. Die sind noch in der Testphase. Aber das wär’s natürlich: Wenn das kleine Saarland den namhaften Mitbewerbern in aller Welt hier um eine Nasenlänge – ach was: um eine Autolänge! – voraus wäre!

Ein Toter in der Baugrube

Da ist es natürlich eine heikle Sache, dass bei den Aushubarbeiten für eine neue Produktionshalle ein Toter gefunden wird. Der liegt da schon ein paar Jahre und er ist da nicht zufällig hingeraten. Die Mordwaffe wird ganz in seiner Nähe entdeckt. Für die Kriminalkommissare Lukas Baccus und Theo Borg sowie ihre Kollegen ist schnell klar: Bei dem Mordopfer handelt es sich um Ulf Brehmer, der sich vor fünf Jahren vehement gegen den Verkauf seines Hauses gewehrt hat, obwohl DynamoCars mehr als großzügige Entschädigungssummen gezahlt hat. Und plötzlich war er verschwunden.

Hat die Firma ihn verschwinden lassen? Oder waren es verkaufswillige Hauseigentümer aus seiner Nachbarschaft, die Angst hatten, dass Brehmer ihnen den Deal ihres Lebens versaut? Wenn DynamoCars die Nase voll gehabt hätte von den Protesten und sich einen anderen Standort gesucht hätte, wäre den Hausbesitzern eine Menge Geld entgangen. So viel wie von der Autofirma hätten sie für ihre Immobilie von niemand anderem bekommen! Doch diese Theorie ist aus einleuchtenden Gründen schnell wieder vom Tisch.

Tödliche Testfahrten

Der fünf Jahre alte Mordfall rückt etwas aus dem Fokus, als es bei Testfahrten mit den autonomen Fahrzeugen zu einer Serie von tödlichen Unfällen kommt. Offensichtlich ist die Technik nicht so ausgereift, wie die Verantwortlichen glauben. Sie ist auf jeden Fall erschreckend anfällig für Störungen von außen. Es ist nicht einfach technisches Versagen, da murkst jemand an den Autos rum! Wir Leser:innen wissen das lange vor dem Firmenchef und der Polizei, weil wir parallel zur Handlung die Gedanken des Saboteurs verfolgen – ohne zu wissen, wer es ist und warum er/sie das macht. Ist es überhaupt ein Mensch? Oder entwickelt hier die künstliche Intelligenz ein monströses Eigenleben?

Für die Kripo ist die Technik hinter den autonom fahrenden Autos Neuland. Die Beamten haben weder das nötige Know-how noch die passende Ausrüstung, um mit dem mörderischen Saboteur Schritt zu halten. Verschiedene personelle und persönliche Probleme sowie die Weisung „von oben“, der Firma DynamoCars keinesfalls Ungelegenheiten zu bereiten, erschweren die Ermittlungen zusätzlich.

Saboteur, Mörder, Attentäter

Zwar hat Kriminalpsychologin Silvia Tenner schon bald eine Vorstellung davon, wie der Täter tickt, aber leider tummeln sich im Dunstkreis der Autofirma haufenweise Nerds, auf die diese Beschreibung mehr oder weniger zutrifft. Unklar ist, ob der Saboteur/Mörder/Attentäter die Opfer seiner „Verkehrsunfälle“ kannte oder ob es sie zufällig erwischt. Möchte er generell das Projekt „selbstfahrende Autos“ torpedieren, will er speziell diesem Unternehmen schaden oder ist er auf einem ganz anderen Trip? Mit viel Phantasie lassen sich zwischen den Opfern Gemeinsamkeiten konstruieren, aber das könnte auch Zufall sein. Und es ist immer noch die Frage offen, wer vor fünf Jahren den Protestler Uwe Brehmer erstochen hat. Können die beiden Fälle zusammenhängen? 

Den Damen und Herren von der Kripo bleibt nichts anderes übrig, als tief in die Welten der Technik und Psychologie einzutauchen, um den oder die Täter zur Strecke zu bringen. Durch elegantes und aufs Nötige reduziertes „Infodumping“ lernen wir Leser:innen zusammen mit den Kriminalbeamten so manches dazu. Das macht uns noch nicht zu Expert:innen für autonomes Fahren oder für Persönlichkeitsstörungen. Aber wir können durch das, was die Autorin ihre Fachleute erklären lässt, die Vorgänge ansatzweise nachvollziehen und sie erscheinen uns plausibel.

Auch wenn wir Leser:innen wissen, was der Täter denkt, sind wir nicht wesentlich schlauer als die Polizei. Die hat viele Theorien und Denkansätze, und alle erscheinen uns gleichermaßen möglich.

Mit Hang zur Krimi-Parodie

Damit die Geschichte nicht zu grausam und faktenlastig wird, gibt’s jede Menge galgenhumoriges Geplänkel unter den Kolleg:innen. Manchmal kippt das ganze schon ein bisschen in Richtung Krimi-Parodie. Der polternde Kriminalrat, der seine Mitarbeiter wie ungezogene Schulbuben antreten lässt und runterputzt sowie der Kollege, der bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Bibelzitate raushaut, das sind für mich Karikaturen. Und dass die Kommissare Lukas Baccus und Theo Borg – zwei mäßig erfolgreiche „spätmittelalte“ und ziemlich durchschnittliche Kerle – wieder mal die heißesten Weiber abschleppen, ist ein Klischee, bei dem ich nicht weiß, wie ernst ich es nehmen soll. Wird das hier nur durch den Kakao gezogen? 

Den ernsten Kriminalfall und die herumkaspernden Polizisten kriege ich manchmal nicht so recht zusammen. Ein bisschen Humor muss schon sein, aber ich möchte das Ermittlerteam noch für voll nehmen können. Das gelingt mir hier nicht immer. (Die letzte Testfahrt! Die Krankenhausszenen!)

Schwachstelle Mensch

Die Kriminalfälle rund um die Autofirma finde ich spannend und faszinierend. Ich mag ja so Technik-Kram. Hat man sich noch einen Rest von naivem Fortschrittsglauben bewahrt, vergeht einem dieser hier schnell. Theoretisch mag ja alles wunderbar funktionieren – die Schwachstelle ist der Mensch. Macht er Fehler oder pfuscht gar böswillig in den Abläufen herum, wird’s sehr schnell sehr gefährlich. 

Ich hoffe, im realen Leben ist der Fahrer der Technik eines selbstfahrenden Autos nicht ganz so hilflos ausgeliefert wie im Roman. Hier und da eine mechanisch zu betätigende Notfall-Lösung wäre sicher nicht schlecht. Und nun interessiert mich, wie sich das tatsächlich verhält. Schon verblüffend, wie es Unterhaltungsliteratur manchmal schafft, dass man sich mit Themen beschäftigt, die man nie zuvor auf dem Schirm hatte.

Die Autorin

Nach vierzehn Jahren in Frankreich hat sich die mehrfach ausgezeichnete Autorin nun wieder im Saarland niedergelassen, wo sie lebt – zusammen mit Ehemann, Pferd und Katze. Elke Schwab wurde 1964 in Saarbrücken geboren und ist im Saarland aufgewachsen. Nach dem Gymnasium in Saarlouis arbeitete sie über zwanzig Jahre im Saarländischen Sozialministerium. 2000 brachte sie ihr erstes Buch auf den Markt. Seitdem sind dreiundzwanzig Krimis und sechs Kurzgeschichten von ihr veröffentlicht worden. 

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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