Patrizia Zannini: Commissario Leone und die Tränen der Madonna. Ein Rom-Krimi

Patrizia Zannini: Commissario Leone und die Tränen der Madonna. Ein Rom-Krimi, München 2022, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-50576-5, Softcover, 310 Seiten, Format: 12 x 2,5 x 18,7 cm, EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 5,99.

Abb.: (c) Piper Verlag

„Enzo war in Gedanken bereits wieder bei Ugo Santis. Wer hätte diesen jungen Mann umbringen wollen? Absolut jeder betont, wie außergewöhnlich freundlich und hilfsbereit er war. […] Wie immer, wenn er nicht weiter wusste, ging er im Geiste die Gründe durch, die Menschen zu einem Mord trieben: Neid, Eifersucht, Hass, Habgier, Vertuschung, Rache oder die reine Lust am Töten. Sie hatten längst nicht alle abgehakt.“ (Seite 47)

Commissario Enzo Leone, 30, hat’s nicht leicht. Nicht nur, weil es im sommerlichen Rom gerade unerträglich heiß ist. Seiner Abteilung mangelt es an Personal, Abhilfe ist nicht in Sicht. Der neue Computerfachmann ist ein rotzfreches Jüngelchen mit einflussreichem Papa. Enzos eigener Vater, ein pensionierter Richter, ist enttäuscht, weil sein Sohn zur Polizei gegangen ist, statt die Juristenlaufbahn einzuschlagen. Seine Mutter erwartet allen Ernstes von ihm, dass er sich um die elterliche Wohnung samt Pflanzen kümmert, während sie mit ihrem Mann wochenlang im Sommerhaus in den Albaner Bergen weilt. Als hätte er sonst nichts zu tun! Wo ihn doch schon Freundin Clara verlassen hat, weil er nie Zeit für sie hatte. 

Kein Suizid! Ein Mordfall!

Dann kommt auch noch die alte Signora Gaeta daher und verlangt, dass er sich ein „Wunder“ ansehen soll, das sich in der Kirche ereignet, in die sie immer geht. Die Madonnenstatue dort weint blutige Tränen. Für so einen Mumpitz hat der Commissario im Moment gar keinen Kopf. Der angebliche Suizid des Kunststudenten Ugo Santis hat sich nämlich gerade als Mordfall erwiesen und kein Mensch kann sich erklären, wer dem unauffälligen jungen Mann so etwas hätte antun wollen. Zu holen war bei ihm nichts. Und warum findet man Spuren von Öl und Mehl an dem Toten?

Wir Leser:innen wissen jedoch etwas, das die Autorin der Polizei vorenthält: Der Täter hat noch zehn weitere Opfer auf dem Zettel – und er hat etwas aus Ugo Santis’ Wohnung mitgehen lassen, das vielleicht einen Hinweis auf sein Motiv geben könnte. Besonders rational scheint er allerdings nicht vorzugehen. Seine Pläne haben etwas Wahnhaftes.

Was haben die Opfer gemeinsam?

Weil die Polizei ratlos ist, kann sie auch nicht verhindern, dass es weitere Mordfälle nach demselben Muster gibt. Ein einzelgängerischer Kunststudent, eine Schülerin mit psychischen Problemen, ein kiffender Touristenführer und die sportliche Tochter eines japanischen Gastwirts. Was haben die Opfer nur gemeinsam? Gut, sie sind ungefähr im selben Alter, aber sie stammen nicht alle aus Rom und haben einander nicht gekannt.

Als geübte:r Krimi-Leser:in hat man relativ schnell eine Theorie und möchte am liebsten die Polizisten am Ärmel zupfen und sagen: „Prüft doch mal dies, fragt doch mal das! Und schaut dem und jenem auf die Finger … da gehen ganz merkwürdige Dinge vor sich!“ Aber wir können uns leider nicht bei den Romanfiguren bemerkbar machen und müssen daher hilflos zusehen, wie die Ermittlungen immer wieder knapp an dem vorbeischrammen, was wir für die Wahrheit halten.

Immer wieder führt die Spur in die Kirche mit der Blut weinenden Madonna. Signora Gaeta hätte bestimmt eine Menge darüber zu erzählen, aber sie ist leider nicht zu erreichen …

Schlauer als die Polizei

Auch mal schön, wenn der Leser (gefühlt!) schlauer ist als die ermittelnden Beamten und dauernd darauf hinfiebert, dass diese endlich in dieselbe Richtung denken wie er. Warum bemerken die Polizisten nicht, was für Ugos Schwester so offensichtlich ist? Wieso hören sie nicht auf die junge Fallanalytikerin? Und weshalb sind sie in Bezug auf die Spuren am Tatort so begriffsstutzig?

Was wir denken sollen

Nun, durch die Auswahl dessen, was uns die Autorin über Nebenfiguren und Nebenhandlungen erzählt, läuft unser Denken gezielt in eine Richtung. Die Polizisten haben diese Lenkung nicht. Doch wenn Autor:innen so etwas tun, muss man immer auch in Betracht ziehen, dass sie womöglich falsche Fährten legen und uns gezielt in die Irre führen.

Es wuseln viele Figuren in dem Roman herum, aber ich war jederzeit darüber im Bilde, wer hier wer ist. Dabei hilft, dass mit dem Namen meist auch die Berufsbezeichnung, der akademische Grad bzw. der Rang genannt wird. Die Begeisterung für Titel hat durchaus Vorteile. 

Meinetwegen dürfen diese Römer gern in Serie gehen! Es ist ja auch noch nicht alles gesagt. Ich wüsste zum Beispiel gern, ob die Sache mit Rosas drei Münzen nun geklappt hat und ob Commissario Leones Vater endlich einsieht, dass sein Sohn einen guten Job macht und auf seinem Posten goldrichtig ist. Den jungen Computer-Spezi, so impulsiv und großspurig er auch ist, sollte die Polizei sich warm halten. Er ist kompetent und unerschrocken und ich könnte mir vorstellen, dass seine familiären Kontakte zu den Großkopferten manchmal hilfreich sein könnten.

Und was ist jetzt mit dem Wunder der weinenden Madonna? Hm, das weiß wohl nur Gott – und die Jungs vom Vatikan.

Kopfnuss und Bonus

Eine Kopfnuss gibt’s fürs Korrektorat: „Heißer“ im Sinn von „wärmer“ und „heiser“ im Sinn von „Halsbeschwerden“ sind zwei verschiedene Wörter. 😉 Da hat die Autokorrektur wohl mehrfach eigenmächtig gehandelt und niemand hat’s gesehen. – Einen Bonus gibt’s für die Leser:innen im Anhang: ein Rezept für „Pasta al Forno“. Gutes Essen ist in diesem Buch sehr wichtig. Der Commissario versteht etwas davon, hat aber wenig Zeit dafür, stapft meist hungrig durch den Fall und greift tüchtig zu, wann immer sich die Gelegenheit bietet. 

Die Autorin

Patrizia Zannini wurde in Stuttgart geboren. Sie ist ausgebildete Fotografin und studierte Werbung. Sie arbeitete erfolgreich als Texterin und Konzeptionerin in einem großen Verlag. Inzwischen widmet sich Patrizia Zannini ganz dem Schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie in Stuttgart und Berlin.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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