Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie. Roman

Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie, Roman, OT: Lessons in Chemistry, aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, München 2022, Piper Verlag, ISBN 978-3-492-07109-3, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 461 Seiten, Format: 14,4 x 3,6 x 21,8 cm, Buch: EUR 22,00 (D), EUR 22,70 (A), Kindle: EUR 16,99. Auch als Hörbuch/Audio CD lieferbar.

Abb.: (c) Piper Verlag

„Elizabeth Zott würde etwas anderes sagen, aber ‚Essen um sechs’ ist nicht bloß eine Einführung in die Chemie“, schrieb er. […] „Es ist ein dreißigminütiger, fünffach die Woche stattfindender Unterricht in Sachen Leben. Dabei geht es nicht darum, wer wir sind oder wo wir herkommen, sondern darum, wer wir werden können.“ (Seite 395)

Commons, Florida, Anfang der 1950er-Jahre: Ist sie nur hochbegabt und introvertiert oder ist sie nicht neurotypisch? Die intelligente junge Chemikerin Elizabeth Zott tut sich jedenfalls im Umgang mit anderen Menschen schwer. Witz, Ironie und Zwischentöne versteht sie nicht. Für die Befindlichkeiten anderer Leute hat sie keine Antenne. Sie sagt gnadenlos ehrlich, was sie denkt, und wenn jemand deshalb beleidigt ist, kriegt sie es nicht mit. Aber sie hat ein untrügliches Gespür für Gerechtigkeit. Wenn ihr etwas unfair erscheint, geht sie auf die Barrikaden. Sie kann nicht anders.

Im frauenfeindlichen System

Als sie von ihrem Doktorvater vergewaltigt wird und ihn in Notwehr schwer verletzt, verlangt die Campus-Polizei allen Ernstes von ihr, sich bei ihm zu entschuldigen. Die haben sie ja wohl nicht alle! Elizabeth lehnt empört ab, worauf die Uni sie aus dem Promotionsprogramm ausschließt. Na, klasse: Das Opfer fliegt von der Uni, während der Täter unbehelligt davonkommt! Das System ist von Grund auf misogyn.

Als sie schließlich an einem privaten Forschungsinstitut eine Anstellung bekommt, wird sie dort unterbezahlt, gemobbt, systematisch klein gehalten – und ihr Chef gibt ihre Arbeiten als seine aus. Der erste Mensch, der sie ernst nimmt und mit dem sie sich auf Augenhöhe austauschen kann, ist ihr genialer und etwas weltfremder Kollege Calvin Evans. Die Kollegenschaft platzt vor Neid, als die beiden fachlichen Überflieger ein Paar werden. Und sie finden es total skandalös, dass sie zusammenziehen ohne verheiratet zu sein.

Calvin, der in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, träumt insgeheim von Heirat und Kindern. Für Elizabeth kommt beides nicht in Frage. Ihre Karriere als Wissenschaftlerin wäre damit zu Ende, sagt sie. Nun, das ist sie sowieso! Als Calvin tödlich verunglückt, entlässt das Institut die ungewollt schwanger gewordene Elizabeth fristlos. Aus moralischen Gründen.

Elizabeth hat keine Kraft, dagegen anzukämpfen. Sie packt ihre Sachen und wurstelt sich die nächsten fünf Jahre irgendwie durch. Ganz koscher ist ihr Geschäftsmodell nicht und es weckt ungute Erinnerungen an ihre kriminellen Eltern, aber in ihrer Lage kann sie nicht wählerisch sein.

TV-Karriere als Notlösung

Im November 1961 beschert ihr der Zufall einen ungewöhnlichen Job. Der Fernsehproduzent Walter Pine engagiert sie aus einer Notsituation heraus für eine Kochsendung im Nachmittagsprogramm. Elizabeth sieht das Geld und sagt zu. Doch sollten die Fernsehleute gedacht haben, sie können die Wissenschaftlerin in hautenge Klamotten stecken und dümmliche Texte von einer Tafel ablesen lassen, während sie sexy mit den Wimpern klimpert und ein bisschen in den Töpfen rührt, haben sie die Rechnung ohne die eigensinnige Elizabeth gemacht! Sie betrachtet es als ernste und wichtige Aufgabe, den Zuschauerinnen die Grundlagen der gesunden Ernährung beizubringen. Kochen ist für Sie Chemie und Chemie bedeutet Veränderung. Bei der Premiere schmeißt sie vor laufender Kamera die alberne Studio-Deko raus, pfeift auf die vorgegebenen Texte und zieht ihr eigenes Ding durch.

Diese eigenartige Kochsendung wird überraschenderweise ein Publikumsrenner, obwohl – oder weil? – Elizabeth von Natriumchlorid statt von Kochsalz spricht und die Hausfrauen erst im Sender anrufen müssen, um zu erfahren, dass es sich bei der geheimnisvollen Zutat CH3COOH um Essig handelt. Elizabeth bietet den Zuschauerinnen neben Ernährungstipps, Kochrezepten und Chemie-Grundkenntnissen auch Ermutigung und Lebenshilfe. So haben sich die Fernseh-Leute das zwar nicht vorgestellt, aber wenn die Kasse klingelt, bitte.

In den Fängen der Klatschpresse

Alles läuft wunderbar, sogar Elizabeths Hund „Halbsieben“ bekommt eine kleine Rolle in der Show. Und sie schafft es, ihre hochbegabte Tochter Madeline vom Medienzirkus fernzuhalten. Jedenfalls so lange, bis „Mad“ auf die Idee kommt, nach den familiären Wurzeln ihres Vaters zu suchen. Davon bekommt die Klatschpresse Wind und gräbt nun alles über Calvins und Elizabeths dubiose Familien aus. Das könnte Elizabeth noch ignorieren. Aber sie haben ihre Tochter mit hineingezogen und deren „illegitime Herkunft“ ausposaunt. Und jetzt ist Schluss mit lustig …!

In der Prä-Internet-Ära konnte eine prominente Person durchaus noch hoffen, dass ihre Privatsphäre gewahrt würde. Das waren noch Zeiten! Andererseits: Hätte einer der Fernseh-Wichtigtuer bereits googeln können, hätte er schon vorher gewusst, was wohl passieren wird, wenn man Elizabeth Zott gegenüber handgreiflich wird …

Den Schluss fand ich dann ein bisschen kitschig. Außerdem habe ich mich gefragt, warum Avery nicht von Anfang an Bildmaterial zur Untermauerung ihrer Behauptung mitgeschickt hat. Auch vor über 60 Jahren hat es schon die Möglichkeit gegeben, Originale abzufotografieren. Das wäre logisch gewesen, aber dann hätte der Plot so nicht mehr funktioniert.

Wir backen einen Bestseller

Ich habe mich amüsiert über Elizabeth, die unbeirrbar durch die Geschichte stapft wie ein Alien, das alle Welt irritiert – bis auf Calvin, der offenbar vom selben Planeten stammt wie sie. Ich habe mich mit ihr über himmelschreiende Ungerechtigkeiten aufgeregt, habe mit ihr gelitten und mit ihr triumphiert. Und doch hatte ich das Gefühl, ich lese einen Roman, der so sorgfältig komponiert wurde wie ihre Rezepte. Man nehme 200 Gramm Feminismus, 200 Gramm traurige Vergangenheit, 200 Gramm tragische Liebesgeschichte, 100 Gramm gemeine Fieslinge, einen Esslöffel gute Freunde, alles gründlich vermischen, mit einer Prise naseweisem Kind und treuem Hund abschmecken und nach dem Backen mit einem klebrig-süßen Happy End glasieren.

Ich weiß nichts über Bonnie Garmus’ Motivation, diesen Roman zu schreiben. Ich habe nur das Gefühl, dass es weniger „ich muss unbedingt diese Geschichte erzählen“ und mehr „wir backen jetzt einen Bestseller“ war. Das ist legitim, hat bestens funktioniert und ich gönne ihr den Erfolg. Aber auf mich wirkt die Geschichte einfach ein bisschen zu konstruiert.

Die Autorin

Bonnie Garmus war als Kreativdirektorin international vor allem in den Bereichen Medizin, Erziehung und Technologie tätig. Privat bevorzugt sie das Schwimmen im offenen Meer, wobei sie sich darauf konzentrieren muss, nicht darüber nachzudenken, was alles sonst noch unter ihr schwimmt. Gebürtig aus Kalifornien lebte sie lange in Seattle, wo sie sich ausgiebig dem Wettkampfrudern widmete. Sie ist außerdem Mutter zweier erwachsener Töchter und lebt aktuell mit ihrem Mann in London. Dies ist ihr erster Roman.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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