Felicitas Fuchs: Minna. Kopf hoch, Schultern zurück. Roman

Felicitas Fuchs: Minna. Kopf hoch, Schultern zurück. Roman, München 2022, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-42643-6, Klappenbroschur, 606 Seiten, Format: 13,7 x 4,7 x 20,6 cm, Buch: EUR 15,00 (D), EUR 15,50 (A), Kindle: EUR 9,99, auch als Hörbuch lieferbar.

Abb.: (c) Wilhelm Heyne Verlag

„Wenn du mal alt bist und dich einer fragt, was du in dei’m Leb’n auffe Beine gestellt hast, was sagste dann?“ – Minna warf den Kopf in den Nacken und lächelte. „Ich werde sagen: mich. Mich habe ich auf die Beine gestellt. Immer und immer wieder.“ (Seite 596)

Nach einer wahren Lebensgeschichte

MINNA ist Band 1 einer Trilogie, die von vornherein als solche konzipiert ist. Wir werden also nicht alle im Buch angedeuteten Geheimnisse an Ort und Stelle enthüllt bekommen. Da gibt es einen Spannungsbogen, der über alle drei Bände reicht. Und wer Band 1 gelesen hat, wird unbedingt wissen wollen, was Minna so Schlimmes ausgeheckt hat, dass es noch Jahrzehnte später nachwirkt.

Vielleicht ahnt ja der eine oder andere aus dem Umfeld der Autorin, was da passiert sein könnte, denn die Trilogie beruht auf den Lebensgeschichten ihrer Familie. Minna war Felicitas Fuchs’ Großmutter. Und so ist dies ein Roman, bei dem man zwar die historischen Entwicklungen kommen sieht, weil man sie ja kennt, den Plot selbst aber nicht voraussehen kann, denn den hat sich ja nicht allein die Autorin ausgedacht, da hatte die Realität ihre Finger im Spiel.

Vom Landei zur Geschäftsfrau

Düsseldorf 1924: Minna Wolf, 19, zieht mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern vom Dorf in die Stadt. Nachdem ihr Stiefvater verschwunden ist, muss ihre Familie neu anfangen. Mutter Ida ist sich nicht zu schade, als Klofrau in einem Nobelhotel zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Minnas Schwester Adele wird Dienstmädchen, Bruder Hermann arbeitet als Fotograf und der chronisch kranke Karl ist Hilfsarbeiter in einer Schlosserei. Schneiderin Minna träumt von einem eigenen Atelier. „Sie hatte das Kaiserreich erlebt, den großen Krieg, die Nachkriegszeit und die Währungsreform. Aber jetzt ging es bergauf!“ (Seite 10) Als Leser:in ahnt man natürlich, dass diese Hoffnung trügerisch ist. 

Zunächst läuft alles prima für Minna, die sich jetzt Mia nennt. Sie lernt den um zehn Jahre älteren wohlhabenden Kaufmann Fred Molitor kennen. Er ist spontan hingerissen von ihrem schlagfertigen Witz und ihrer unverblümten Art. Natürlich ist beiden klar, dass sie gesellschaftlich Welten trennen. Trotzdem macht er ihr nach wenigen Wochen einen Antrag – und Mi(nn)a nimmt an. Sie ist beeindruckt von seinem Lebensstil und gibt sich alle Mühe, schnell das richtige Benehmen zu erlernen, um sich und ihn nicht zu blamieren. Doch das junge Paar hat nicht mit dem erbitterten Widerstand von Freds dünkelhaften Eltern gerechnet.

Sie heiraten trotzdem. Aus dem provinziellen Fräulein Minna Wolf wird Frau Mia Molitor, ein viel bewundertes Mitglied der Düsseldorfer Schickeria. Die Damen wollen alle so modisch gekleidet sein wie sie, und so kommt die begabte junge Schneiderin zu ihren ersten Auftragsarbeiten. Dass sie mit ihrem Schneideratelier bald finanziell erfolgreicher ist als ihr Mann mit seinen Geschäften, passt ihm gar nicht. Und dann ändern sich Lebensumstände radikal …

Neustart in Minden

1930 fängt Mi(nn)a wieder bei Null an – in Minden, wo ihr Bruder Karl wohnt. Ihr Leben dort entwickelt sich bald zu einer Neuauflage ihres Lebens in der Stadt – nur ein paar Nummern kleiner. Aus Mia Molitor wird Minna Volkening: Sie heiratet den bescheidenen Eisenbahner Fritz und eröffnet wieder einen Laden. Doch Gatte Nr. 2 kann mit ihrer Eigenständigkeit und ihrem Erfolg ebenso wenig umgehen wie sein Vorgänger. Minna ist im Grund eine Frau von heute – aber ihr Umfeld ist nun mal von gestern. Das führt unweigerlich zu Konflikten.

Minna ist unpolitisch und kümmert sich nicht um Dinge, die sie ohnehin nicht ändern kann. Dass sie sich auf Dauer nicht heraushalten wird, ahnen wir aber, wenn wir sehen, mit wem sie befreundet ist: mit der jüdischen Kaufmannstochter Hanne Weinberg-Hammerstein und der Sinteza Fannie Freiwald. 

Ein Geständnis …

Ja, und dann kommt der Zweite Weltkrieg. Fritz wird eingezogen, Minna wurstelt sich irgendwie durch und muss sämtliche Verluste alleine verarbeiten. Und was, bitte, soll sie mit dem ungeheuerlichen schriftlichen Geständnis anfangen, das sie im Nachlass ihrer Mutter findet? Noch mehr Drama heraufbeschwören? Sind sie nicht alle schon genügend traumatisiert? So oder so – nach dem Krieg steht Minna ein weiterer Neubeginn ins Haus.

… und noch ein Geheimnis

Sie hat sich verändert. Sie wird ihre alten Muster sicher nicht mehr wiederholen. Aber dass das Leben dieses „tapferen Schneiderleins“ auch weiterhin nicht in ruhigen Bahnen verlaufen wird, ahnen wir aufgrund von Prolog und Epilog. Minna wird sich irgendwann zu einer drastischen Aktion gezwungen sehen, von der ihre Enkelin erfahren wissen müsste. Oder soll sie ihr Wissen doch lieber mit ins Grab nehmen? Wie sie sich auch entscheidet: Geheimnisse, von denen mehr als eine Person weiß, kommen früher oder später sowieso ans Licht. 

Eine verflixt gute Geschichte

Ich habe schon so viele Romane gelesen, dass ich meist recht schnell ahne, worauf eine Sache hinausläuft. Romanhaft aufbereitete Lebensgeschichten sind dagegen nicht so leicht zu durchschauen. Es waren ja schließlich echte Menschen involviert, und die sind manchmal ganz schön unberechenbar. Das ist ein Grund dafür, dass ich diese Art von Büchern so gerne lese. Als Leser:in guckt man fasziniert bis fassungslos bei fremden Leuten aus einer anderen Zeit über den Gartenzaun und sieht, wie sich dort das pralle Leben abspielt. Und dieses Leben schreibt – mit Unterstützung einer erfahrenen Autorin – einfach verd*mmt gute Geschichten!

Jetzt spekuliere ich die ganze Zeit, was Minna ihrer Enkelin wohl lebenslang verschwiegen hat. Ich hätte da schon eine Idee. Und nun weiß ich nicht, was mir lieber wäre: Wenn ich mit meiner Vermutung recht behielte – oder wenn mich die Entwicklung in den beiden Folgebänden total überraschen würde.

Die Autorin

Felicitas Fuchs ist das Pseudonym der Erfolgsautorin Carla Berling, die sich mit Krimis, Komödien und temperamentvollen Lesungen ein großes Publikum erobert hat. Schon bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, war sie als Reporterin und Pressefotografin immer sehr nah an den Menschen und ihren Schicksalen. In ihrer dramatischen Familiengeschichte verarbeitet sie autobiografische Elemente zu einer packenden Trilogie über drei starke Frauen.

Rezensentin: Edith Nebel
E-Mail: EdithNebel@aol.com
www.boxmail.de

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